Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks

09.08.2017  |  Text: Jochen Vorfelder  |   Bilder: Katja Wickert
Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks
Motorradreise Griechenland – Adventure Country Tracks
Alle Bilder »
Das Gebirge im Norden Griechenlands bietet spektakuläre Trails und wunderschöne Aussichten. ACT Greece hat jetzt eine 5-Tages-Tour gescoutet und bietet sie zum kostenlosen Download an. Wer mag, kann die Tagestracks individuell nachfahren und kombinieren
Antonis Café liegt rund hundertfünfzig Kilometer nordöstlich von Patras am Dorfplatz von Elatovrisi. Es gibt in dem winzigen Weiler tief in den Bergen eine Kapelle, einige schmucke alte Gebäude, aber das war es dann schon. Ganz Elatovrisi besteht aus zwei Dutzend Gehöften. Die weitaus meisten stehen leer. »Belebt ist Elatovrisi nur in den Sommerferien. Dann kommen die Familien zurück und wir haben bis zu 150 Leute im Dorf. Von Oktober bis Juni sind wir aber meist nur zu zehnt«, sagt Antonis und strahlt. Antonis hat gerade geheiratet und zieht bald zur Gemahlin nach Nafpaktos an die Küste, für ihn ist es der letzte Sommer in der Einöde.

Auf Dörfer wie Elatovrisi und auf Landflüchtlinge wie Antonis, schratige Waldarbeiter und einsame Schäfer treffen wir immer wieder auf unserem Trip entlang der Gebirgskette, die sich von der albanischen Grenze bis runter zum Peloponnes zieht. Die höchsten Gipfel, die wir auf rund tausend Kilometern Fahrstrecke passieren, sind um die 2000 Meter hoch und ragen schroff und grau weit über die Baumgrenze hinaus. Das hier ist nicht das Griechenland der lieblichen blauweißen Touristenstrände.

Der erste Tag der Tour führt auf den Peloponnes. Hier geht die nordgriechische Gebirgslandschaft in weite, offene Hügel mit 360°-Panoramen über

Verglichen mit deutschen Verhältnissen ist die Region eine menschenleere Wildnis. Landstraßen ohne Verkehr, einspurige Serpentinen, verschlungene Waldwege, Schotterpisten hoch zu entlegenen Windparks, schlammige Knüppelpfade und sich öffnende Pässe, über die Schafherden und Kühe ziehen – Nordgriechenland ist ein Offroad-Paradies. Und der Trail-Traum ist vollkommen legal: Wälder und Ländereien unterstehen der Zentralregierung in Athen und sind bis auf wenige Ausnahmen wie Nationalparks und historische Stätten frei zugänglich. »Im Süden Europas gibt es noch viele unerschlossene Offroad-Möglichkeiten. Es wäre eine Schande, sie nicht zu nutzen«, sagt Martin Wickert. Martin ist einer der drei Geschäftsführer von Touratech in Niedereschach. Mit Adventure Country Tracks (ACT) will das Unternehmen mit seinen Partnerfirmen Offroad-Wanderstrecken scouten, präzise dokumentieren und kostenlos zum Download anbieten. Wer mag, kann die Strecken gesamt oder etappenweise individuell nachfahren oder sich über ACT vor Ort einen Guide organisieren.

Griechenland ist nach Portugal das zweite Land, das ACT erschließt. Spanien und Frankreich sind in Planung. Bei allen Tracks soll der Reisecharakter im Mittelpunkt stehen – moderate Gravelpisten wechseln sich mit Asphaltpassagen ab. »Wir reden hier nicht über Single Trails und Hardcore-Enduro. Mit ACT gucken wir uns die landschaftlich besonders reizvollen Strecken aus, die man mit großen Schiffen wie der GS oder der Ducati Multistrada samt Koffern, Campinggepäck und vor allem gezückter Kamera bereisen kann«, gibt Martin Wickert die Marschrichtung vor. Die Strecke, die Felipe und seine griechischen Kollegen ausbaldowert haben, ist auf fünf Tage mit Etappen zwischen 120 und 260 Tageskilometern verteilt. Felipe klärt vorab schon einmal auf: »Aber täuscht euch nicht, wir sitzen jeden Tag mindestens sechs bis sieben Stunden auf den Bikes. In den Bergen, wenn wir den Höhenlinien folgen, können zehn Kilometer Strecke sehr, sehr lang werden.«

Brücke oder Fähre? Wir nutzen für die Überfahrt die traditionelle Methode. Auch die meisten Griechen fahren lieber Fähre von Patras nach Nafpaktos; die Brückenmaut kostet ein Vermögen

Und in der Tat, es werden prall gefüllte Tage. Es geht morgens sehr früh raus und abends spät ins Bett. Doch schon die erste Etappe vom Startpunkt Nafpaktos, einem kleinen Badeort am Isthmus von Korinth, zur Sommerfrische Kalavrita auf dem Peloponnes lohnt die Mühen. Die Strecke Richtung Süden ist wie der ganze Griechenland-Track fordernd, aber schlichtweg spektakulär. Zunächst geht es mit der Fähre über die Meeresenge bei Rio-Andirrio, dann schrauben sich staubige Serpentinen hoch auf 1750 Meter. Im Mai kann es in dieser Gegend noch recht unbeständig sein. Wir haben Glück, dass es nicht regnet wie in den Tagen zuvor. Die Himmel ist knallblau, die Luft klar. Die gigantische Brücke über den Isthmus ist auf zwei winzige Zacken tief unter uns geschrumpft.

So geht es weiter, Tag für Tag. Von Kalavrita führt uns der Weg zurück und wir passieren Nafpaktos ein zweites Mal, bevor wir auf dem Weg nach Norden zum Bergdorf Ano Chora in das Gebirge einsteigen, das den Westen Griechenlands vom Osten trennt. Pinienwälder, dunkle feuchte Schluchten, grüne Hochebenen und Pässe im gleißenden Licht wechseln sich in endloser Folge ab. Nur ein Fünftel der ACT-Strecke ist asphaltiert, das zehrt an der Substanz und fordert hohe Konzentration. Felipe Elias, der 2016 bereits die Portugal-Strecke gescoutet hat, erklärt: »Technisch ist der Griechenland-Track auch für Offroad-Anfänger zu machen. Es gibt aber einige leichte Wasserdurchfahrten und man ist vor Überraschungen wie einem Bergrutsch oder einem schweren Gewitter nie sicher. Daher unser Rat:  Niemals die Strecke alleine in Angriff nehmen!«

Rund drei Viertel der ACT-Tracks sind moderate Gravel- und Offroadstrecken. Doch Vorsicht: Wetter und gelegentliche Erdrutsche machen die Tagesfahrzeiten unwägbar

Auch an den Tagen drei, von Ano Chora weiter nach Karpenisi, und vier, der uns weiter nach Neochori am Plastirasee führt, sind wir selbst auf den Teerpassagen, die unsere Trails verbinden, oft allein unterwegs. Hier und da das Geblöke von aufgeschreckten Schafen oder der scharfe Pfiff eines kreisenden Raubvogels, mehr ist nicht. Ansonsten ist das Gegrummel der drei Suzukis, der zwei BMWs, der Africa Twin und der zwei Multistrada Enduros das einzige Geräusch, das uns tagtäglich begleitet.

Es wirkt so, als hätten die Einheimischen manche Ecken sich selbst überlassen. Wenn wir doch auf einen versprengten Hirten treffen oder eine der seltenen Tankstellen anfahren, ist Felipe unser Übersetzer. Unsere ACT-Geschichte löst bei den meisten Griechen vor Ort immer anerkennendes Lächeln aus. »Mehr Offroad-Touren in dieser Gegend wären eine Win-Win-Geschichte. Die Fahrer haben ihren Spaß und uns tut jeder Euro gut, den Touristen hier in Cafés,  Läden und Pensionen lassen«, so die Philosophie.

Die Abende verbringen wir gemeinsam zumeist am Lagerfeuer, nachdem wir unsere Zelte aufgebaut haben. Es wird gemütlich beim Bier und dem lokalen Tsipouro-Obstler. Ich bin auf einer der beiden großen Ducatis unterwegs und komme trotz des hohen Gewichts gut mit ihr zurecht. Sie lässt sich auch in schwierigen, steinigen Passagen leicht manövrieren und der Motor hat genügend Schwungmasse, um Mensch und Maschine auch bei niedrigen Drehzahlen über und durch die Hindernisse zu ziehen. Aber die Handprotektoren, die Behälter für Brems- und Kupplungsflüssigkeiten sowie die integrierten Blinker sind bei der Multistrada aus einem Stück ungeschütztem Plastik konstruiert. Bei einem Sturz oder einem Umfaller, die unausweichlich bei Offroad-Unternehmungen vorkommen, sind dann mal schnell mehrere hundert Euro Schaden zusammen.

Auf den Tracks ist tagsüber Selbstversorgung angesagt. Viele winzige  Bergdörfer, die wir passieren, sind nicht auf Touristen eingestellt. Das höchste der Gefühle ist eine Tasse Kaffee

Am letzten Tag unserer Reise erreichen wir am frühen Abend das kleine Monodendri. Der Ort lebt vornehmlich von den ausländischen Besuchern, die hier an der bekannten Vikos-Schlucht Halt machen. Angeblich ist die riesige Gebirgsfurche an manchen Stellen bis zu tausend Metern tief. Unten im engen Tal mäandert der gleichnamige Fluss durch eine enge Klamm. Auch wir werfen einen Blick über die Klippe, so viel Tourismus muss sein.

Felipe Elias sagt nach fünf sagenhaften Fahrtagen: »Man kann sich natürlich auch richtig Zeit nehmen und ACT Greece auf sieben oder acht Reisetage ausdehnen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, einen Tag zwischendurch zu wandern oder einen Abstecher zu den Tempeln von Delphi oder zu den Metéora-Klöstern zu machen.« Recht hat der Mann, denn es gibt historisch viel zu sehen in Nordgriechenland. Andererseits: Auch die Offroad-Möglichkeiten sind fast grenzenlos. Warum sich also mit vollen Touristenbussen rumschlagen, wenn man solch ein grandioses Gelände erfahren kann?
 

ACT-Touren

Bisher hat ACT jeweils eine Offroad-Wandertour durch Portugal und Griechenland gescoutet: Die Tracks können zusammen mit Infos über Unterkünfte, Zeltplätze und besondere Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke über die Website www.adventurecountrytracks.com im offenen GPX-Format kostenlos heruntergeladen werden. Mit Garmin-Geräten oder Smartphones lassen sich die möglichen Tagesetappen exakt nachfahren. Der Portugal-Track ist rund 1300 Kilometer lang, die Griechenland-Tour etwas kürzer, aber technisch ein wenig ambitionierter. Beide Strecken sind auch für ein Allrad-Gepäckfahrzeug machbar.
 
Szeneshop-Angebote
Szeneshop-Angebote
Ähnliche Beiträge
300.000 Kilometer Abenteuer - Joe Pichler

300.000 Kilometer Abenteuer - Joe Pichler

 

Der Salzburger Joe Pichler (53) hat in den letzten 30 Jahren mit dem Motorrad alle Kontinente dieser Erde besucht. Seit 1987 hält er Vorträge und gilt…

Motorradreise Griechenland/Ägäis/Kykladen – Alles „entaksi”

Motorradreise Griechenland/Ägäis/Kykladen – Alles „entaksi”

 

Berge und Beach, Schotter und Sand, Teer und Tintenfisch, Kurven und Kehren, Mythologie und Meer, bayerisch weiß-blau und griechisch blau-weiß – auf den…

Motorradtour Sauerland – Höhen und Tiefen

Motorradtour Sauerland – Höhen und Tiefen

 

Warum aus dem ehemaligen Süderland das Sauerland wurde, bleibt ein Rätsel. Warum die Region im Osten von Nordrhein-Westfalen absolut geeignet für ein Motorradwochenende…

Motorradtour - Tatort Eifel

Motorradtour - Tatort Eifel

 

Die Eifel ist nicht nur Nürburgring, Kurvenparadies und Einöde. Sie ist auch Heimat für viele Kriminal-geschichten, die abseits des Trubels auf einen fruchtbaren…

Stand:14 December 2017 07:27:03/reiseberichte/motorradreise+griechenland+-+adventure+country+tracks_178.html