Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer

06.09.2017  |  Text: Heinz E. Studt  |   Bilder: Heinz E. Studt
Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer
Motorradreise Frankreich Dèpartement Aude - Frühling im Land der Katharer
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Man nehme eine südfranzösische Region fernab des touristischen Rummels, umrahmt von Bergen und Meer sowie verziert mit 94 penibel aufgelisteten Pässen und wähle eine der schönsten Städte Frankreichs als Basislager – fertig sind die Rahmenbedingungen für eine erinnerungs- würdige Motorradreise. Ganz besonders jetzt im Frühling ...
Ja okay, die Wikipedia-Liste der Pässe des südfranzösischen Départements Aude beinhaltet auch eine stattliche Zahl an echten Ameisenhügel mit Höhenlagen um 200 bis 400 Metern und erzeugt damit bei einem Voralpen-Bewohner wie mir herzhaftes Dauergrinsen. Doch der Blick auf eine hoch auflösende Landkarte zeigt rasch, dass die Verbindungsstraßen zwischen diesen wohl niemals lebensfeindlichen »Höhepunkten« exakt das sind, was ich suche: extrem kurven-, ja kehrenreich und fast durchgängig veredelt mit dem berühmten grünen Band besonderer landschaftlicher Schönheit. Also nix wie hin ... 

Carcassonne am Südufer der Aude gehört mit ihrer hoch auf einem Felsen ruhenden historischen Altstadt – der zum UNESCO-Welterbe gehörenden Cité de Carcassonne – zu den schönsten Basislagern, die ich bislang auf meinen Reisen in Frankreich entdeckt habe. Ein fotografischer Leckerbissen zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer außerhalb der französischen Sommerferien sehr gemütlich quirlenden Geschäftigkeit bei Tag und einer Vielzahl an kulinarischen Hotspots am Abend. Die westlichen Ausläufer der Corbières sind unser erster »Spielplatz« anderntags. Jene dünn besiedelten Hügelwelten erstrecken sich vom Mittelmeer Richtung Westen bis zu den Ausläufern der Pyrenäen. Ihr höchster Gipfel, der Pic de Bugarach, erreicht immerhin 1230 Höhenmeter, seine meist dicht bewaldeten »Kollegen« im Durchschnitt allerdings nur gut 400 Meter.



Macht aber nichts, denn das sich vor dem Windschild meiner BMW ausbreitende Straßennetz lässt wohl jede Gashand chronisch jucken. Über Cazilhac und Palaja im Süden von Carcassonne dringen wir in eine Landschaft vor, die mancherorts den Begriff »Einsamkeit« neu definiert. Pisten in ordentlichem Zustand schlängeln sich durch weite Ebenen voller Weinreben bis zum Horizont, gut ausgebaute Verbindungsstraßen laufen schnurgerade durch eine Melange aus Wiesen und Wäldern. 
Über Mas-des-Cours und Arquettes-en-Val geht es dahin, kaum ein Dorf kann unseren Vorwärtsdrang nachhaltig einbremsen. Kilometerlange Alleen führen über Serviès-en-Val und Saint-Pierre-des-Champs tief hinein in die Hügelwelten der Corbières, über Vignevieille und Lairière »erklimmen« wir dann den ersten Pass des Tages, den Col de la Loubière auf 599 Meter Seehöhe.

Die friedlich grasenden Pferde oben am Pass zucken ob des sonoren Sounds des Boxers kurz zusammen, freuen sich aber sehr, als sich herausstellt, dass wir ein paar saftige Äpfel im Gepäck haben. Die Freundschaft ist besiegelt, weiter geht es. Über Villardebelle und Clermont-sur-Lauquet erobern wir den Col de la Garoullière auf 557 Meter Höhe und plötzlich lichtet sich auch der fast omnipräsente Nebel dieses Frühlingstages. Gerade rechtzeitig, denn mit immerhin zehn waschechten Kehren hat der Garoullière zumindest fahrerisch einiges zu bieten. Seine Passhöhe liegt mitten im Wald und lässt schweifende Blicke im dichten Unterholz enden. 

Bei Villar-en-Val lichten sich die Wälder und geben den Blick frei auf eine – wie ich es gerne nenne – »lebensabendgeeignete« friedliche Welt. Bauernhöfe sammeln sich zu kleinen Weilern, die Terrassen der Häuser sind zur Sonne ausgerichtet und in den Gärten wächst augenscheinlich alles, was Mensch im Alltag braucht. So gemütlich ist es hier, dass selbst die Mopeduhr deutlich langsamer »tickt«. Daran ändert auch der Col de Taurize wenig, dessen Passschild auf 498 Meter ich vor lauter Kurvenhatz beinahe übersehe. Via Saint-Hilaire und Villefloure sowie ein Topcase voller Kurven und Kehren erreichen wir wieder Carcassonne. Pünktlich zum Abendprogramm in der einzigartigen Altstadt – mein Einkehrtipp dort lautet: zum Essen ins »La Marquiere« in der Cité (Rue Saint Jean) und danach ins »The Celt Pub« in der Rue Armagnac im Herzen der Neustadt. 

Höchst abwechslungsreiche Strecken erwarten uns in den Bergen der Corbières

Einige »Pässe« des Aude zieren auch Tour Nr. 2 anderntags. Die führt uns in den beinahe schon flunderflachen Abschnitt der Bergwelt der östlichen Corbières. Über Monze, Pradelles-en-Val und Montlaur geht es zunächst gen Osten, bevor ich bei Fabrezan den Blinker rechts setze Richtung Süden direkt zu einer Stippvisite im Parc Naturel Régional Narbonnaise en Méditerranée. Welch ein sperriger Name für ein 80 000 Hektar großes Naturschutzreservat, das bis an die Mittelmeerküste reicht. Die schauen wir uns morgen genauer an, für heute habe ich noch eine satte Portion Kurven- und Kehrenvergnügen eingeplant. 

Das führt uns über Villeneuve-les-Corbières und Tuchan hinab an den Südrand des Départements Aude sowie via Maury nach Duilhac-sous-Peyrepertuse direkt zu Füßen der Ruinen von Peyrepertuse. Unvorstellbare 7 000 Quadratmeter Fläche umfasste einstmals die im 11. Jahrhundert erbaute Katharerfestung, deren Ruinen seit 1908 unter Denkmalschutz stehen. Und heute gegen einen satten Obolus besichtigt werden können. Da sich vor uns gerade zwei Reisebusladungen deutscher Rentner an der Eintrittskasse stapeln, begnügen wir uns mit einem Blick von unten auf Teile der Ruinen. 

Dann geht’s wieder ab in die Landschaft zu exzessivem Passvergnügen. Namentlich ausdrücklich erwähnen, weil gut beschildert, darf ich den Col de Cedeillan (594 m), den Col de la Cascagne (623 m) sowie den Abstecher zum Col de Bedos auf 485 Meter – und mich gleichzeitig bei all denjenigen entschuldigen, die ich vor lauter Freude über die prächtige Kurvenhatz schlichtweg übersehen, sprich »überfahren« habe. Via Saint-Laurent und Lagrasse erreichen wir spätabends unser Basislager pünktlich zur »Blauen Stunde«.

Erinnerung an 2012 – ganz gleich mit welchem Moped, ein Besuch am Meer gehört dazu

Dreimal in meinem Leben bin ich nun schon am Strand von Narbonne gestanden und habe versucht, den Reiz eines Strandurlaubes für mich zu entdecken. Und auch an diesem Mittag liegt der feinkörnige, ja eieruhrtaugliche Sand menschenleer und sauber durchgeharkt vor mir, während die Sonne versucht, ein Loch durch dichte Wolken zu schweißen. Aber auch dieses Mal beschließe ich in Absprache mit Sozia Kirsten, das Thema »Strandurlaub« anderen zu überlassen, denn bereits die Fahrt von Carcassonne entlang der Aude nach Narbonne hat uns so viel Abwechslung geschenkt, wie es kein Badetag jemals könnte.

Die Aude und ihr nahezu parallel verlaufender Canal du Midi schenkten uns gänzlich andere Impressionen als die beiden vorhergehenden Tourentage in den Corbières. Nicht nur das sehenswerte Trèbes lockte mit einem Boxenstopp, auch in Marseillette und Paraza hat die Saison der Freizeitkapitäne augenscheinlich bereits begonnen. Allerorten werden jetzt die Hausboote startklar gemacht, ja die ersten Freizeitkapitäne bekamen bereits ihre Einweisung. Ventenac ist eine besondere »Perle« der Ortschaften am Canal du Midi, dominiert von einem mächtigen Schloss samt Weingütern. Hier kann man sozusagen direkt vom Schiff in die Weinverkostung klettern – und wieder retour. Aber Achtung: Auch am Ruder gelten Promillegrenzen wie an Land.

Narbonne selbst liegt außerhalb des erwähnten Parc Naturel Régional Narbonnaise en Méditerranée und lohnt einen ausgiebigen mittäglichen Boxenstopp. Mein Tipp dazu: das L’Estafette de Nicolas in der Rue Droite – lassen Sie sich vom Stehimbiss-Ambiente nur nicht abschrecken. Ganz im Westen verlieren sich die Hügel der Corbières in den sehenswerten Weiten des Pyrenäen-Vorlandes. Früh am Morgen machen wir uns auf den Weg und huschen über Lavalette und Lauraguel an die Westgrenze des Départements Aude. Felder, Wiesen und vereinzelte Wälder säumen den Weg, auf den Weiden folgen uns höchst neugierige Charolais-Rinder mit Blicken. Das ein oder andere Rindvieh scheint den Klang des Boxers nicht zu mögen, für einen spontanen Zwischenspurt samt Angriff wallt das Blut aber doch zu wenig. Gut so, selbst Sozia Kirsten entspannt sich merklich. 



Mächtige schwarzgraue Wolkengebilde türmen sich derweil über dem Lac de Montbel, einem großen Frischwasser-Reservoir und Freizeitgebiet, und beginnen uns einzukreisen. Ich setze den Blinker links und wende das Moped gen Norden. Über Villelongue-d’Aude und Alaigne wedeln wir erneut durch eine Landschaft, deren Pisten uns ganz allein gehören. Kurz vor Laurac in einer weiten Ebene treffen wir dann wieder auf strahlenden Sonnenschein, der uns bis Castelnaudary begleitet. Auch dieses einstige Zentrum der Katharer teilt der Canal du Midi in zwei Hälften und bestimmt allerorten das Tagwerk der sich selbst »Chauriens« nennenden Bewohner. Es gibt Haus- und Ruderboote zu mieten und in der Brasserie »La Cybelle« direkt am Hafen exakt noch zwei freie Plätze für Kirsten und mich. Wenn das kein Wink ist! Rasch in die Eisen steigen und das Moped parken – Mahlzeit! In einem weiten Bogen über Peyrens und das bildhübsche Montolieu geht es am Nachmittag dann retour ins Basislager zur abschließenden Tourenplanung.  

Beim Blick auf Landkarte und Tracklog ist mir aufgefallen, dass ein Spalt zwischen Tour Nr. 1 und Nr. 4 klafft, ein unentdecktes Terrain. Das darf nicht sein, die Runde ist rasch geplant und auf das Navi geschaufelt, dann flutscht bereits der Korken aus dem Fläschchen Rotwein, natürlich einem aus dem Corbières.   

Eine 220 Kilometer lange Runde durch den Süden des Départements Aude bildet unsere Abschiedstour für dieses Jahr. Über Villefloure und Villebazy treibe ich meine »Abenteuer-GS« durch eine Vielzahl an herrlichen Rechts-Links-Kombinationen, der Col de la Loubière begrüßt uns zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage – diesmal aus entgegengesetzter Richtung kommend und nicht minder genüsslich – und im Hinterland von Montjoi schmücken erstmals markante Felsformationen unseren Weg nach Bugarach sowie zum Col de Saint Louis auf fast schon respektablen 706 Meter Höhe. Boxer, Sozia und ich genießen zwei Kehren sowie einen fahrbaren »Krawattenknoten«, bevor der Weiler Lapradelle Puilaurens unserem Drang gen Süden Einhalt gebietet, denn es wartet noch eine Perle des südlichen Aude auf uns – das Städtchen Limoux.

10 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung soll hier bereits der Mensch gesiedelt haben, Karl der Kahle schenkte den Ort samt Einwohnern (und Steuern!) der Kirche, die später hier ein Bistum errichtete, aber ein Jahr später mangels Interesse wieder auflöste. Nicht minder wechselvoll ging es weiter hier in Limoux im Abseits der Geschichte, heute besticht der Ort durch eine sehenswerte historische Altstadt und so manch lohnenden Einkehrschwung. Mein Tipp dazu: das »Ici & La« an der Esplanade Francois Mitterand – sehr zu empfehlen. 

So wie der anschließende Verdauungsspaziergang durch das Zentrum mit seinem mutig türkisfarbenen Springbrunnen und einer porentief gemütlichen Stimmung. Ebenso verläuft auch der letzte Abschnitt unserer Reise, wir folgen der Aude über Pomas gen Norden, folgen an jedem Abzweig einfach dem schönsten Ausblick und erreichen pünktlich zum Sundowner wieder unser so gastliches Basislager. Und wenngleich der Blick auf sämtliche Tracklogs zeigt, dass wir mit unseren fünf Touren einen Großteil der Landstraßen des Aude erkundet haben, ein Seitenkoffer voller Pläne bleibt dennoch zurück. Denn nicht nur das einzigartige Carcassonne lohnt eine Wiederkehr, auch das Land der Katharer drumherum in seinem touristischen Dornröschenschlaf ist immer wieder eine Reise wert. Sowohl mit dem Hausboot, vor allem aber mit dem Motorrad …
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