Wilbers Nivomat - Der Automat

07.09.2017  |  Text: Till Kohlmey  |   Bilder: Kohlmey, Wilbers
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Wilbers Nivomat - Der Automat
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Ein Stoßdämpfer, der alles kann, aber komplett auf Einstellrädchen verzichtet und auch nicht via Skyhook fremdgesteuert wird? Ja, den gibt es tatsächlich!


Während die meisten Fahrzeughersteller auf der Suche nach der optimalen Fahrwerksanpassung derzeit die wildesten Kapriolen schlagen, hat sich Benny Wilbers einfach mal im Pkw-Bereich von ZF (Sachs) umgeschaut. Dort gibt es nämlich seit Jahren ein vollautomatisches, hydropneumatisches Niveauregulierungssystem, das sich wie von selbst den Begebenheiten anpasst. Nach drei Jahren intensiver Entwicklung ist aus dem Projekt ein schlanker Motorraddämpfer mit integrierter Tragfeder entstanden. Der Clou des Systems: Das »Wilbers LDC Federbein« (Level and Damping Control) ist genau genommen eine Kombination aus Niveauregulierung und automatischer Anpassung von Federrate und Dämpfung.

Und wie funktioniert das? So ähnlich wie der Nivomat aus den 80er Jahren, der damals in einigen BMW-Tourern (RT und LT) verbaut war, sich aufgrund von technischen Unzulänglichkeiten aber nicht durchgesetzt hatte. Heute, mehr als dreißig Jahre später, scheint das System wie maßgeschneidert für eine Anwendung am Motorrad. Das LDC-Federbein besteht aus zwei voneinander getrennten Ölkammern, einer dicken Kolbenstange, einer mechanischen Pumpstange inklusive Druckventil und einer kurzen, außenliegenden Tragfeder. Bei den Ölkammern unterscheidet man zwischen der außenliegenden Niederdruck- und der gasunterstützten innenliegenden Hochdruckkammer. Wird das Federbein nun belastet, pumpt die Stange durch ihre Auf- und Ab-Bewegung im Fahrbetrieb automatisch Öl aus der Niederdruck- in die Hochdruckkammer und die Kolbenstange wird aus dem Dämpfer gefahren! Dieser Pumpvorgang dauert exakt so lange, bis das Motorrad sich wieder im Gleichgewicht befindet – das Federbein passt also sein Niveau automatisch an. Das geschieht auf schlechter Wegstrecke innerhalb von nur wenigen hundert Metern. Gleichzeitig verändert sich durch den zunehmenden Druck auf das Gaspolster in der Hochdruckkammer auch die Federrate und zwar progressiv! Ein Effekt, der von luftunterstützten Federbeinen her bereits bekannt ist, hier in Kombination mit einer gleichzeitig ansteigenden Dämpfung aber noch zielführender erscheint.



Im Standardbetrieb mit einer Person arbeitet der Nivomat wie ein ganz »normaler« Stoßdämpfer, da er sich bereits auf dem korrekten Niveau befindet. Die umgerüstete Suzuki Bandit 1250, die uns zur Verfügung gestellt wurde, spricht jedoch im Vergleich zur Serie im Solobetrieb schon deutlich feinfühliger an und bietet ein spürbares Plus an Komfort, zurückzuführen sicherlich auch auf die weicher ausgelegte Tragfeder. Diese kurze lineare Feder im Nivomat muss also nicht überdimensioniert werden, um der maximal möglichen Belastung standzuhalten, da sich die Gasfeder als unterstützendes Element automatisch zuschaltet. Sie kann daher für ein feines Ansprechverhalten mit einer erstaunlich geringen Federrate auskommen.

Mit Beifahrer wird der Nivomat aber erst richtig aktiv: Während René hinten Platz nimmt, sackt die große Bandit mit ihren serienmäßig 135 Millimetern Federweg spürbar (gemessen 85 Millimeter) ein. Die Geometrie ist aus dem Gleichgewicht, das Vorderrad enorm entlastet. Die Bandit lenkt sich plötzlich unpräzise ein und das Vorderrad vermittelt nur noch wenig Gefühl für die Straße. Normalerweise müsste man jetzt erst einmal absteigen und die Feder ordentlich vorspannen, was die wenigsten von uns machen. Wir auch nicht, denn der Nivomat macht das für uns ganz automatisch auf den ersten Metern. Mit zusätzlichen 95 Kilo auf der Rücksitzbank pumpt sich die Suzuki innerhalb von zirka 400 Metern wieder auf Niveau. Für den Fahrer verändert sich das Fahrverhalten des Motorrades also innerhalb kürzester Zeit zum Positiven.

Genauso schnell stellt sich wieder ein sattes Fahrgefühl ein, das auf der gewählten Schlechtwegstrecke deutlich mehr Komfort und Durchschlagsicherheit zur Verfügung stellt als das Serienfederbein. Wir sind einigermaßen verblüfft und können definitiv auch keinerlei Nachteile bei dieser ersten Ausfahrt ausfindig machen. Höchstens den, dass sich das System nach einer kurzen Pause immer wieder neu aufpumpen muss, da das Öl im unbelasteten Zustand über ein Bypass-Ventil automatisch aus der Hochdruckkammer in die Niederdruckkammer zurückfließt und der Nivomat wieder seine Grundstellung einnimmt. Benny Wilbers hatte beim Start der Entwicklung auch nicht mit diesem Ergebnis gerechnet: »Der Nivomat funktioniert bei einigen Motorrädern so gut, dass wir das System unseren Austauschdämpfern teilweise sogar vorziehen würden.« 

Die Bandit soll erst der Anfang einer ganzen Serie sein. Topseller und beliebte Tourer der vergangenen Jahre wie beispielsweise Yamahas FJR 1300 und die GS-Modelle von BMW stehen natürlich ganz oben auf der To-do-Liste. Aber auch für viele Harleys ist der Nivomat ein heißer Kandidat um ein Plus an Fahrkomfort zu erreichen. »Viele Harleys sind viel zu hart auf der Feder abgestimmt«, weiß nicht nur Wilbers. Da die Street Glide, die wir ebenfalls fahren konnten, über eine Zweiarmschwinge mit direkt angelenkten Stereo-Federbeinen verfügt (Federweg 55 mm), ist der Nivomat hier auf der linken Seite hinter dem Seitenkoffer platziert, während rechts die Tragfeder in einem zweiten Dämpfer untergebracht ist.

Bereits im Solobetrieb ist der Komfortgewinn deutlich spürbar und auch die Fahrstabilität profitiert nachhaltig. Mit zwei Personen kann die Teststrecke plötzlich deutlich schneller durchfahren werden und die Glide wird ihrem Namen gerecht. Wobei dieser Harley auch gleich die Original Gabelfedern (beim 2017er Modell mit deutlich zu viel Vorspannung montiert) entfernt und durch Wilbers-Elemente ersetzt wurden, um ein vernünftiges Gesamtkonzept auf die Räder zu stellen.

Grundsätzlich ist es so, dass ZF den Grunddämpfer nach Absprache liefert und Wilbers für die Adaption an das Fahrzeug inklusive Tragfeder und Federbeinaufnahme verantwortlich ist. Der Nivomat ist inklusive ABE für verschiedene Modelle (siehe Auflistung unten) ab 799.- Euro zu haben, was in Anbetracht der Performance schon fast als Schnäppchen durchgehen dürfte. Das Set inklusive Gabelfedern kostet 949.- Euro. Die Stereo-Variante z. B. für die Harley-Modelle kostet im Set mit den Gabelfedern 1299.- Euro. 
Verfügbare Modelle: Suzuki GSF 1250, Suzuki GSX 1250, Yamaha FJR 1300, Honda VFR 1200 X Crosstourer, Harley-Davidson Street Glide, Electra Glide und Road Glide
In Entwicklung: BMW R 1200 GS, R 1150 GS, R 1100 GS
 


Der Nivomat im Schnitt: 
Außen ist die Niederdruckkammer, im Innern die Hochdruckkammer mit dem Gaspolster untergebracht. Unter Belastung pumpt die Stange in der Mitte Öl aus der Nieder- in die Hochdruckkammer – die Kolbenstange fährt aus und die Federrate nimmt progressiv zu 



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Stand:20 September 2017 21:57:25/test+_und_+technik/zubeh%C3%B6r/wilbers+nivomat+-+der+automat_17830.html