Rückblick: Ducati 750, 900 und 1000 Supersport

19.10.2017  |  Text: Franz Josef Schermer  |  
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Rückblick: Ducati 750, 900 und 1000 Supersport
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Der Franz erinnert sich
Sonntag, 23. April 1972, Rennstrecke Imola, Start zum ersten 200-Meilen-Rennen der 750er-Maschinen: Am Start die Weltelite, Giacomo Agostini auf MV Vierzylinder, Jack Findlay auf Moto Guzzi (V2), Roberto Gallina auf Honda CR 750 (Vierzylinder), Phil Read auf John-Player-Norton (Zweizylinder), Toni Jeffries auf BSA (Dreizylinder), Eric Offenstadt auf 750er Kawasaki (Dreizylinder-Zweitakt) und auch Helmut Dähne und Hans-Otto Butenuth auf BMW Boxer. 64 Runden hatte diese bunte Meute vor sich und was kaum einer der 75 000 Zuschauer für möglich gehalten hatte, trat ein: Zwei Ducatis kontrollierten das Rennen, nachdem Agostini seine MV nach wenigen Runden in Führung liegend wegen Fahrwerksproblemen abgestellt hatte.

Der Italiener Bruno Spaggiari übernahm nach Agos Ausfall die Führung vor dem Engländer Paul Smart und so gingen sie in die letzte Runde – bis Spaggiaris Duc in der langen Linkskurve vor Start/Ziel anfing zu stottern und nur noch auf einem Zylinder lief. Er hatte zu wenig Sprit an Bord und so kam Paul Smart nach 2:02,26 Stunden zu einem überlegenen Sieg, der ihn und Ducati mit einem Schlag weltbekannt machte. Bald darauf baute Ducati eine Kleinserie von 200 Maschinen und nannte sie »750 Super Sport«.



Zuerst lief der Verkauf nur schleppend, weil an der neuen Duc einige wichtige Dinge zum Betrieb im Alltag fehlten: Blinker, Luftfilter, einigermaßen sozialverträgliches Auspuffgeräusch, Soziussitz – alles Fehlanzeige. Stattdessen offene 40er-Dellortos mit Beschleunigerpumpe, Flammsieb und Tupfer, ein langgestreckter Kunststofftank, ein schwungvoll gebogener, geschmiedeter Kickstarter und ballernde Conti-Auspufftüten. Wir von »Motorrad« wollten natürlich so eine 750er Super Sport  haben, der Ducati-Importeur Röth hatte selbst keine (oder wollte uns keine geben, der Geizkragen!).

Nach unzähligen Telefonaten bekamen wir Ende 1974 direkt vom Werk eine Holzkiste geschickt mit einer nagelneuen Testmaschine. Eine von den 411, die je gebaut wurden! Wir mussten sie mit roter Nummer fahren, an eine Zulassung war nicht zu denken. Schon vor den ersten Metern musste der Motor mit rhythmischen Gasstößen auf Temperatur gebracht werden, die 4,5 Liter Castrol-Einbereichsöl SAE 50 waren zäh wie Honig. Sie mussten sich zunächst ein klein wenig verflüssigen, bevor die Kupplung trennte und sich der erste Gang überhaupt einlegen ließ.

Dann aber kannte der Fahrspaß keine Grenzen, weil sich der Fahrer trotz des langen Tanks und der sich daraus zwangsläufig ergebenden sportlichen Sitzposition extrem wohl fühlte auf der 750 Super Sport und der 20 Liter fassende Tank bei einem Verbrauch von nur rund sechs Liter auf 100 Kilometer mehr als 300 Kilometer Aktionsradius erlaubte. Nach Paul Smarts Imola-Sieg 1972 gab es über die Jahre viele Rennen, in denen eine Ducati 750 Super Sport als Erste ins Ziel kam. Ducati bekam einen glänzenden Ruf und ihr Chefkonstrukteur Fabio Taglioni wurde als »Dottore« verehrt.



1978 kam eine weitere Triumphfahrt durch Mike Hailwood hinzu und die brannte sich unauslöschlich in die Motorradgeschichte ein: Mit einer vom englischen Händler Sports Motor Cycle aufgebauten und von Castrol gesponserten Ducati 900, die rund 95 PS leistete, feierte »Mike the Bike« ein glanzvolles Comeback im Rennen der Senior TT und besiegte Phil Read auf der Vierzylinder-Honda. 1979 setzte das Ducati-Werk ihre externe Tuningfirma NCR (Nepoti Caracchi Racing) in Richtung Ise of Man in Bewegung, aber eine Wiederholung klappte nicht: Mike fiel mit Batterieschaden aus.

Was 1971 mit der GT 750 begann, gilt bis heute als Basis für die Maschinen aus dem Bologneser Stadtteil Borgo Panigale: V2 mit Desmodromik ist stilprägend für Ducati bis heute. Aktuell zwar wassergekühlt, mit vier Ventilen pro Zylinder, Einspritzung, vollgepfropft mit Elektronik und als Superbike-Rennmaschine mehr als 200 PS stark.

Wie schön »einfach« waren doch die Ducati 750 SS Desmo Imola Replica Round Case und ihre späteren Modellvarianten gestrickt. Motorräder wie Monumente, künstlerisch wertvoll und einzigartig – deswegen wird heute eine »echte« 750 SS Round Case aus der 411er-Serie quasi in Gold aufgewogen, egal, in welchem Gebrauchszustand sie ist – nur original muss sie sein.
 
Modellvarianten

Ducati 750 GT, Modelljahre 1971 bis 1974: Erstes V2-Modell mit Königswellen, ohne Desmodromik, Bohrung x Hub 80 x 74,4 mm. 50 PS bei 7000/min, 172 km/h, 207 kg, 6.000 DM

Ducati 750 S, Modelljahre 1972 bis 1974: Sportmodell der GT, mit Oberteilverkleidung, auch ohne Desmodromik. Zuerst 57 PS, dann 64 PS bei 8000/min, 187 km/h, 200 kg, 8.000 DM

Ducati 750 SS, Modelljahr 1973 bis 1974 (Round Case): Von dieser »Imola Replica« wurden in zwei Produktionsgängen nur 411 Stück gebaut. Sie hatte als erste V2 eine desmodromische Ventilsteuerung. 73 PS bei 8000/min, 217 km/h, 209 kg, 9.960 DM.

Ducati 860 GT, Modelljahr 1975 bis 1976: Motor mit 86 mm Bohrung, ohne Desmodromik und einer Scheibenbremse vorn. Autodesigner Giugiaro designte die GT speziell für Amerika, sie wurde aber kein Erfolg. 65 PS bei 7000/min, 180 km/h, 219 kg, 8.250 DM

Ducati 860 GTS, Modelljahr 1976 bis 1977: Motor wie 860 GT ohne Desmodromik, gefälligere Tank-Sitzbank-Linie, Doppelscheibenbremse. 65 PS bei 7000/min, 180 km/h, 230 kg, 8.250 DM.

Ducati 750 SS, Modelljahr 1975 bis 1978 (Square Case): Mit elektronischer Zündung, verbesserter Ölfilterung, stärkerer Lichtmaschine und gelochten Bremsscheiben. 73 PS bei 8000/min, 217 km/h, 205 kg, 10.589 DM

Ducati 900 SS,  Modelljahr 1975 bis 1982: Motor wie 860, wird parallel zur 750 SS Square Case angeboten. 70 PS bei 7000/min, 217 km/h, 202 kg, 11.580 DM

Ducati 900 SD Darmah, Modelljahr 1977 bis 1982: Ducati-Mitarbeiter Leopoldo Tatarini zeichnet dieses flach wirkende, sportliche Naked-Bike. 70 PS bei 7000/min, 213 km/h, 225 kg, 11.980 DM

Ducati Mike Hailwood Replica MHR 900, Modelljahr 1979 bis 1984: Sondermodell im Gedenken an Hailwoods Sieg in der Senior TT auf der Isle of Man 1978, erste Modelle mit einteiliger Verkleidung sind heute sehr begehrt. 70 PS bei 7000/min, 213 km/h, 205 kg, 12.576 DM

Ducati 900 S 2, Modelljahr 1982 bis 1984: Ablösemodell der 900 Super Sport, technisch und optisch eine Mischung aus 900 SS und Darmah, war kommerziell kein Erfolg. 65 PS bei 7000/min, 208 km/h, 225 kg, 12.261 DM

Ducati Mike Hailwood Replica MHR 1000, Modelljahr 1984 bis 1986: Bohrung x Hub 88 x 80 mm, Hubraum 973 ccm. Motor stark überarbeitet mit einteiliger und gleitgelagerter Kurbelwelle. Trockenkupplung. 76 PS bei 6700/min, 235 km/h, 208 kg, 15.990 DM.

Ducati Mille S2, Modelljahr 1984 bis 1986: Letztes Modell mit Königswelle, heute sehr gesucht. 76 PS bei 6700/min, 225 km/h, 225 kg, 15.990 DM.

Die aktuellen Gebrauchtpreise dieser Maschinen bewegen sich jenseits von Gut und Böse, sie reichen von 16.000 bis weit über 100.000 Euro
 


Der Autor
Franz Josef Schermer war ab 1972 »Motorrad«-Testchef und dann 1978 Mitbegründer und bis 1997 Chefredakteur und Verleger des Motorrad-Magazins MO. Er hat alle Motorräder der letzten Dekade gefahren. Für RIDE ON erinnert er sich an herausragende Exemplare wie zum Beispiel die Königswellen V2 von Ducati mit 750, 900 und 1000 Kubikzentimeter
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Stand:14 December 2017 07:27:35/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/rueckblick+ducati+750+900+und+1000+supersport_17904.html