BMW G 310 GS – Fahrbericht

15.11.2017  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Werk
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BMW G 310 GS – Fahrbericht
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​„Drei Wörter zum Bike“, fordere ich frech von dem Kollegen von BMW. Wir sitzen gemütlich beim Abendessen am Vorabend der Fahrpräsentation der neuen Mini-GS. Das Wetter hier in Barcelona ist mild, das Essen würzig und meine Frage scheinbar pikant. Überrumpelt, dann aber doch mit Gewissheit antwortet er: „GS-ig, facettenreich und zuverlässig“
Starke Worte. Nicht jede Modellreihe kann aus dem eigenen Namen ein Adjektiv basteln, das dann auch noch ein Bild im Kopf entstehen lässt. Das Bild in meinem Kopf, es amüsiert mich allerdings eher: Klapphelme, Warnwesten und Funkgeräte sehe ich vor meinem inneren Auge. Doch Spaß bei Seite. Als GS-Neuling erwarte ich von einer GS ein komfortables, unaufgeregtes und optimal funktionierendes Motorrad. Das Schwester-Moped, die G 310 R, kenne ich bereits. Sie hat mich überrascht und überzeugt. Tut ihr die Verwandlung in ein GS-iges Motorrad wirklich gut?



Fahrtag. Es geht über kurvenreiche Landstraßen in einen kleinen Enduropark. Dort soll sich das G aus der Modellbeschreibung beweisen. Tourance nennen sich die Sohlen, die für dieses Modell extra zusammen mit Metzeler entwickelt wurden. Ein wenig Stolle, aber nicht zu viel, um auf der Straße in Schräglage zu nerven. Abgestimmt ist das Fahrwerk auf 80 Kilogramm Menschenmasse. Mit knapp 30 weniger nehme ich Platz auf dem klischeebeschwerten Motorrad und sinke soft ein. Die Federwege vorn und hinten haben großzügige und geländetaugliche 180 Millimeter. Die Upside-down-Gabel ist recht straff abgestimmt, hier ist leider keine Nachjustierung möglich. Hinten sieht es anders aus: Das Federbein wirkt schluckfreudiger und lässt sich bei Bedarf in der Vorspannung anpassen. Also hinten G und vorn S? Klingt nach einem komischen Kompromiss.

Ein Kollege reißt mich aus meinen Gedanken und fragt mich, ob alles okay sei. Seine Augen huschen dabei zu meinen Füßen: Die Standard-Sitzbank mit 835 Millimeter ist bei meiner Größe von 1,65 Meter grenzwertig hoch. Meine Fußspitzen kitzeln gerade so den Asphalt. Die niedrige Variante hat 820, die hohe 850 Millimeter. Kurze Info vorweg: Meine Erwartung bezüglich der Reisetauglichkeit erfüllt die GS. Dank des breiten, komfortablen Sitzes ist der Popo auch nach acht Stunden im Sattel happy. Der Lenker ist breit und leicht zum Fahrer gekröpft, das macht ein agiles Handling möglich und trotzdem ist der Armwinkel angenehm. Größere Touren und längere Fahrten sind möglich. Das ist ziemlich GS-ig. 



Das gewöhnungsbedürftige Getriebe habe ich diesmal im Griff. Kollegen, die nicht wie ich bereits das Vergnügen mit der G 310 R hatten, würgen das ein oder andere Mal im Stadtverkehr ab. Die Kupplung fordert  Aufmerksamkeit am Schleifpunkt, sonst straft sie konsequent mit dem Motor-Aus. Während der ersten Kurven sind GS und ich uns noch fremd, nennen wir es Kennenlernphase. Nach und nach aber gewinne ich Vertrauen in die Bereifung und das Kurvenverhalten. Dank des agilen Handlings sind auch schnelle Wechselkurven möglich. Mein Eindruck: Sie kann der Roadster-Version auf der Straße nicht das Wasser reichen. Das Fahrwerk der G 310 R ist besser auf die Straße abgestimmt und die vorderradorientierte Sitzposition perfektioniert geradezu das Handling. 



In Sachen Motor macht die Mini-GS Spaß. Vibrationsfrei bis in den roten Drehzahlbereich bei 10000/min, untertourig ruckelfrei und zwischen 5000 und 9000 zieht der Eintopf erfreulich an. Wie bei der R ist der Zylinder nach hinten geneigt und der Zylinderkopf um 180 Grad gedreht. Der Einlasstrakt liegt in Fahrtrichtung gesehen vorn, der Auslasstrakt hinten. Der Vorteil laut BMW: Mehr Stabilität durch Verlagerung des Schwerpunktes. Gut zehn Kilo hat die GS gegenüber der Roadster zugenommen und kommt damit auf knapp 170 Kilogramm vollgetankt. Das ist immer noch dynamisch, vor allem im Vergleich zu den dicken und größeren GS, die sich deutlich schwerfälliger durchs Gelände schieben lassen.  



Wir bleiben stehen. Unser Guide (ohne Warnweste) macht eine Ansage: „Jetzt geht’s in den Enduropark. Das Moped ist für leichtes Gelände ausgelegt, also rastet bitte nicht komplett aus. ABS könnt ihr nun gern abschalten.“ Unser Dirt Track führt uns Schotterpisten entlang, um ein paar enge Kurven herum, über einige Geraden, unter tiefhängenden Baumkronen hindurch und schließlich einen steinigen und geschlungenen Pfad hinauf. Hier spielt die GS ihre Stärken aus. Kompromisslos schluckt sie den Untergrund, das Federbein tanzt fröhlich vor sich hin. Ich stehe während der gesamten Fahrt stabil auf den Offroad-Fußrasten. Die Gummiabdeckungen haben wir vorher abgenommen. Der Schwerpunkt ist hoch, das Handling hier im Gelände im Gegensatz zur Straße tadellos. Kurze Pause. Ich schau mich um und genieße den fabelhaften Ausblick. Hier wären wir mit Straßenmotorrädern nicht gelandet. Und genau das ist die Besonderheit der GS: eine andere Perspektive zu erfahren. Also gibt es ihn nicht, den Konkurrenzkampf zwischen GS und ihrer Roadster-Schwester: Es kommt darauf an, welche Prioritäten man legt. 



Der Motor braucht eine gewisse Drehzahl, zieht dann aber spaßig an. In Sachen Fahrwerk ist BMW ein feiner Kompromiss zwischen Gelände und Straße gelungen, auch wenn die GS auf geteerten Wegen nicht gegen die G 310 R anstinken kann. Das Getriebe – tja, könnte besser sein, aber ist schlussendlich Gewöhnungssache. Optisch trägt sie das typische GS-Kleid: Die Front erinnert an die Großen und der Gepäckträger ist serienmäßig. Ist sie also das Motorrad für angehende Spießer? Kann sein. Klischee hin oder her – eine Tatsache macht sie für mich absolut unspießig:  Endlich hat ein Hersteller  ein Motorrad in die Welt entlassen, dass den Beinamen Enduro auch wahrhaftig verdient. Kein Mensch will seine Reiseenduro mit mehr als 200 Kilo im Gelände zwischen den Beinen wissen, keiner braucht eine wahnsinnige Leistung auf Dreckwegen. Aber mit der G 310 GS machen spontane Abkürzungen und Querfeldeinwege wieder Spaß. Wenn die Straße im Feldweg mündet, endet die Entdeckungsfahrt noch lange nicht – im Gegenteil: Hier fängt sie an. Endlich kann auch ich mitreden und muss gestehen: Die GS ist sehr wohl GS-ig, facettenreich und zuverlässig. 


 

TECHNISCHE DATEN BMW G 310 GS

Preis: 5800 Euro
Motor: wassergekühlter Einzylinder-Viertakt Motor, vier Ventile pro Zylinder
Hubraum: 313 ccm
Leistung: 34 PS (25kW) bei 9500/min
max. Drehmoment: 28 Nm bei 7500/min
Bohrung x Hub: 80 x 62,1 mm
Verdichtung: 10,6 : 1
Kupplung: Mehrscheibenkupplung im Ölbad
Anzahl Gänge: 6
Endantrieb: Kette
Rahmen: Gitterrohrramen
Federung vorne: Upside-down-Gabel Ø 41mm
Federung hinten: Zentralfederbein, Federbasis einstellbar
Reifen vorne: 110/80 R 19
Reifen hinten: 150/70 R 17
Bremse vorne: Einscheibenbremse Ø 300 mm, 4-Kolben-Radialbremssattel 
Bremse hinten: Einscheibenbremse Ø 240 mm, 1-Kolben-Schwimmsattel
Länge: 2075 mm
Breite: 880 mm
Sitzhöhe 835 mm
Radstand: 1420 mm
Lenkkopfwinkel: 63,3 Grad
Nachlauf: 98 mm
Leergewicht: 169,5 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: kg
Tankinhalt: 11 Liter
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Stand:25 November 2017 06:30:20/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/bmw+g+310+gs+-+fahrbericht_171103.html