Reportage – Wertanlage oder Geldvernichter

16.06.2017  |  Text: Till Kohlmey  |   Bilder: Till Kohlmey, Werk
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Reportage – Wertanlage oder Geldvernichter
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Auch Motorräder verlieren an Wert. Wie schnell diese Erosion voranschreitet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wir haben mal einige beliebte Tourer genauer unter die Lupe genommen
Es gibt ja sogar Motorräder, die am Markt floppten und sich später dann als Wertanlage entpuppt haben. Die BMW HP2 Enduro beispielsweise, die so schnell vom Markt verschwunden war, dass sie schon allein wegen ihrer geringen Stückzahlen eine Rarität darstellt und den Preis von damals heute gebraucht locker wieder einspielt. Gefragte Klassiker tun dies inzwischen sowieso. Die meisten neuen Fahrzeuge verlieren nach dem Neukauf hingegen relativ schnell einen Großteil ihres ursprünglichen Einkaufswertes.

Wir haben mal Tourenmotorräder unter die Lupe genommen, die vor zwei Jahren, also zur Saison 2105 neu zugelassen wurden und jetzt als Gebrauchtmaschinen zu haben sind. Dabei fallen die Laufleistungen je nach Modell recht unterschiedlich aus, was sich aber nur dann gravierend auf den Kaufpreis auswirkt, wenn der Tacho nach zwei Jahren über 25.000 Kilometer anzeigt, was aber eher selten vorkommt. Der Preis richtet sich oftmals auch am Umfang der Sonderausstattungen die an Bord sind aus. Die können nämlich den offiziellen Verkaufspreis von damals enorm in die Höhe getrieben haben, was sich unterm Strich zwei Jahre später auf den Wertverlust durchaus positiv auswirkt. Fakt ist aber, dass ein Motorrad wie beispielsweise die R 1200 GS von BMW nur mit einer guten Portion an Sonderausstattungen überhaupt verkäuflich ist. Das weiß  auch Frank Wollsiefer, Verkaufsleiter Motorrad beim BMW Autohaus Horn in Euskirchen: »Eine gebrauchte BMW ohne jegliche Sonderausstattung lässt sich später kaum mehr ordentlich verkaufen. Da muss man schon deutliche Preisabschläge in Kauf nehmen und ein Verkauf kann sich womöglich über Monate hinziehen«. Also konzen­trieren wir uns bei der Recherche auf komplett ausgestattete Tourenmotorräder, die zum Verkauf angeboten werden. Die Preise dazu haben wir in den jeweiligen Kästen mit aufgeführt.

BMW R 1200 GS, 22% Wertverlust

Zu den wertbeständigsten der Branche zählen nach wie vor die großen Harley-Touring-Modelle. Egal ob Street Glide, Road King oder E-Glide, die Preise bleiben nach zwei Jahren durch die Bank auf hohem Niveau. Wir haben mal eine Road King Bj. 2015 gesucht und verschiedene Angebote angeklickt, die nicht weit auseinanderlagen. Zu Preisen von 21.000 bis 18.500 Euro ist die King mit Laufleistungen meist noch unter 10000 Kilometern zu haben. Das entspricht einem Wertverlust von durchschnittlich 17 Prozent – nach zwei Jahren wohlgemerkt! Ein Top-Wert unter den Tourenmotorrädern, der auch von gefragten BMW-Modellen nicht zu knacken ist. Das beliebteste ist nach wie vor die R 1200 GS, die im Jahre 2015 für 14.700 Euro zu haben war. Mit dem üblichen BMW-Zubehör ausstaffiert, summiert sich das Gesamtpaket jedoch auf rund stolze 18.300 Euro. Das GS-Angebot im Netz ist vielfältig und preisstabil.

Auch wenn die BMW nach zwei Jahren mehr als 30000 Kilometer auf der Uhr hat, bricht der Preis gegenüber Modellen von bis zu 5000 Kilometern nicht komplett zusammen. Wer eine voll ausgestattete 2015er GS sucht, muss durchschnittlich 14.200 Euro tief in die Tasche greifen. Das liegt in der Tat nur 500 Euro unter dem Neuwert von 2015 – allerdings ohne Zubehör. Wer den Preis der GS inklusive Zubehör betrachtet, kommt auf einen Wertverlust von 4.100 Euro bzw. 22 Prozent vom Neuwert. Das ist aber immer noch ein sehr guter Wert, der von direkten Konkurrenten wie beispielsweise der großen 1200er Ducati Multistrada S nicht im Ansatz erreicht wird. Die Ducati ist ab Werk bereits gut ausgestattet und kostete 2015 inklusive Touring-Paket 19.460 Euro. Ein stolzer Preis, der nach zwei Jahren und Laufleistungen ­zwischen 5 000 und 15 000 Kilometern auf 13.500 Euro zusammenschmilzt wie das Eis in der Sonne von Bologna. 31 Prozent Wertverlust in zwei ­Jahren sind keine guten Nachrichten für die Fans der Marke.

Aprilia CapoNord Rally, 26% Wertverlust

Bei Aprilias großer Reise-Enduro Caponord sieht es dagegen gar nicht so schlecht aus. In der Rally-Ausführung beispielsweise, die ja bereits vieles an Bord hat und nicht noch mit Extrapaketen aufgerüstet werden muss, sind die wenigen Preisangebote im Netz fast alle auf einem Niveau. 11.790 Euro nach zwei Jahren entspricht unterm Strich einen Verlust von 4.310 Euro. Das sind lediglich 26 Prozent Wertminderung, die wir diesem Nischenmodell nicht zugetraut hätten. Dieses Ergebnis  bleibt für die meisten japanischen Touring-Modelle ein Traum. So zum Beispiel für die große GTR 1400 von Kawasaki, deren Verkaufserfolge seit Jahren eher bescheiden ausfallen. Der große Sporttourer mit Kardan ist nie so richtig aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und entsprechend rar ist das Angebot. Wer eine GTR Baujahr 2015 als Suchbegriff eingibt, wird eventuell mit null Treffern belohnt. Sie kostet heute wie damals 17. 495 Euro und kann – wenn alles gut läuft – noch für 12.400 Euro an den Mann oder die Frau gebracht werden. Es ist aber nicht einfach, denn die Nachfrage tendiert wie gehabt gegen null und wer Pech hat, muss noch mehr Preisabstriche machen als die von uns kalkulierten 5.095 Euro.

Bei Hondas legendären Tourer ST 1300 Pan European sieht es noch bitterer aus. Sie stand vor zwei Jahren noch zum Preis von 17.490 Euro beim Honda-Händler – komplett ausgestattet versteht sich. Zwei Jahre später sind nur noch 11.000 Euro für eine gute ST auf dem Gebrauchtmarkt zu erzielen! Und wir reden hier gerade mal von Motorrädern, die mit Laufleistungen von um die 5 000 Kilometer aufwarten! Ein Desaster für ein solch robustes Tourenmotorrad und ein triftiger Grund für jeden Interessenten, sich nicht zwingend eine Pan in die Garage zu stellen. Aber Honda hat sie ja bereits aus dem Programm genommen und diese Lücke auch bis dato nicht wieder geschlossen. Ernüchterung auch bei der KTM-Kundschaft, die sich für eine große 1190er Adventure entschieden hat. Die Reiseenduro ist ja bereits wieder durch ein größeres Modell abgelöst worden, was sicherlich auch mit dazu beigetragen hat, dass die 1190er nicht sonderlich wertstabil ist. Für 11.100 Euro bekommt man eine gute Adventure im Netz bereits angeboten – komplett ausgestattet und mit erstaunlich geringen Laufleistungen. Die daraus resultierenden 35 Prozent Wertverlust werden nur noch von Hondas Pan European getoppt.

KTM 1190  Adventure, 35% Wertverlust

Überraschend gut aus der Affäre zieht sich dagegen die Moto Guzzi California 1400 Touring, die nicht so häufig im Netz zu finden ist und von daher wahrscheinlich auch nicht unter Wert verkauft werden muss. Die Touring-Variante gab es damals für 19.735 Euro – zwei Jahre später liegen die Gebrauchtpreise immer noch knapp über 15.000 Euro. Das entspricht einem Wertverlust von 23 Prozent und siedelt sich auf dem hohen Niveau von BMW an. Gleiches trifft für Triumph zu, die hier mit der Tiger 1050 Sport an den Start geht. Eine ohne jeglichen Schnickschnak ausgestattete Dreizylinder-Tiger war 2015  für 12.500 Euro zu haben. Zwei Jahre später werden immer noch Preise von zirka 9.700 Euro erzielt, was einem Minus von 2.800 Euro entspricht. Damit bewegt man sich ganz weit oben in puncto Wertstabilität und zieht sogar mit BMW gleich. Aber auch hier steht aufgrund der geringen verkauften Stückzahlen natürlich auch immer ein begrenztes Angebot zur Verfügung, was sich positiv auf den möglichen Verkaufspreis auswirken kann.  

Beim dritten großen Japaner gehen die Preise nach zwei ­Jahren auch ordentlich runter. Einer Suzuki V-Strom 1000 zum Einstandspreis von 12.290 Euro haben wir mal das Touring-Paket mit Koffern etc. dazugerechnet und kommen so auf eine Summe von 13.440 Euro, die 2015 beim Suzuki-Händler fällig waren. Heute bekommt man so ein Motorrad für durchschnittlich 8.800 Euro angeboten – ein Erdrutsch von immerhin 35 Prozent innerhalb von zwei Jahren! Das große Touring-Modell von Yamaha, die FJR 1300, ist nach zwei Jahren ebenfalls ein Schnäppchen: Für 12.400 Euro sind gut erhaltene FJRs ohne hohe Laufleistungen recht einfach zu bekommen. Hierbei handelt es sich allerdings um die Standard-FJR ohne elektronisch einstellbares Fahrwerk (AE-Version) und ohne automatisches Schaltgetriebe (AS-Version), die aktuell sogar schon für 16.395 Euro beim Yamaha-Händler zu haben ist. Das sind 1.200 Euro weniger als vor zwei Jahren! Nicht weiter verwunderlich also, dass durch solche Maßnahmen auch die Gebrauchtpreise für das Touring-Modell in den Keller gehen.
 

Aprilia CapoNord Rally
  • Neupreis 2017: 16.390 Euro
  • Neupreis 2015: 16.100 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 16.100 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 11.790 Euro
  • Minus: 4.310 Euro
  • Wertverlust: 26 %

BMW R 1200 GS
  • Neupreis 2017: 15.150 Euro
  • Neupreis 2015: 14.700 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 18.300 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 14.200 Euro
  • Minus: 4.100 Euro
  • Wertverlust: 22 %
Ducati Multistrada  1200 S
  • Neupreis 2017: 18.890 Euro
  • Neupreis 2015: 18.490 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 19.460 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 13.500 Euro
  • Minus: 5.960 Euro
  • Wertverlust: 31 %
Harley-Davidson Road King Classic
  • Neupreis 2017: 24.295 Euro
  • Neupreis 2015: 23.195 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 23.195 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 19.200 Euro
  • Minus: 3.995 Euro
  • Wertverlust: 17 %
Honda ST 1300 Pan European
  • Neupreis 2017: nicht mehr im Angebot
  • Neupreis 2015: 17.490 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 17.490 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 11.000 Euro
  • Minus: 6.490 Euro
  • Wertverlust: 37 %
Kawasaki GTR 1400
  • Neupreis 2017: 17495 Euro
  • Neupreis 2015: 17495 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 17.495 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 12.400 Euro
  • Minus: 5.095 Euro
  • Wertverlust: 29 %
KTM 1190  Adventure
  • Neupreis 2017: nicht mehr im Angebot
  • Neupreis 2015: 13.995 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 17.161 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 11.100 Euro
  • Minus: 6.061 Euro
  • Wertverlust: 35 %
Moto Guzzi California 1400 Touring
  • Neupreis 2017: 20.245 Euro
  • Neupreis 2015: 19.735 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 19.735 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 15.200 Euro
  • Minus: 4.535 Euro
  • Wertverlust: 23 %
Suzuki V-Strom 1000
  • Neupreis 2017: 12.599 Euro
  • Neupreis 2015: 12.290 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 13.440 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 8.800 Euro
  • Minus: 4.640 Euro
  • Wertverlust: 35 %
Triumph Tiger 1050  Sport
  • Neupreis 2017: 13.100 Euro
  • Neupreis 2015: 12.500 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 12.500 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 9.700 Euro
  • Minus: 2.800 Euro
  • Wertverlust: 22 %
Yamaha FJR 1300
  • Neupreis 2017: 16.395 Euro
  • Neupreis 2015: 17.595 Euro
  • Neupreis plus Zubehör 2015: 17.595 Euro
  • Gebrauchtpreise 2017: 12.400 Euro
  • Minus: 5.195 Euro
  • Wertverlust: 30 %
















 
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Stand:25 November 2017 06:41:10/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/reportage+-+wertanlage+oder+geldvernichter_176.html