Motorradtour - Tatort Eifel

13.04.2017  |  Text: Till Kohlmey  |   Fotos: Till Kohlmey
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Motorradtour - Tatort Eifel
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Die Eifel ist nicht nur Nürburgring, Kurvenparadies und Einöde. Sie ist auch Heimat für viele Kriminal-geschichten, die abseits des Trubels auf einen fruchtbaren Nährboden stoßen. Eine flotte Eifel-Runde mit Tatortmotiven.


Die Anfahrt über die A61 gehört zum Standard und wer nicht am Wochenende kommt, hat die kurvigen Straßen hinauf zur Kalenborner Höhe und hinab ins Ahrtal meist für sich allein gebucht. Es ist Montag und von den Rennsport-Touristen, die hier gestern noch unterwegs waren, ist außer ein paar Gummispuren auf dem Asphalt nicht mehr viel zu sehen. Beim Café Ahrwind in Ahrbrück, beliebter Treffpunkt für Zweiradfahrer, weil in der Einflugschneise zum Nürburgring liegend, ist normalerweise ein erster Stopp angesagt. Heute nicht, denn montags ist Ruhetag und so schwinge ich mit dem Scrambler ohne Kaffee im Bauch durch das Kesselinger Tal hinauf in Richtung Hohe Acht. Hier auf der Nebenstrecke sind die Straßen schmal und schlecht asphaltiert, aber die wenigen Motorradfahrer, die sich hierhin verirren, kennen die Strecke aus dem Effeff und sind schnell unterwegs.
 
Tatort Orient-Express: Im Café Sherlock kann man im Abteil von Hercule Poirot Platz nehmen
 
Ich biege vor der Hohen Acht auf die Schnellstraße ab und komme kurze Zeit später an der Döttinger Höhe raus. Hier auf der langen Geraden der legendären Nordschleife, die rechter Hand parallel zu mir verläuft, wird der höchste Speed auf der Rennstrecke gefahren. Ich aber habe bereits meinen ersten Tatort erreicht. In Jacques Berndorfs »Eifel-Rallye« wird ein Motorradfahrer »direkt neben der B 258 auf der langen Geraden von der Bahn geblasen. Im Vorbeifahren sozusagen«. Mit einer Schrotflinte wie sich später herausstellt. Den verpassten Kaffee gönne ich mir im alten Fahrerlager, wo auch die zweitbeste Currywurst der Region auf mich wartet. Hier, in diesem kleinen Carré, ist die Welt noch in Ordnung. Es gibt eine Pommes-Bude, ein mehr als skurriles Museum und rund zwanzig eher unscheinbare Garagen, die an die guten alten Zeiten vom Ring erinnern. Da stehen dann so Namen wie John Surtees, Carlos Reutemann und Gilles Villeneuve oben angeschlagen und wenn man innehält, hört man den Ferrari von Gilles hinter den silbernen Toren noch brummen.
 
Nichts, aber auch gar nichts deutet hier im Innern auf die schrecklichen Neubauten rund um das Lindner-Hotel hin, das mit dem hochdefizitären Eifeldorf um die Wette vegetiert. Aber wegen des Grand-Prix-Kurses und seinen schier endlosen politischen Verstrickungen bin ich gar nicht vor Ort. Ich bin auf Tatortsuche. Denn hier in der Eifel wird fröhlich gemeuchelt und gemordet – zumindest wenn man den vielen Krimiautoren glauben schenken darf, die die Region als Biotop für Mörder auserkoren haben. Vis-à-vis vom Alten Fahrerlager liegt auch schon das nächste Opfer bereit. Unter den alten Buchen mit Blick auf die Nürburg wurde seinerzeit die Leiche von Harro, einem 32-jährigen Journalisten gefunden, der laut Obduktion an einem Herzinfarkt gestorben sein soll. Das glaubt natürlich kein Mensch, auch deswegen nicht, weil Harro einer versäumten Rückrufaktion eines bekannten deutschen Automobilherstellers auf die Schliche gekommen war. Gar nicht so weit hergeholt denke ich, wobei der Krimi »Eifel Rallye« aus dem Jahre 1998 der Gegenwart schon erstaunlich nahekommt.
 
Tatort Nürburgring: Unter den Buchen gegenüber vom alten Fahrerlager haucht der Journalist Harro im Krimi »Eifel Rallye« sein Leben aus

Wir lassen die alten Buchen und den Nürburgring hinter uns und düsen weiter Richtung Hillesheim, der eigentlichen Krimi-Hochburg der Eifel. Zuvor ist der kleine, aber feine Abstecher nach Berndorf natürlich ein Muss, denn schließlich hat hier der Eifel-Krimi quasi sein Geburtshaus. Michael Preute lebte hier lange in der Lindenstraße und schrieb unter dem Pseudonym Jacques Berndorf unzählige Eifel-Krimis. Das eher unscheinbare Haus wird inzwischen als Ferienhaus vermietet, weiß der Nachbar. Seit Mitte der Neunziger lebt der Autor Berndorf tatsächlich nicht mehr in Berndorf. Es hat ihn nach Dreis-Brück verschlagen, dort, wo die A1 plötzlich im Nichts endet. Nach über sechs Millionen verkauften Eifel-Krimis scheint beim erfolgreichsten Krimiautor Deutschlands auch etwas die Luft raus zu sein. 2013 erschien sein bis dato letzter Eifel-Krimi. Tatorte hat er aber reichlich hinterlassen. So auch direkt in der Nähe von Berndorf am Golf-Club Eifel. Auf Bahn 16 werden zwei Tote gefunden, erschossen mit giftigen Pfeilen aus einer Armbrust. Bei den Toten handelt es sich um den lebenslustigen Banker Pierre Kinn und seine Freundin Heidelinde Kutschera, die offenbar einem Eifersuchtsdrama zum Opfer gefallen sind.

Tatort Hillesheim: Deutschlands erstes Krimihotel bietet  das passende Ambiente für ein schauriges Wochenende

Wir überlassen auch diesen Fall Siggi Baumeister und kurven weiter bis nach Hillesheim, die Hauptstadt des Krimis schlechthin – nicht nur in der Eifel. Ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer Ort mit viel alter Stadtmauer und dem typischen Charme eines Eifel-Städtchens, das zwischen Tourismus und Alltag unlustig hin- und herschwankt. Hier sind auch Monika und Ralf Kramp zu Hause, die nicht ganz unschuldig sind an dem Krimihype in dieser Stadt. Ralf ist selbst Krimiautor und Verleger des hier ansässigen KBV-Verlags, der natürlich mit Vorliebe Eifel-Krimis verlegt. »Seit ich denken kann, habe ich mir Geschichten einfallen lassen. Seltsam ist nur, dass dabei immer wieder etwas Kriminelles herauskommt«, lautet sein Credo. Und so sieht die Wohnstube der Kramps, das Kriminalhaus am Markt, auch aus. Da ist zum einen das »Café Sherlock« untergebracht – aus kriminaltechnischer Sicht bis ins kleinste Detail piekfein ausgestattet. Eine Etage tiefer die Buchhandlung »Lesezeichen« mit Eifel-Krimis bis zum Abwinken. Und ergänzt wird das Ganze durch das im oberen Stockwerk untergebrachte »Deutsche Krimi-Archiv« das mit rund 30 000 Bänden die wohl größte zusammenhängende Sammlung deutschsprachiger Kriminalliteratur darstellt. Noch Fragen?

Nach einer »mörderisch leckeren Eifler Steckrüben-Suppe« im Café steht die Übernachtung im ersten Deutschen Krimihotel noch ganz oben auf der Liste. Das Hotel direkt um die Ecke vom Kriminalhaus verfügt nämlich über zehn individuell eingerichtete Doppelzimmer, wo je nach Geschmack, Miss Marple, Edgar Wallace, James Bond oder Kommissar Maigret ihre Spuren hinterlassen haben. Ich entscheide mich für den Meister aller Krimis Alfred Hitchcock und bekomme den blutverschmierten Duschvorhang aus dem Film »Psycho« serviert. Die Nacht verläuft aber ohne Zwischenfälle. Wer will, kann hier auch spezielle Krimiarrangements über das Wochenende buchen, mit Führungen zu den »Schauplätzen des Verbrechens«. Mir reicht die eine Nacht mit Anthony Perkins völlig und das Bedürfnis nach Ruhe, Kurven und Landschaft treibt mich nach dem »Frühstücksbuffet mit Mordsauswahl« Richtung Monschau. Hier, an der unmittelbaren Grenze zu Belgien geht es in entspannten Bahnen entlang am ehemaligen Westwall mit seinen heute noch gut sichtbaren Mahnwachen in Gestalt betonierter fünfreihiger Panzersperren. Hinter Hallschlag macht die Strecke noch einige schöne Schlenker bis hinunter nach Hellenthal, aber Tote gibt es hier auf der Strecke nicht mehr zu beklagen. Nur noch eine ganz seltene Spezies von Touristen, die die grenznahen Verkaufsstände in Belgien ansteuern, um ihre Autos günstig vollzutanken und um ihre Wochenration an Kaffee und Zigaretten zu horten.
 
Tatort Eifel: Zum Motorradfahren sollte man sich nach den vielen ungeklärten Mordfällen auch noch Zeit nehmen

Wir sind Gott sei Dank ohne Satteltaschen unterwegs und bleiben auf Kurs, denn das schöne Eifelstädchen Monschau hat noch einiges in petto. Mit sechs Gewehrschüssen wurde hier Jakob Driesch im »Eifel-Sturm« tief unten im Bett der Rur hingestreckt. Der Bundestagsabgeordnete war zufällig Experte für Windenergie. »Hat der Mord etwas mit dem gigantischen Windkraftprojekt in Hollerath zu tun?« Noch ist dieser Fleck in der Eifel optisch sauber, aber an vielen Stellen sind die riesigen Rotorblätter schon in Betrieb und sorgen beim Großteil der Bevölkerung vermehrt für Unmut. Wie auch der letzte Abschnitt unserer Eifel-Rundreise, die vorbei am Rursee führt, wo die wohl schönsten Kurven der Eifel zum Ausklang auf uns warten. So schön und knifflig, dass einige Biker hier leider viel zu häufig ihre gute Kinderstube vergessen und das Areal als Rennstrecke betrachten. Das Resultat: Es gibt reichlich Streckensperrungen – speziell am Wochenende. Aber wie schon erwähnt, die Eifel sollte man am besten unter der Woche erfahren – alles andere ist mörderisch.   



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Stand:20 September 2017 22:02:25/reiseberichte/tatort+eifel_173.html