Fahrbericht Kawasaki H2 SX – Gran Turismo

06.02.2018  |  Text: Matthias Hirsch  |   Bilder: Kawasaki
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Fahrbericht Kawasaki H2 SX – Gran Turismo
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Die H2 schlug vor kurzer Zeit in der Motorradwelt ein wie eine Bombe. Als H2R mit kompressorgeladenen 300 PS und extrem radikal in allen Belangen. Die Straßenvariante war zwar deutlich ziviler, aber noch immer ein radikaler Exot in der Welt der motorisierten Zweiräder. Was liegt da näher, als die H2 in einen Sporttourer zu verwandeln? Im Grunde alles, aber Kawa hat es dennoch getan. Zum Glück, denn wir sind den aufgeladenen Tourensportler in Portugal gefahren.
Und der Autor verweigert gleich mal die Frage nach der Sinnhaftigkeit der H2 SX. In einer Welt, in der immer größere Geländewagen – die niemals wirklich ein Gelände sehen – für den Schultransport von immer weniger Kinder genutzt werden, in der die Menschen dicker werden und immer mehr fliegen, die Flugzeuge aber immer enger bestuhlt werden – wieso sollte da ausgerechnet bei einer so emotionalen Angelegenheit wie Motorradfahren die Frage nach Sinn und Unsinn gestellt werden. Manchmal sollte man die Dinge einfach so nehmen, wie sie sind, im Fall der H2 SX sogar unbedingt – denn sie ist ein wahrer Quell der Freude.

Also ignorieren wir das übliche „Wer braucht denn so etwas?“ und nähern uns der Kawa. Zugegeben, etwas mulmig war mir schon vor Antritt der Testfahrt. Ultraviel Leistung und Drehmoment, die H2 ist für ihr giftiges Ansprechverhalten bekannt – Bedenken machten sich bei mir breit. Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zur radikalen Organspenderin recht klein, auch die H2 SX ist ein radikales Gerät. Schaut man genauer hin, fällt der andere Auspuff auf, sind die Lenkerstummel deutlich höher, ebenso die Verkleidungsscheibe. Das Heck ist länger und hat etwas, was es bei der H2 nicht für Geld und gute Worte gibt: einen Soziusplatz. Merken muss man sich den nicht, wenn etwas nicht tourentauglich ist, dann der Platz hinter dem Fahrer.
Mehr Sinn macht da schon das optionale Koffersystem. Von der Optik ähnlich dem der S1000SX fügen sich die Koffer gut in das Gesamtbild der H2 SX ein. Zudem haben sie keinen negativen Einfluss auf das Fahrverhalten bei hohen Geschwindigkeiten. Kawasaki verzichtet auf eine Geschwindigkeitsempfehlung und gibt die bekofferte Fahrt bis zur Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h frei. Einer der Kawasaki-Testfahrer versicherte uns glaubhaft, dass die H2 SX sogar mit Koffern und Sozius bei 300 Sachen liegt wie ein Brett.

Dieses Brett kommt in zwei Versionen auf den Markt: die Basisvariante für 18.995 Euro und die besser ausgestattete H2 SX SE für 21.995 Euro. Die H2R kostet übrigens 28.500 Euro. Beide Versionen der SX kommen mit dem kompletten Elektronik-Package. Kurven-ABS, Traktionskontrolle (schräglagenoptimiert), einstellbare Motorbremse, drei Leistungsmodi – all das überwacht über eine IMU von Bosch. Die SE hat zusätzlich einen Quickschifter zum Hoch- und Runterschalten, eine Launch-Control, Stahlflex-Bremsleitungen, farbiges TFT-Display, LED-Kurvenlicht, eine höhere Scheibe und einige optische Aufwertungen. Und wie es sich für einen Tourer gehört, ist bei beiden Versionen ein Tempomat enthalten. Für das Kofferset sind ingesamt 844 Euro fällig, inklusive Befestigung, Farbvarianten und Schlösser für das Einschlüssel-System.

Motor H2 SX – sanfter, aber riesiger Riese

Kommen wir zum Herzstück, dem mit Kompressor geladenen Reihenvierer. „Supercharge your Journey“ – so der Claim von Kawasaki für die H2 SX. Einmal mehr ähneln die Eckdaten denen des supersportlichen Schwestermodells. Die Spitzenleistung von 200 PS liegt allerdings etwas früher an, gleiches gilt für das Drehmoment, das mit 137 Nm auch etwas höher ausfällt. Und wieder geht es um mehr Kraft in der so oft erwähnten Drehzahlmitte, weniger um Spitzenperformance. Dementsprechend wurden einige wichtige Komponenten überarbeitet. Das Verdichterrad des Kompressors sowie das Ansaugsystem beispielsweise. Ebenso Kolben, Zylinder, Kurbel- und Nockenwelle sowie Drosselklappengehäuse und Auspuffanlage.

Wer jetzt einen lauten, ungehobelten Haudrauf-Motor erwartet, muss enttäuscht werden. Stattdessen überrascht der Reihenvierer mit perfekten Manieren, unglaublicher Kraft und insgesamt einer Souveränität, die ihresgleichen sucht. Es gibt ja einige potente Antriebe am Markt, aber die Art und Weise wie die H2 SX nach vorn geht, ist einzigartig. Der Schub scheint nie zu enden, immer mehr Power schaufelt der Kompressor dazu, begleitet von einem fröhlichen Zwitschern. Wie beschreibt es ein Kollege: „Man muss ja gar nicht so viel Gas geben, aber es macht einfach so viel Spaß, das Vögelchen zu hören“.

Dabei geht die Kawa schon im Drehzahlkeller sauber ans Gas, 30 km/h im dritten oder 50 im letzten Gang? Kein Thema. Und weil der Reihenvierer keine Drama-Queen ist, fährt man oft deutlich schneller, als man es wahrnimmt. Das Einsatzspektrum des Antriebs ist erfreulich breit, man kann ohne Probleme gemütlich bummeln, zügig im hohen Gang unterwegs sein oder eben das Vögelchen zwitschern lassen und ordentlich einen herbrennen. Und hier liegt der Unterschied zu anderen Konzepten – es gibt kein Entweder-oder. Die H2 SX schafft spielerisch den Spagat zwischen Kraft im Keller, viel Druck in der Mitte und ausgesprochener Drehfreude.



Gelingt es der H2 SX auch aus sporttouriger Sicht zu überzeugen? Die erste Sitzprobe passt schon mal. So aufrecht wie auf den meisten Tourern sitzt man nicht, vom sportlichen Bückling ist man allerdings ebenfalls weit entfernt. Die Stummel kommen einem weiter entgegen, als es auf den ersten Blick scheint, und damit ergibt sich eine nach vorn gebeugte, sportlich angehauchte Sitzposition. Die Füße werden ebenfalls etwas höher als touringgewohnt abgestellt. Dennoch fühle ich mich als Ganz-und-gar-nicht-Sportler pudelwohl, übrigens auch am Ende der Testfahrt. Der Tank baut ziemlich breit, der Spreizwinkel der Beine fällt entsprechend aus. Die Instrumente sind recht tief integriert, lassen sich aber hervorragend ablesen. Die H2 SX SE hat ein farbiges TFT-Display, die Standard kommt mit einem einfachen LCD-Display daher. Bei laufendem Motor lässt sich per kurzem Tastendruck die Hintergrundfarbe wählen: entweder hell mit dunkler Schrift oder dunkel mit heller Schrift.

Die Einstellmöglichkeiten des gesamten Motorrads sind natürlich mannigfaltig. Entsprechend hoch ist die Anzahl der Schalter. Für die täglichen Dinge des Lebens ist die Bedienung intuitiv, wer die zur Verfügung stehende Technik nutzen möchte, muss sich halt ein wenig eingewöhnen. Auf der linken Seite findet sich die Steuereinheit mit Richtungstasten. Befindet man sich nicht im Menü, steuert man die Anzeige des Bordcomputers. Gleich daneben ist der Tempomat zu finden. Am rechten Lenkerstummel ist die Menütaste, zusammen mit den Richtungstasten lassen sich die gewünschten Einstellungen vornehmen.

Fahreindrücke H2 SX

Der Respekt ist anfangs recht groß, immerhin sitze ich auf einem kompressorgeladenen Geschoss mit 200 PS und einem Gewicht von immerhin 260 Kilo. Dass der erste Teil der Strecke zur morgendlichen Rushhour durch Lissabon führt, steigert meine Laune nicht gerade. Umso mehr überrascht mich die sanfte Art der H2 SX, wie leicht sie es mir tatsächlich macht. Die vierspurige Fahrt durch die Stadt entlang der Küste gerät dank eines Unfalls zweier Blechbüchsen schneller zur Staudurchfahrung, als es mir lieb ist. Wir sind zügig unterwegs, der Tourguide nutzt die sich ergebenden Lücken oder fährt zwischen den Spuren durch die Blechlawine. Die H2 lässt sich einfach dirigieren, setzt blitzartig zu Zwischensprints an und lässt ihre schiere Kraft und Erscheinung schnell vergessen.



Endlich lassen wir die Pendler hinter uns und biegen auf die berühmte Ponte Vasco da Gama. Auf der Autobahn ergibt sich die Möglichkeit, den Hahn mal etwas zu spannen. Die Gruppe zieht sich auseinander, ich gebe Gas, um die Lücke zu schließen. Wie eine Kugel aus dem Lauf feuert die H2 SX der Gruppe hinterher. Ich lasse das Gas stehen, schalte die Gänge durch und der Schub hört einfach nicht auf. Wieder an der Gruppe dran, atme ich erst einmal durch. Und grinse in meinen Helm. Wow – Respekt, ganz großes Kino. Trotz der Performance bleibt der Puls weitgehend normal, denn die Kawa erledigt den Sprint völlig unaufgeregt, quasi nebenbei. Einfach absolut souverän, sie kombiniert quasi die Power eines Kurzstreckensprinters mit der Gelassenheit eines Langstreckenläufers. Wie schnell man tatsächlich unterwegs ist, zeigt oft erst der Blick auf den Tacho. Gefühlt bummelt man über die Autobahn, tatsächlich ist man locker 30 km/h zu schnell unterwegs und sollte schleunigst vom Gas gehen.

Das tun wir ebenfalls, verlassen die Autobahn und biegen auf kurvige Strecken in der hügeligen Umgebung ab. Auch hier zeigt sich die H2 SX sehr manierlich, die Leistung lässt sich sauber dosieren, auch im Full-Power-Modus. Erst wenn man es provoziert und das Gas ganz schließt und sofort wieder voll aufreißt, lässt sie sich zu Lastwechseln hinreißen. Auf der Landstraße ist man im mittleren Powermodus nicht langsamer unterwegs und die Gasannahme zeigt sich noch einmal sanfter. Auf dem kurvigen Geläuf überrascht die SX mit messerscharfer Präzision und recht gutem Komfort. Das Heck zeigte sich dabei etwas straffer als die gut arbeitende Front, das hätte man mit einigen Anpassungen am voll einstellbaren Fahrwerk sicher verbessern können.



Was bis zu einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 300 Sachen absolut stabil sein soll, kann auf engem Geläuf natürlich nicht wieselflink sein. Zwar muss man die H2 SX nicht um die Ecken wuchten, aber je enger die Radien werden, umso mehr muss man nachhelfen. Hier können die Kawasaki-Mannen halt auch nicht zaubern. Von einem unhandlichen Bock ist hier aber beileibe nicht die Rede. Auch hier hilft einem die souveräne Art des Boliden und das präzise Einlenkverhalten. Ist man zu schnell unterwegs, lassen sich Kurven auch in Schräglage ohne Mucken anbremsen. Kein Aufstellmoment, keine Zickereien. Wieder einmal gelingt der H2 SX der Spagat: Kilometerfressen auf der Autobahn und zügiges Kurvenwedeln gehen gleich gut.

Gibt es denn so überhaupt nix zu meckern? Tatsächlich wenig. Natürlich lockt Kawasaki damit weder jemand von einer Gold Wing noch von einer R 1200 RT. Weltumrundungen mit der H2 SX dürften auch eher die Ausnahme sein. Aber mir fällt absolut kein Grund ein, wieso ich nicht mit der Kawa auf große Tour gehen würde. Im Gegenteil, bevor ich mich auf die koggengleichen Frachtschiffe mit hoher Verkleidung vorn und Topcase hinten auf den Weg mache, ist mir die sportliche Art der H2 SX viel näher. Was mich persönlich stört ist der hohe Preis, 22.000 Euro sind ein Wort, die Ausstattung ist gut, aber nicht überragend. Wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte, dann ein elektronisch geregeltes, semiaktives Fahrwerk. Und bitte kein Topcase!

Fazit H2 SX

Unglaublich, was Kawasaki da auf die Räder gestellt hat. Macht mal eben ein absolutes Powerbike zum Sporttourer. Von wegen einfach mal ein paar Koffer an die H2 gehängt. Die H2 SX ist einfach ein superschnelles, sehr souveränes Motorrad mit einem unglaublich breiten Einsatzspektrum. Der Motor ist absolut einzigartig, verbindet schiere Kraft mit hervorragender Fahrbarkeit. Es gibt Mittelklassemotorräder, die sich komplizierter fahren als diese Power-Wuchtbrumme. Wo findet man sonst die Kombination von entspanntem Gleiten bis hin zu Beschleunigungsvermögen, das einem die Augäpfel in den Kopf drückt. Das präzise Fahrwerk und der recht gute Komfort sind die geniale Ergänzung zu diesem Meisterwerk von einem Antrieb. Wir hoffen inständig, dass dies nicht die letzte Kompressor-Kawa bleibt.

Fahrerausstattung
  • Helm: ARAI QV-PRO
  • Jacke: Stadler 4ALL PRO
  • Hose: Stadler ACE II PRO


 

TECHNISCHE DATEN Kawasaki Ninja H2 SX SE


Preis Basis: 18.995 Euro
Preis SE: 21.995 Euro

Motor: Reihen-4-Zylinder 4-Takt-Motor, Flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder
Hubraum: 998 ccm
Leistung: 200 PS (147 kW) bei 11.000/min
max. Drehmoment: 137,3 Nm bei 9.500/min
Bohrung x Hub: 76 x 55 mm
Verdichtung: 11,2 : 1
Gemischaufbereitung: elektronische Einspritzung, Kawasaki Kompressorlader
Kupplung: Mehrscheiben im Ölbad, hydraulisch betätigt
Anzahl Gänge: Sechsganggetriebe
Endantrieb: Kette
Rahmen: Stahl-Gitterrohrrahmen
Federung vorne: 43 mm Upside-Down-Gabel, komplett einstellbar
Federung hinten: Zentralfederbein, komplett einstellbar
Federweg vo/hi: 120/139 mm
Reifen vorne: 120/70 R17
Reifen hinten: 190/55 R17
Bremse vorne: Doppelscheibenbremse 320 mm, radial montierte Vierkolben-Monoblock-Festsättel
Bremse hinten: Scheibenbremse 250 mm, Doppelkolben-Festsattel
Länge: 2.135 mm
Breite: 775 mm
Höhe: 1260 mm
Sitzhöhe: 835 mm
Radstand: 1.480 mm
Nachlauf: 103 mm
Leergewicht: 260 kg
Tankinhalt: 19 Liter
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Stand:25 April 2018 18:17:38/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/fahrbericht+kawasaki+h2+sx+-+gran+turismo_18206.html