Fahrbericht Yamaha SCR 950

04.09.2017  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: Werk
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Fahrbericht Yamaha SCR 950
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Donner und Blitz durchschneiden die sardische Nacht. Die von der Bordkanone eines Tornados-Jägers abgefeuerten Urangeschosse schneiden das dicke Metall eines T72-Panzers wie Papier. Es herrscht Krieg auf Sardinien
Diese Stadt ist frei von radioaktiver Strahlung! Teuladas Ortsschild im Süden der schroffen Mittelmeerinsel ist auffällig ergänzt durch diesen Hinweis. Ich bin beruhigt, aber doch huscht die Frage durchs Hirn: Und wo bin ich jetzt seit zwei Stunden mit der SCR 950 so rumgeballert? Skeptisch blicke ich an mir und Maschine hinunter, alles voll mit rostbraunem Matsch, der auf einer Schlaglochallee Ross und Reiter gänzlich eingesaut hat. In dieser Gegend, besser gesagt auf der ganzen Insel, wurden in den 70er und 80er Jahren viele Nato-Kriegsübungen durchgeführt und über die strahlenden Folgen von Uranmunition, lecken Atom-U-Booten und giftigem Jet-Treibstoff ward in den letzten Jahren genug berichtet. Doch beim Anblick dieses Schildes und des vielen Matsches ist das präsent und aktuell wie nie. Für den Dreck an mir nochmals Dank an Kollege Henniges, der volle Möhre mit der SCR durch eine Pfütze der Dimension Karpfenteich drosch und eine Woge verdünnter Erde über mich hereinbrechen ließ: So fühlt sich also ein Schnitzel während des Panierens an.



Doch von vorn: Mit erstaunlicher Ausdauer verbreitert und vertieft Yamaha stets das Angebot an neuen Motorrädern. Zwar sind zuletzt einige Klassiker wie XJR 1300 und SR 400 oder der nackte 
Superprügel Vmax rausgefallen, doch diese Lücke wird teilweise wieder ausgefüllt. In diesem Falle mit dem Rundum-sorglos-Paket SCR 950. Auch wenn das Modellkürzel sich als Scrambler liest, vermeidet Yamaha in jedweder Darstellung eben genau dieses Wort. Ist sie denn kein Scrambler? Nein, im Herzen ist die SCR immer noch eine cruisende XV 950, jedoch mit anderem Heck und neuen Rädern nebst feinprofiliger Enduroberei-fung. Trotzdem oder wohl genau aus diesem Grund führt die erste Etappe auch direkt über Schotter- und Feldwege. Leider sind Letztere in eine schmierige Matschepampe verwandelt und schon sind die Offroad-Grenzen von Motorrad, Fahrwerk und Reifen erreicht.

Nach wenigen Metern ist der Bridgestone Trailwing mit Matsch verschlammt und rutscht nur noch unwillig durch die Gegend. Auch beim Versuch des schnellen Wendens hindern die Cruiser-Gene: volle 252 Kilogramm, viel davon auf dem Hinterrad, drücken tief in den Dreck und schieben gnadenlos geradeaus, wo eigentlich mit rutschendem Heck gewendet werden soll. Mehr als einmal endet die Fahrt so freudlos und ungeplant im Acker. Auf Schotter und trockenen Waldwegen hingegen kommt mit der SCR 950 richtig Freude auf. Auf Wunsch ist das Hinterrad – dank dickem V2 – immer fröhlich am Durchdrehen.

Damit soll das Thema Offroad auch beendet sein, denn die wahre Stärke kommt auf der Straße zur Geltung: mechanische Super-Coolness. Yamaha hat der SCR einen neuen Heckrahmen verpasst, der hebt die Sitzhöhe um 140(!) Millimeter an, zeitgleich wurden die Fußrasten 150 Millimeter zurück und 30 Millimeter nach oben versetzt. Ergänzt durch einen anderen Lenker der Dimension Segelmast, rasten Körper wie Seele direkt in die Schalterstellung »chillig«. Also perfekt für den Urlaub, dazu die salzige Seeluft des Mittelmeers, ich bin zufrieden.



Trotz Untermotorisierung und Übergewicht vermeine ich titanische Kräfte auf der Yamaha zu spüren: Jederzeit wähne ich mich schneller und toller, als ich tatsächlich bin. Souverän gleitet die SCR über den Asphalt und erbringt den Beweis, dass zur Findung des Glücks auch 54 Pferde reichen – passend dazu die einfache Bremsanlage. Garniert mit herzhaftem Bass aus dem Ofenrohr am Heck. 

Großen Anteil an der erfühlten Allmacht hat die bedauerlicherweise viel zu geringe Schräglagenfreiheit: Selbst bei normalen Kurven und flottem Zug setzen Rasten und Seitenständer früh auf und zerkratzen den tollen sardischen Asphalt. Das wäre nicht allzu schlimm, erreichte die 
weitererhöhte Schräglage links nicht direkt den Rahmenunterzug und rechts den starren Fußrastenträger. Beides endet im ruhmlosen Versetzen, bisweilen in den Gegenverkehr. Also immer schön chillen auf dem Krad, denn dafür ist’s gemacht.
 

TECHNISCHE DATEN Yamaha SCR 950

Basispreis: 9.895 Euro zzgl. Nebenkosten

Leistung: 54 PS bei 5 500/min
Drehmoment: 80 Nm bei 3 000/min

Motor: Viertakt-Zweizylinder-V-Motor, luftgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, ohc
Hubraum: 942 ccm
Bohrung x Hub: 85 x 83 mm
Anzahl Gänge: Fünf
Sekundärantrieb: Zahnriemen

Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vorn: Telegabel, Standrohr-Ø 41 mm, Federweg 135 mm
Federung hinten: Stahlschwinge mit zwei Federbeinen, Federweg 110 mm
Radstand: 1 575 mm
Lenkkopfwinkel: 61°
Nachlauf: 130 mm
Bremsen: 298-mm-Scheiben­bremse vorn, 298-mm-Scheibenbremse hinten
Bereifung: 100/90-19 vorn, 140/80R17 hinten

Gewicht vollgetankt: 252 kg

Tankinhalt: 13 Liter
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Stand:25 November 2017 06:31:00/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/fahrbericht+yamaha+scr+950_17829.html