Motorradtour Saarland - Kohle weg

14.12.2016  |  Text: Till Kohlmey  |   Bilder: Kohlmey, Völklinger Hütte
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Motorradtour Saarland - Kohle weg
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Das Saarland und der Bergbau haben eine lange Tradition. Jetzt, wo die Kohle weg ist und die letzten Fördertürme noch wie Mahnmale in den Himmel ragen, wird es höchste Zeit für eine Rundreise.
Das Saarland gehört ja nicht zwingend zu den ganz großen Perlen des Motorradtourismus. Aber es gibt dort Dinge zu sehen, die nicht alltäglich sind. Im Februar 2008 wurden Teile des Saarlandes von einem Beben der Stärke 4,0 erschüttert. Das Zentrum lag in der Gemeinde Saarwellingen, unweit der Landeshauptstadt Saarbrücken. Der Grund: In mehr als tausend Meter Tiefe hat sich die Erde abgesenkt, die bis dato stärkste bergbaubedingte Erderschütterung im Saarland.

Der damalige Ministerpräsident Peter Müller ließ daraufhin den Abbau stoppen – das endgültige Aus kam dann vier Jahre später mit der Schließung des letzten Bergwerks Ende Juni 2012. Ein harter Schnitt für die Region und die Menschen dort, deren wirtschaftlicher Aufstieg und Wohlstand eng mit der Steinkohleförderung verbunden war. Bis zu 16 Millionen Tonnen holten die Bergleute von der Saar jährlich aus den Gruben und zu Hochzeiten arbeiteten dort 70 000 Menschen im Bergbau. Geblieben sind neben den vielen Schächten im Untergrund auch die vielen Fördertürme auf der Erdoberfläche, Zeitzeugen, die jetzt zum großen Teil ihrem eigenen Schicksal überlassen werden.  



Ich nähere mich der Hauptstadt Saarbrücken über den Hunsrück und tobe mich hier oben aus, weil da unten im Tal windet sich nur noch die Saar in Schleifen, der Rest ist eher trostloser, geradliniger Straßenbau, der die großen Ortschaften auf direktem Weg zumeist mehrspurig miteinander verbindet. An St. Wendel vorbei, wo früher mal spannende Motorradrennen stattgefunden haben, bewege ich mich direkt hinter der Landesgrenze auch schon auf die ersten Gruben zu. Ein kleines verwittertes Schild weist rechter Hand auf die Grube Gegenort hin. Ich setze den Blinker. Nur wenige Häuser haben sich hier an der B 41 um die Grube versammelt. Das massive Eingangstor ist mit einem dicken Vorhängeschloss versehen. »Der Hausmeister wohnt direkt um die Ecke. Der macht Ihnen sicherlich gerne auf«, erzählt mir ein Pärchen, das gerade den Hund ausführt. Fünf Minuten später kann ich mit der XJR auf den geschotterten Vorplatz fahren und einige Fotos machen.

Es wird langsam dunkel und die Szenerie wirkt gespenstisch. »Der Schacht ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Heute wird das Gelände mit der Schachthalle und dem Förderturm für Veranstaltungen genutzt und ist fast jedes Wochenende ausgebucht. Früher gab es sogar mal eine Verbindung für die Kohleloren bis nach Reden, wo noch viel mehr zu sehen ist«, gibt mir der Hausmeister die Richtung vor.  Ich folge der B 41 also ein Stück weiter und lande kurze Zeit später in einem der Epizentren der Steinkohleförderung im Saarland.
Das endgültige Aus kam dann vier Jahre später mit der Schließung des letzten Bergwerks

Ich parke mein Moped vor dem großen Eingangsportal des Werksgeländes. Laut Plakat findet hier in der Waschkaule, dem ehemaligen Umkleide- und Waschraum der Bergleute, die Ausstellung  »Das Erbe – zum Bergbau im Saarland« statt. Die Jungs und Mädels, die sich hier vor dem Haupteingang des Museums tummeln, haben mit dem Bergbau anscheinend nichts am Hut. Sie unterhalten sich auch nicht. Sie sitzen da, daddeln auf ihren Handys herum und sind in einer ganz anderen Welt unterwegs. Auf die Frage, wann das Museum denn geöffnet habe, zucken sie mit den Schultern. Später dann stellt sich heraus, dass die Ausstellung bereits Ende 2015 geschlossen wurde. Schade eigentlich, weil das Ambiente in Reden quasi eine Steilvorlage für einen dauerhaften historischen Rückblick darstellt. Denn hier ist der Bergbau in Gestalt von Schachtanlagen, Schornsteinen und riesigen Abraumhalden noch omnipräsent. Und das soll auch so bleiben, denn die komplette Anlage steht heute unter Denkmalschutz und gilt als »markantes, sehr aussagefähiges Architekturzeugnis des Saar-Bergbaus«.

Auf dem Gelände kehrt das Leben so langsam wieder zurück. Das Ganze nennt sich »Strukturwandelprojekt Reden«, ist offiziell seit 2001 am Start und hat die Zielvorgabe, »das ehemalige Bergwerk zu einem besonderen Standort für Freizeit, Tourismus und regenerative Energien auszubauen und zu einem regionalen und überregionalen Anziehungspunkt zu entwickeln.« Auch auf der riesigen Halde im Hintergrund des Bergwerks entsteht so peu à peu ein Erlebnis-Landschaftspark, der schon jetzt eifrig erklommen wird. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf das riesige Werksgelände von Reden und die umliegenden Ortschaften. Gleitschirmflieger nutzen die einzige Anhöhe der Region als Startrampe, Jogger und Radfahrer toben sich auf den frisch asphaltierten Wegen aus und der Abraum aus den Tiefen des Erdreichs weicht so langsam einem satten Grün mit lichtem Baumbewuchs. Um die Ecke in Friedrichsthal lässt sich heute noch ein Rückblick auf das Miteinander der Bergleute im Alltag werfen. Die fast vollständig erhaltene »Bergarbeitersiedlung Maybach« auf der Quirschieder Straße zeigt in den Anlagen und Ausformungen der Wohngebäude auf, wie das hierarchische Gefüge innerhalb der bergmännischen Gesellschaft aufgebaut war. Die Arbeiter-, Beamten- und Direktorenhäuser bilden jeweils eigene Viertel. Sehenswert ist die an den früheren Werkstoren gelegene und 1897 erbaute Kaffeeküche, ein schönes Beispiel für eine preußische Wohlfahrts- und Sozialeinrichtung.  
Das große Zechenhaus in Reden mit der übergroßen Skulptur des »Saarbergmannes«  gilt als Zeitzeuge der Monumentalarchitektur des Dritten Reiches. Ein Besuch der  Völklinger Hütte gehört zu der »To-do-Liste«  im Saarland.

Einige Kilometer weiter in Göttelborn wird einem die verfehlte Kohlepolitik des Saarlands beim Anblick des riesigen Fördergerüsts von Schacht IV überdeutlich gemacht. Das Monster ragt fast 100 Meter aus der Landschaft hervor und wird von der Bevölkerung auch liebevoll der »weiße Riese« genannt. Die im Oktober 1994 fertiggestellte, avantgardistisch anmutende Konstruktion war schon während des Baus zum neuen Wahrzeichen der Region avanciert und wurde als »Investition in die Zukunft« gepriesen. Aber bereits nach sechs Jahren war hier schon wieder Feierabend. Ein kurzes Leben für den weltweit höchsten Bergbauförderturm, dessen Schacht heute mit einem 70 Meter dicken Betonstopfen verschlossen ist. Die Kohle für die immer noch sehr aktive Stahlproduktion im Saarland kommt inzwischen ganz woanders her.

Auf der nächsten Station, der »Völklinger Hütte«,  rauchen die Schornsteine auch schon lange nicht mehr. Ein riesiges Buddha-Plakat springt mir entgegen, als ich den großen Kreisel zum Eingangsportal des Weltkulturerbes umrunde. Was das bitteschön mit der Stahlproduktion zu tun hat, erschließt sich nicht ganz, aber den mächtigen Hochöfen im Hintergrund wird es auch wurscht sein, wie die Kohle zum Unterhalt des riesigen Komplexes herangeschafft wird. Ich parke die XJR, klemme mir den Jethelm unter den Arm und mache einen Rundgang durch das Areal, was zirka zwei Stunden in Anspruch nimmt, aber gute Kondition und eine Portion Schwindelfreiheit voraussetzt. Lohnenswert ist der Marsch durch die dunklen Gänge der Möllerhalle und der anschließende, luftige Anstieg auf die Aussichtsplattform am Hochofen allemal. Nach dem vielen Altmetall in Völklingen geht es weiter an der Saar entlang, die sich in weiten Schleifen Richtung Trier bewegt.

Hinter Dillingen verlieren sich auch die letzten Schornsteine der Saarstahl AG aus den Rückspiegeln und es wird einsamer und vor allen Dingen auch wieder grüner.  Bei Mettlach tauchen die ersten Kurven auf, die uns hinauf nach Orschholz führen, wo die Saar ihre wohl schönste Schleife in die Landschaft gesetzt hat. Die Große Saarschleife ist am besten vom Aussichtspunkt Cloef  zu bewundern und am allerbesten vom dort inzwischen frisch installierten Baumwipfelpfad, der am Ende mit einer Aussichtsplattform in luftiger Höhe für das Antrittsgeld in Höhe von 10 Euro entschädigt. Der Abschied von der Saar fällt auf Höhe von Trier nicht weiter schwer. Der Akku ist leer und der Kopf komplett voll von Eindrücken, die erst einmal verdaut werden müssen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Saarland mit seinen einzigartigen Zeitzeugen aus der Vergangenheit lange noch so hautnah erlebbar bleibt.
Beeindruckende Stahlkompositionen ziehen die Besucher  der Völklinger Hütte in ihren Bann.

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Stand:18 February 2020 18:15:36/reiseberichte/kohle+weg_1612.html Warning: fopen(cache/47117ef78cfe82e5ff3f10fd3ab8a32b.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163