Eifeltour – Wo die Drachen hausen

13.03.2018  |  Text und Bild: Tobias Kircher  |  
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Eifeltour – Wo die Drachen hausen
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„Das wird voll die Party ... .“ Carlos´ Begeisterung für die Eifeltour war unüberhörbar. Ein Haufen Motorradfahrer, die es sich gut gehen lassen, eine kleine Tour fahren, lecker essen, viel trinken, nebenher Motorräder testen, ein paar Fotos schießen. So wie der Kollege das schilderte, klang es irgendwie sehr cool. Eine perfekte kleine Reise. Natürlich war ich mit von der Partie
In meinem perfekten Reiseszenario kommen Palmen vor, ein tropischer Strand mit ginklarem Wasser, ein eisgekühlter Cocktail in meiner Hand, von der kleinen Bar nebenan zieht der Reggae in dichten Schwaden an mir vorüber, der Kokosduft von Sonnenöl auf gebräunter Haut.  Die Eifel kommt darin nicht vor. Aber genau dorthin wollten wir fahren. Mitte April. Ich hätte gewarnt sein sollen.

Es ist kalt hier. Und dunkel. Ich möchte nach Hause, aber ich muss noch drei Motorräder fotografieren, bei gefühlten vier Stunden Licht am Tag und sechs Grad Aussentemperatur. Bereits die Anreise hatte jegliche Hoffnung auf einen entspannten Job eingefroren. Auf der Suche nach der Hotelsauna stolpere ich versehentlich in die Bar der hauseigenen Kegelbahn. Das Radio spielt „ Hello darkness, my old friend“. Okay, überredet. Ich überlege, mein hochtouriges Getränk anzuzünden, um das Maximum an Wärme zu erhalten. Das Ding brennt nicht, war ja klar, in der Eifel will nicht mal der Sambuca so recht Feuer fangen. Während die Feuerzeugflamme das Glas umzüngelt, schweifen meine Gedanken ab. Wo bin ich hier?



Eingekeilt zwischen Aachen und dem Nürburgring, zwischen Bonn und Belgien, liegt ein schwarzgrüner Ozean aus Wald – der Nationalpark Eifel. Der Westwall, auch Siegfriedlinie genannt, verlief hier, im ewigen Wald mit seinen dunklen, mythischen Geschichten über Hexen im tiefen Tann. Hemingway nannte das Gebiet die „Wälder, in denen die Drachen hausen“. Dort im Hürtgenwald, einem der umkämpftesten Bereiche des Westwalls, fand jedoch ohne jeglichen Mythos im eisigen Kriegswinter von 1944 die „Allerseelenschlacht“ statt, die noch heute in der Offiziersschule Fort Leavenworth als Beispiel eines strategischen Desasters dient, als größte amerikanische Niederlage in Europa. 

Nach der Invasion in der Normandie und der Befreiung von Paris versuchten die amerikanischen Truppen, zwischen Aachen und Monschau einen schnellen Durchbruch zum Rhein zu erzwingen. 
Doch der Nachschub blieb aus, die Übermacht an schweren Waffen erwies sich im undurchdringlichen Waldgebiet als nutzlos. Der Vorstoß kam zum Erliegen. Die Deutschen nutzen die Zeit, um sich einzugraben und den Hürtgenwald zu einer riesigen Festung zu verminen. Was folgte war ein monatelanges, apokalyptisches Ringen. Von rund sechzigtausend Toten wird gesprochen, die zwischen Vossenack und Schmidt ihr Leben ließen. Genaue Zahlen sind bis heute nicht belegbar.



Wir wählen die Abtei Maria Laach als Einstieg unserer kleinen Tour. Die Klosteranlage liegt verkehrsgünstig in Autobahnnähe und bietet den idealen Treffpunkt für unsere Gruppe. Zu dem 1093 gegründeten Kloster zählen heute unter anderem einige Handwerksbetriebe, darunter eine Schreinerei, eine Klostergärtnerei und eine Kunstschmiede. Die Abtei gilt als eines der schönsten romanischen Bauwerke aus der Salierzeit, aber lediglich ein kleiner Teil der idyllisch gelegenen Anlage ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Da wir schon mit turmhohen Tankrucksäcken reisen, und für Klosterkeramik, Klosterbotanik oder Klosterromantik weder Platz noch Verwendung haben, beschränken wir uns auf einen heißen Kaffee und einen kurzen Blick über die Klostermauern. 

Vorbei an der Hohen Acht, der mit rund 747 Metern höchsten Erhebung der Eifel, biegen wir nach Norden Richtung Altenahr, um später wieder westwärts Richtung Bad Münstereifel zu schwenken. So bekommen wir eine erste Ahnung vom versprochenen Motorrad- und Kurvenparadies, denn auch das kann die Eifel sein. Abseits der Bundesstraßen ist Schluss mit Geradeaus. Das verbrannte Adrenalin senkt unseren Zuckerspiegel beträchtlich und beim nächsten Tankstopp sind unsere Finger klamm und blau. Genug Erkundungsfahrt heute, wir nähern uns Blankenheim, unserem Domizil für die nächsten beiden Tage.



Zurück in der Bar. Theo, der Barmann, heißt bereits in vierter Generation Theo. Sein Vater, Hotel-Theo, empfängt im Erdgeschoss die Gäste und gibt Tourentipps für den nächsten Tag, „ ...die Burg Vogelsang und rund um die Rurtalsperre... “. Keller-Theo hinter der Bar erzählt beim Gläser polieren, erst stockend und auf Nachfrage, dann flüssig und resigniert, beklagt die sechzig Sonnentage im Jahr, von ihm selbst gezählt, und den Verfall des Schwimmbades nebenan, das aussieht, als sei es direkt aus Prypjat importiert – ein Mahnmal des Niedergangs, eine strukturschwache Region und eine Bürokratie, die abwartet, bis Renovierung zu Totalsanierung zu Unwirtschaftlichkeit vergeht. Wir sind zu früh dran, meint Keller-Theo und poliert weiter. Er meint die Jahreszeit. Das dritte Gläschen Brandy wärmt dann endlich und hilft ins Bett.
 
Der nächste Morgen. Die NS-Ordensburg Vogelsang. Oberhalb der Urfttalsperre gelegen diente sie von 1936 bis 1939 zur Schulung des NSDAP-Führungskaders. Heute bietet die denkmalgeschützte Anlage viele Möglichkeiten, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Neben modernem Besucherzentrum und Dauerausstellung runden verschiedene Führungen das Angebot ab. Zudem bietet die „Akademie Vogelsang“ Gastronomie, Tagungscenter sowie Übernachtungsmöglichkeiten direkt vor Ort. Neben dem Nürnberger Parteitagsgelände ist die Vogelsang das baulich größte Erbe des Nationalsozialismus. Nach dem Krieg und der Besetzung durch amerikanische Truppen im Jahr 1945 diente das Areal zuerst dem britischen, ab 1950 dann dem belgischen Militär als Truppenübungsplatz. 2005 schließlich wurde die Vogelsang als „Internationaler Platz“ der Öffentlichkeit zugänglich. 



Über Einruhr und Rurberg umkreisen wir den See, weiter über Simmerath, Vossenack und durch den Weiler Hürtgen. Wir haben uns eingeschwungen, fahren manche Runden gleich mehrmals, von Heimbach zur Abtei Mariawald über die Rurtalsperre und wieder nach Heimbach. Die Kurven fliegen flüssig, die Straßen sind gut, der Verkehr nicht der Rede wert. Nur ganz glücklich werden wir dabei einfach nicht. Die Kälte macht dem allgemeinen Wohlfühlen immer wieder einen Strich durch die Rechnung, die Vegetation ist noch um Wochen zurück. Und immer wieder versperren Leitplanken und Zäune die Zufahrt zu lohnenden Fotomotiven für die Bikes. Ein zähes Ringen um jede neue Kameraeinstellung, jedes neue Motiv. Entsprechend antriebslos fällt unser Mittagessen aus, es gibt Quarkschnecken und Kaffee aus der Edeka-Bäckerei. Spät am Tag haben wir endlich den Großteil unserer Fahraufnahmen im Kasten, ein Teil der »To-do-Liste« ist abgehakt.

Wie bereits am Abend zuvor darf sich die verschlafene Pizzeria im Dorfzentrum über eine Umsatzsteigerung freuen, Kölsch und Grappa fließen in Strömen, und wir eröffnen der hübschen Bedienung, sie sei der Lichtblick der Eifel. Naja, drei Jungs alleine auf Reisen halt. Da fällt schon mal ein Spruch. Egal, das Mädel strahlt, Pizza und Pasta sind lecker, und so kommt neben der Planung für den nächsten Tag auch die ein oder andere private Anekdote auf den Tisch. 



Der letzte Tag. Während die Kollegen nochmals die Motorräder durchtauschen, Fahrmodi, Durchzug, Federung und Bremsen unter die Lupe nehmen und versuchen, zu einem abschließenden Testurteil zu kommen, bleibe ich vor Ort, nutze den kleinen See im Stadtpark als Hintergrund und fotografiere noch einige Details der Maschinen. Der kleine Parkplatz erfreut sich allem Anschein nach auch bei vielen belgischen Wanderern als Ausgangspunkt zu ausgedehnten Touren per pedes. Alle paar Minuten entsteigen fesch ausstaffierte Fußpilger ihren Autos, sammeln sich zu Gruppen, kämpfen mit dem Parkticketautomaten, studieren ihre Wanderkarte, werfen neugierige Blicke auf  mein improvisiertes Fotostudio, ziehen von dannen.

Wir belächeln uns gegenseitig. Aber eines wird klar: Es muss noch eine andere Eifel geben, eine, die sich uns bisher entzogen hat. Eine, die sich offensichtlich lohnt, erwandert zu werden. Auch wir drehen jetzt die Vorderräder gen Süden, die Motorräder sind gepackt. Und wie auf Kommando kommt dann auch noch die Sonne heraus, knapp zweistellige Temperaturen wärmen zum ersten Mal auf der Reise. Wir verlassen die undurchdringlichen Wälder und vor uns breiten sich angenehme Landschaft und mediterrane Hügelsilhouetten aus. Ja hallo, wo kommen die denn plötzlich her?  

Im Sonnenlicht zeigen uns die Weiler und kleinen Dörfchen entlang des Weges auf einmal ein freundlicheres Gesicht, und auch bei uns stellt sich endlich das Grinsen unterm Helm ein. Einen ganzen Vormittag lang lassen wir uns durch das Ahrtal treiben, bekommen einen ganz anderen Eindruck als in den letzten beiden Tagen. Vorbei sind die dunklen Wände der Wälder, Kreisverkehre blühen blumengeschmückt, an romantischen Häusern rankt wilder Wein, Vorgärten sind österlich geschmückt, Passanten laden neugierig zum Gespräch. Und dann geht alles ganz schnell, ein letzter Tankstopp, ein letzter Blick zurück. Das nächste Verkehrsschild weist Richtung Autobahn, wir setzen den Blinker und sind weg.



Sind wir versöhnt mit der Eifel? Hat es sich gelohnt, kann man sie weiterempfehlen, soll man sie meiden? Während das Navi uns die Route Richtung Heimat berechnet, stellen wir uns die Frage nach dem Fazit dieser Reise. Und noch eine andere Frage schiebt sich an den Rand des Bewusstseins, die Frage nach der inneren Einstellung, dem eigenen Blick auf das, was so doch bereits da war und uns verborgen geblieben ist. Haben wir all das Schöne übersehen, waren wir zu schnell? Liegt es nur am Sonnenschein? Es kann keine Party sein, sich fröstelnd an ein Motorrad zu klammern und zu versuchen, einer Region ihre Postkartenseite abzuzwingen. Der Eifel zwingt man so leicht nichts ab, das hat sie bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Zu schnell und ohne rechten Plan wird man ihr auch nicht gerecht, und gerade das hätte sie verdient. Aber am Ende sind nur die eigenen Geschichten wahr, und das Beste am Reisen ist es doch, immer und immer wieder herauszufinden, wie wenig man weiß. Über die Welt und über sich selbst. Wie schön.


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Stand:23 July 2018 04:20:11/reiseberichte/eifeltour+-+wo+die+drachen+hausen_18313.html