Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien

16.10.2015  |  Text: Heinz E. Studt  |   Bilder: Heinz E. Studt
Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien
Die schönsten Alpentouren Teil 29 - Friaul-Julisch Venetien
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Wir nähern uns dem Ende dieser Fortsetzungsreihe mit einem weiteren Höhepunkt ganz im Südosten Norditaliens. Wie immer mit drei Tagestouren und Einkehrtipps.
Nachhaltig geprägt wird das Gesicht der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens vor allem von den unzähligen zur Adria strömenden Südalpenflüssen, die rund um Udine und Pordenone ein unendlich weites Delta geschaffen haben. Eine flunderflache Landschaft mit Acker­bau und Viehzucht, die mit ihrem schwülheißen Klima auch noch zu den regenreichsten Regionen Italiens gehört. „Nicht gerade ein Traumziel für Reisemotorradler“, werden Sie an dieser Stelle vermutlich murmeln. Doch weit gefehlt, denn den gesamten Norden der Region Friaul-Julisch Venetien formen die südlichen Ausläufer des Alpen-Hauptkam­mes, insbesondere die Friaulischen Dolo­miten, die Julischen sowie die Karni­schen Alpen.

Und damit sind wir nicht nur exakt im Thema dieser Serie, wir erkunden diesmal auch eines der wohl unbekanntesten Zielgebiete aller Kurven, Kehren und Pässe suchenden Motorradfahrer. Okay, vielleicht mit Ausnahme der Kärntner und norditalienischen Biker, denn die gönnen sich den Norden von Friaul-Julisch Venetien nicht nur im Juli und August, wenn sich auf den Pässen des westlich angrenzenden Weltnatur­erbes Dolomiten wieder einmal Auto- und Wohnmobilfahrer zweilagig stapeln.

Tourenstandort: Tolmezzo
Das gut 10 000 Einwohner zählende Tol­mezzo ist heute eine typisch italienische Kleinstadt, in der das Leben eher gemütlich verläuft. Dem war nicht immer so. Bis ins 17. Jahrhundert eine rein deutschsprachige Enklave, reichte Tolmezzos Einfluss und Gerichtsbarkeit bis hinauf zum Brenner, ja seine wirtschaftlich wichtigsten Beziehungen sogar bis ins ferne München. Umgeben von hohen Bergen und durchflossen von dem im Sommer nahezu trocken laufenden Tagliamento – übrigens dem letzten echten Wildfluss der Alpen – lässt es sich in Tolmezzo auf durchschnittlich 350 Höhenmetern gut leben. Eine sehenswerte historische Altstadt rund um den nur äußerlich unscheinbaren Dom San Martino, eine an Markttagen vor buntem Leben überquellende Piazza XX Settembre, unzählige Kneipen und Restaurants sowie zahlreiche Veranstaltungen bieten auch abseits des Motorradsattels ein Programm, das keine Langeweile kennt.

Unsere Hotelempfehlungen:
  • Albergo Roma, Piazza XX Settembre, I-33028 Tolmezzo, Tel.: +39-04 33-46 80 31, mittendrin, aber nicht abgehoben, Ü EZ 50,– Euro, DZ 90,– Euro
    www.albergoromatolmezzo.it
     
  • Pergola Rooms, Affittacamere Cesco & Cragnolini, Via Giobatta de Marchi, 2, I-33028 Tolmezzo, Tel.: +39-04 33-414 17, ein B&B der besonderen Art, ÜF EZ ab 40,– Euro, DZ 70,– Euro
    www.pergolarooms.it

Empfehlenswerter Campingplatz:
  • Camping Val del Lago südlich der Stadt, Via Tolmezzo, 54, Riva Ovest lago di Cavazzo, I-33010 Alesso di Trasaghis, Tel.: +39-0348-243 13 37
    www.valdellago.it
Die beste Reisezeit für Biker:
Anfang Mai bis Ende Oktober.
 


Blick über die Grenze
Im Uhrzeigersinn rund um Tolmezzo führen unsere drei Tagestouren. Beginnen wir mit einem Blick ins Delta, einem Blick hinüber nach Slowenien sowie dem Blick auf ungezählte Kurven. Richtung Süden geht es aus der Stadt hinaus, wir streifen den Lago di Cavazzo und unseren Campingplatztipp, schauen kurz in das sehenswerte Zentrum von Gemona del Friuli und erreichen über Tarcento das erste heftige Kurven- und Kehrengemenge des noch jungen Tages. Gleich ­hinter dem Weiler Attimis geht es los, 22 Kehren führen uns Richtung Osten in die Frazione Platischis direkt an der hier besonders „grünen Grenze“ zu Slowenien.

Ausruhen gilt aber nicht, es geht im gleichen Kurvenstil weiter über eine Handvoll Weiler wie Taipana und Vedronza, bis wir endgültig den einst eisernen Vorhang durchstoßen und auf slowenischem Gebiet hinab in das Tal des Flusses Soča schwingen. Wir folgen dem Flussbett ein Stück weit hinauf zur Südgrenze des Triglav-Nationalparks, des einzigen Nationalparks Sloweniens, benannt nach dessen höchstem Berg (2864 m). Unser heutiger Besuch im Park ist allerdings recht kurz, gen Norden erreichen wir die Rampe zum Passo di Predil (1156 m), huschen ohne große Grenzformalitäten wieder hinüber nach Nord­italien und genießen den sich zwischen dicht stehenden Bäumen immer wieder bietenden Blick auf den malerischen Lago di Predil. Gleich hinter der T-Kreuzung zur SP76 liegt übrigens mit dem Ristorante Al Lago nicht nur unser Einkehrtipp, sondern auch der Bikertreff dieser Grenzregion.
 
Den unscheinbaren, fahrerisch aber interessanten Neveasattel (Sella Nevea) auf 1195 Meter genehmigen wir uns als Nachtisch. Die im Sommer einsame Straße führt durch ein weitläufiges Skigebiet, dessen Cafés und Kneipen zu unseren Tourenzeiten meis­tens vernagelt sind. Auch in Chiusaforte im Canal del Ferro (Eisental) ­sagen sich heute Fuchs und Hase Gute Nacht, von den ­einstmals fast 4000 Bewohnern sollen noch ganze 500 tapfer ausharren. Wir wenden uns gen Norden nach Pontebba und wählen dort die schmale SP112 über die winzig ausgeschilderte Sella di Cereschiatis, einen 1068 Meter hohen waldreichen und sehr einsamen Sattel, der uns kurvenreich hinab nach Moggio Udinese bringt. Von dort ist der ausgeschilderte Heimweg nach Tolmezzo ein Kinderspiel. Falls Sie aber bereits jetzt der Hunger quält, mein Tipp in Moggio: Pizzeria Al Capricio mit der besten Pizza im ganzen Umkreis.

Tour 1 im Überblick
Streckenlänge: 240 km
Reine Fahrtzeit: 5 Std.
Anzahl Pässe: 3
Anzahl Kehren: 69
Höchster Punkt: 1165 m
Schwierigkeit: leicht
 


Drei-Täler-Genuss
Dass die berühmten Dolomiten fast nur einen Steinwurf entfernt sind, können wir auf dieser ausgiebigen Tages­tour erfahren, denn sie führt uns ganz nah an all die legendären Pässe heran. Aber Halt – beginnen wir gemütlich mit einem nochmaligen Schlenker hinab in das Delta von Udine und Pordenone. Die Sella Chianzutan ist unser erster fahrerischer Höhepunkt, ein einsamer Scheitelpunkt auf 955 Meter Höhe, über den wir in ungezählten herrlichen Rechts-Links-Kombinationen hinab nach San Daniele im Friaul pendeln.

Durch das Städtchen Maniago geht es dann wieder gen ­Norden zum Forcola di Monte Rest, dem als Passo Rest ausgeschilderten weiteren fahrerischen Geheimtipp des Friaul. Gerade einmal 1052 Meter hoch, doch gespickt mit Kurven und Kehren sowie einigen schummrigen Tunnels, begeistert die erfreulich wenig befahrene Strecke Biker mit und ohne Motor. Über Ampezzo und das obere Tal des Tag­liamento-Flusses erreichen wir dann den Passo della Mauria auf 1288 Meter Höhe und stehen im Weiler Vigo di Cadore rechtzeitig zum Mittag vor unserem Einkehrtipp.

Aber schlemmen Sie vielleicht nicht zu üppig, denn gleich im Osten erwartet uns ein Potpourri aus Kurven und Kehren, das wir hochkonzentriert angehen sollten. Folgen Sie dazu der Beschilderung zur Sella di Razzo, unserem heutigen Höhepunkt mit 1760 Metern. Zwar ist die Strecke dicht bewaldet, doch die Baumreihen lichten sich immer mal wieder und ­bieten prächtige Ausblicke; natürlich auch auf den idyllischen Lago di Sauris, dessen einst höchste Staumauer ­Italiens heute ein beeindruckendes ­Naturparadies aufstaut. Und die beiden liebevoll gepflegten Weiler Sauris di Sotto und Sauris di ­Sopra gehören zu den höchstgelegenen Gemeinden Friauls. Schauen Sie sich um, es lohnt sich.

Über Ampezzo und Villa Santina erreichen wir dann wieder den Nordrand Tolmezzos. Wenn Sie mögen und der Tag noch ein wenig Sonnenlicht bereithält, gönnen Sie sich Richtung Tolmezzo noch die Bergstrecke über Lauco, Vinaio und Buttea zu unserem Basislager. Dann dürfen Sie Ihrem bisherigen Tagwerk nochmals satte 48 Spitzkehren hinzurechnen und haben sich abendliche Entspannung mehr als redlich verdient.

Tour 2 im Überblick
Streckenlänge: 275 km
Reine Fahrtzeit: 6 Std.
Anzahl Pässe: 5
Anzahl Kehren: 175
Höchster Punkt: 1750 m
Schwierigkeit: mittelschwer
 


Besuch in Karnien
Über Chiassis und Ovaro erreichen wir zügig die Südgrenze von Comeglians und wenden uns gleich westwärts. Durch dichte Wälder geht es bergan zur gestern bereits von Westen aus besuchten Sella di Razzo. Dort in den Wäldern zweigt übrigens eine Forstpiste ab zum Forcella di Lavardet, einem Enduristen-Geheimtipp auf 1542 Meter, der direkt ­hinüber ins Cadore-Tal führt – falls Sie und Ihr Moped mögen. Onroad geht es eher gemütlich weiter über die Cadore-Bergdörfer Vigo, Santo Stefano und San Pietro, deren Straßen uns direkt hinauf zur Cima Sappada auf 1300 Meter führen. Das Ortsschild von Sappada ist gleichzeitig auch das Passschild, falls Sie das obligatorische „Guck-mal-ich-war-hier“-Foto schießen wollen. In weitem Bogen erreichen wir nun das Zentrum Comeglians und haben eine Entscheidung zu treffen: Im Norden der Stadt beginnt der Aufstieg zur Panoramica delle Vette, einer atemberaubenden Panoramastraße, deren anspruchsvolle Streckenführung samt 48 Spitzkehren Sie ­ausschließlich bei schönem, stabilem Wetter angehen sollten. Und bringen Sie all Ihre alpine Erfahrung im Motorradsattel mit, Sie werden sie brauchen. Anfänger sollten diesen Rundkurs auslassen und direkt zum Boxenstopp nach Ravascletto huschen.

Gut gestärkt nehmen wir dann den Plöckenpass in ­Angriff, dessen 20 Kehren uns direkt ins Gailtal nach Kötschach-Mauthen führen; übrigens der Tourenstandort der Ausgabe 13! Wir düsen entlang des Flüsschens Gail Richtung Osten und suchen den Wegweiser hinauf zum Nassfeldpass (Passo di Pramollo). Auf dessen Scheitelhöhe auf 1552 Metern sticht ­sofort der Nassfeldsee, ein klarer, aber schweinskalter Bergsee, ins Auge. Eine Oase der Ruhe, garniert mit prächtigen Pausen­plätzen. Ach ja, und nicht zu vergessen jene 36 Kehren, die das Nassfeld unserem Lebensroadbook zusätzlich beschert. 22 davon allein hinab nach Pontebba, von wo aus wir dann den Heimweg antreten können, natürlich wie auf Tour Nr. 1 über die Sella di Cereschiatis mit sieben letzten Kehren, ungezählten Kurven und erinnerungswürdigen Panoramen.

Tour 3 im Überblick
Streckenlänge: 280 km
Reine Fahrtzeit: 6 Std.
Anzahl Pässe: 7
Anzahl Kehren: 139
Höchster Punkt: 1970 m
Schwierigkeit: anspruchsvoll
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Stand:16 December 2018 02:13:01/reiseberichte/die+schoensten+alpentouren+teil+29+-+friaul-julisch+venetien_178.html