Motorradtour Vogesen – Kurz mal weg

19.10.2017  |  Text: Till Kohlmey  |   Bilder: Till Kohlmey
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Motorradtour Vogesen – Kurz mal weg
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Direkt gegenüber vom Schwarzwald sind die Kurven noch runder und die Straßen deutlich leerer. Unterwegs auf der legendären Route des Crêtes
Während sich auf der gegenüberliegenden Seite des Rheingrabens die Massen am Wochenende im Schritttempo durch die Straßen quälen, scheint die Landschaft jenseits der Grenze immer noch im Dornröschenschlaf zu stecken. Der schöne Prinz hat sich hier noch nicht blicken lassen und das ist gut so. Denn im Gefolge hätte er wahrscheinlich Massen von Touristen, die die Straßen verstopfen, und Landschaften, die durch Fünf-Sterne-Wellness-Oasen verschandelt würden.  

Allein schon wegen der fehlenden Infrastruktur scheint eine verkehrstechnische Überflutung der Vogesen fast gar nicht möglich. Hier oben jenseits der 1000 Höhenmeter muss man sich schon frühzeitig nach einer Pension umschauen, die rar gesät und in der Regel auch digital nicht zu orten sind. Bauernhöfe mit einfachen Zimmern, Etagenbetten und ohne WLAN sind hier oben angesagt und gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Unten im Tal sieht das schon ein wenig anders aus. Da ist das Elsass mit seinen herausgeputzten Ortschaften und den geselligen Weinfesten nicht weit, aber der Trubel wird nur selten in Form von Reisebussen in die Berge chauffiert. Wir bleiben daher ganz oben auf dem Grenzkamm der Vogesen und folgen der Route de Crêtes, die am Col du Bonhomme startet und bis nach Cernay führt, das nicht unweit der Schweizer Grenze liegt. Als Einstieg ist Sainte-Marie-aux-Mines, eine alte Bergarbeiterstadt, nicht schlecht, das man über die grenznahe Autobahn schnell erreicht und die auf der D 148 hinauf zum ersten Pass schon einige spannende Kehren bereithält.

Auf dem Grenzkamm sind die Aussichten famos und Kurven allgegenwärtig

Allzu früh im Jahr sollte man hier oben allerdings nicht unterwegs sein. Bis Ostern ist meist noch Skisaison und die meisten Bauernhöfe haben noch nicht geöffnet, weil sie teilweise auch noch gar nicht erreichbar sind. Die Routes de Crêtes wird über den Winter nicht geräumt und in vielen Teilen sogar als Langlaufloipe genutzt, da sie ja keine Ortschaften miteinander verbindet und daher nur touristischen Verpflichtungen nachkommt. Bis Mai hinein wird man an vielen Stellen noch mit Schneeresten konfrontiert, da auch hier, wie in so vielen Mittelgebirgen Deutschlands inzwischen üblich, die Schneekanonen den Winter künstlich verlängern.

Wer die große Kreuzung am Col du Bonhomme passiert hat und den Schildern »Route de Crêtes« folgt, kann wenige Kilometer später am Col de Louschbach, einem scheinbar verwaisten Verkaufsstand mitten im Nirgendwo, seinen Reiseproviant mit Käse aus Munster und Blaubeerkuchen (Tarte aux Myrtilles) auffüllen. Hier sind die kulinarischen Highlights der Region nämlich deutlich preiswerter als in der Käsehochburg Munster und die geeigneten Plätze zum Picknick mit Aussicht folgen kurze Zeit später.  

Kurz vor dem Col de la Schlucht verdunkelt ein in den Fels geschlagener Tunnel die Aussicht auf die Rheinebene

Wir folgen dem dichten Tann noch einige Kilometer bis zum Col de la Schlucht, der aufgrund seiner zentralen Lage vielen Bikern als Treffpunkt dient. Wer hier jetzt links den Blinker  setzt, landet auf der schwungvollen und wunderbar asphaltierten D 417 schnell in Munster und kann im Frühjahr den Störchen beim Klappern zuschauen. Den leckersten Café au lait und die beste Storch-Aussicht garantiert die Patisserie Meyer am Place du Marché. Wer jetzt allerdings noch nicht runter ins Tal möchte, biegt am Col rechts ab und passiert die Brasserie de Schlucht  auf der Ecke mit den legendären Comic-Zeichnungen von Joe Bar. Eine Kurve später geht es links hinauf in Richtung Grand Ballon. Die Straße gewinnt schnell an Höhenmetern und durchbricht bald auch schon die Baumgrenze. Von einem auf den anderen Meter verändert sich die Landschaft und trägt plötzlich ein buntes Kleid, das je nach Jahreszeit seine Farben wechselt. Der Blick wandert weit über flache Bergkuppen, die hier Ballons heißen, und tiefe Täler, wo sich vereinzelte Häuser an blau schimmernde Seen schmiegen.

Die Ruhe ist greifbar und eigentlich möchte man den viel zu lauten Zweizylinder der Ducati auch gar nicht so richtig aufbrüllen lassen, aber die Kurven hier oben lassen einem gar keine andere Wahl. Die Straße ist in der Regel auch in einem guten Zustand, wenn der Frost im Winter es gut mit ihr gemeint hat. Links und rechts weisen Schilder auf einfache »Ferme Auberge« hin, die zumeist nur über Schotterpisten erreichbar sind und wo sich das Leben noch nach den Wünschen der Kühe richtet. Die Region hier oben wird  auch gerne als »Kleini Schwitz« (kleine Schweiz) bezeichnet, weil das Milchvieh den Sommer auf den Berghöhen verbringt und im Tal überwintert. Ein Abstecher lohnt sich allemal, denn in den Höfen scheint die Zeit noch wirklich stehen geblieben zu sein. Das, was man zum Leben braucht, wird größtenteils noch selbst produziert und das andere braucht man eigentlich auch gar nicht.

Von Cernay aus schwingt sich die Straße in weiten Bögen den Berg bis zum Grand Ballon hinauf

Wir wollen heute aber noch bis ans Ende der Route de Crêtes. Zum Grand Ballon, der mit seinen 1424 Metern hier alles mächtig überragt. Unterhalb davon, direkt an der Passstraße, liegt das Hotel »Chalet Hotel du Grand Ballon«, das allein schon wegen seiner exklusiven Lage eine Übernachtung wert ist. Wer noch gut drauf ist, kann von hier aus die Bergspitze zu Fuß erklimmen, wo on top eine zivile Radarstation dem Berg eine unverkennbare Note gibt.

Wem das hier oben aber zu karg, zu kalt und zu einsam ist, sollte sich noch in den Sattel schwingen und hinab ins Tal düsen, wo die Temperaturen direkt ansteigen und die Auswahl an weinseligen Pensionen überproportional zunimmt. Wer jedoch im Hotel noch ein Zimmer ergattert, was gerade am Wochenende ohne Vorbuchung besonders schwierig wird, sollte nach dem Abendessen auf jeden Fall noch mal vor die Tür gehen und einen Blick ins Tal werfen. Bei klarer Sicht ist das Rheintal von Colmar über Freiburg, Mühlhausen bis nach Basel komplett illuminiert und die Sterne über einem scheinen zum Greifen nahe.

Und es lohnt sich am nächsten Tag früh aus den Federn zu kommen – dann bekommt man die Kammstraße auf einem leeren Tablett serviert.  Kein Mensch ist unterwegs wenn die ersten Sonnenstrahlen lange Schatten werfen und die Landschaft in ein weiches Licht tauchen. Das sind so mit die schönsten Motorradmomente, die man sich auf seiner Festplatte abspeichern kann. Der Rückweg über La Bresse und Géradmer darf da schon fast als Kontrapunkt gesehen werden, weil es hier deutlich hektischer und touristischer zugeht. Man verlässt die Kammstraße und taucht tief in die Täler ein, die kurvenreich die Ortschaften miteinander verbinden. Vorbei an Seen, die blaue Farbtupfer in die Landschaft setzen und so früh im Jahr noch keine Badehose anlocken, weil das Wasser aus den Bergen noch eiskalt serviert wird.

Kein zweites Mittelgebirge in 
unserer Region hat diese Bandbreite zu bieten

In Géradmer, das auch gerne als »Perle der Vogesen« bezeichnet wird, ist Sommer wie Winter Hochbetrieb. Das Postkartenmotiv mit dem großen Lac im Vordergrund und den Bergen dahinter ist schon fast kitschig, versprüht aber auch einen gewissen südfranzösischen Charme, dem man sich nicht so einfach entziehen kann. Wer auf der Terrasse des noblen Beau Rivage aus den 50er Jahren den ersten Eisbecher der Saison für sündhaft teures Geld schlabbert, erinnert sich vielleicht schon gar nicht mehr an den eisigen Wind, der oben am Grand Ballon die Multifunktionskombi an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht hatte. Kein zweites Mittelgebirge in unserer Region hat diese Bandbreite und Vielfalt zu bieten. Und genau genommen liegen die Vogesen ja vor unserer Haustür – quasi vis-a-vis vom Schwarzwald.
 
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Stand:25 November 2017 06:27:56/reiseberichte/motorradtour+vogesen+-+kurz+mal+weg_171006.html