Motorradreise Frankreich/Normandie – Perle im Regen

10.04.2012  |  Text: Anna Petersen  |   Bilder: Anna Petersen
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Motorradreise Frankreich/Normandie – Perle im Regen
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Calvados, Cidre, Camembert – die Normandie wird auch das „Land der drei C“ genannt. Nicht ganz fehl am Platz wäre sicher noch ein P für „Pluie“ – das französische Wort für Regen. Denn der Motorradurlaub in der Normandie ist selbst im Sommer etwas für wettererprobte Fahrer mit einem Faible für raues Klima. Die Reise aber lohnt sich, denn die Region ist fahrerisch eine wahre Perle.
Als wir morgens in unserer Pension im ­Küstenort Ault erwachen, zeigt sich der Himmel in tiefstem Grau. Gestern sind wir mit unserer BMW R 1200 GS aus Deutschland angereist und triefendnass in diesem Dorf an der Grenze zwischen Normandie und ­Picardie gestrandet. Die Wettervorhersage für die kommenden Tage ist nicht gerade vielversprechend – besonders nicht für zwei Menschen, die mit ­Motorrad und Campingausrüstung angereist sind. Aber das muss man im Norden Frankreichs wohl in Kauf nehmen. Dafür freuen wir uns auf kurvige Küstenstraßen, abgelegene Dörfer und eine abwechslungsreiche Landschaft.

Das verschlafene Dörfchen Ault erweist sich ­dabei als hübscher Ausgangspunkt. Direkt am Meer und den eindrucksvollen Kalksteinklippen gelegen, die sich über Kilometer die Küste der Normandie entlangziehen, starten wir unseren Roadtrip gen Westen. Los geht es auf kurvigen Straßen zwischen Mais- und Kornfeldern hindurch nach Mers-les-Bains. Das Dorf ist direkt am Meer gelegen und bezaubert durch eine Vielzahl von Holzvillen mit außergewöhnlichen Schnitzereien. Eine kurze Regenpause nutzen wir, um in der Nachbarstadt Le Tréport mit einer kostenlosen Zahnradbahn auf die Klippen zu ­fahren. Nachdem wir den Blick auf die Hafenstadt und das Meer genossen haben, fahren wir weiter. Auf der rechten Seite ist immer wieder das Meer zu sehen, ein Panorama, das wir fast die ­gesamte Küstenroute entlang auskosten können. Wir passieren zahlreiche Dörfer, nahezu jedes scheint im Zentrum einen kleinen Teich zu ­haben, die Häuser zieren bunt lackierte Fensterläden und in den Gärten wachsen Apfelbäume, Hortensien und Stockrosen. Fast jedes Haus hat auch seinen eigenen Namen. Vorbei geht es an „Les Roses“, „Caprice“ und „Les deux pères“. Im entspannten Tempo lassen wir die Eindrücke auf uns wirken. Immer wieder lockt uns die Neugier auf Feldwege und Schotterrouten – sicherlich ein Paradies für ambitionierte Enduristen. Auch für uns lohnen sich diese gemächlichen Abstecher zu verborgenen Leuchttürmen, einsamen Strand­zugängen oder auf die eindrucksvollen Klippen der Alabasterküste. Der Weg ist das Ziel.

Blick auf den Hafen der fran­zösischen ­Gemeinde Le Tréport an der ­Mündung des Flusses Bresle

Gegen Mittag stehen wir auf einer Klippe ­neben der Kirche Notre-Dame-du-Bon-Secours und blicken auf die schöne Hafenstadt Dieppe. Das erste Seebad Frankreichs hat schon Napoleon zu seiner Zeit besucht und die mittelalterliche Burg bewundert. Der Regen lädt nicht zum Absteigen ein, aber wir nutzen den Vorteil des Zweiradfahrers und besichtigen die Stadt per Bike. Mehr Glück mit dem Wetter haben wir ­wenig später im Badeort Étretat. Der Reiseführer hat das Seebad als recht touristisch im Sommer beschrieben – aber wohl nur nach normannischen Verhältnissen. Uns präsentiert sich ein kleiner Ort mit einigen extravaganten Villen und nur wenigen Menschen an der Strandpromenade. Wir besteigen eine der beiden weißen ­Klippen, die das Seebad umrahmen. Gegenüber liegt die Porte d’Aval, eine Felsformation, die einem Elefanten ähnelt, der seinen Rüssel ins Meer taucht. Wer den Ausblick ohne Wanderung genießen möchte, kann mit dem Motorrad auch direkt auf den Felsen fahren.

Immer wieder schlängelt sich die Straße in hübsche Küstenorte hinab, bis wir schließlich ein echtes Highlight unserer Tour erreichen: le Pont de Normandie. Die längste Schrägseilbrücke ­Europas überspannt die Seine-Mündung zwischen den beiden Regionen Haute-Normandie und Basse-Normandie – mit grandiosem Ausblick. Während man mit maximal erlaubten 70 km/h die Brücke erklimmt, schaltet man als ­Motorradfahrer besser einen Gang zurück, um auf die Böen reagieren zu können, die auf einen einpeitschen, sobald man den Windschatten von Lastwagen oder Brückenpfeilern verlässt. Ganz klein fühlen wir uns da oben mit unserem ­Moped. Ein spektakuläres Erlebnis, das für ­Motorradfahrer sogar kostenlos ist.

Nach einer weitestgehend trockenen Nacht auf dem Campingplatz in Honfleur, besichtigen wir den malerischen alten Hafen der Stadt und das Gassengewirr zwischen Holz- und Steinbauten. Unsere französischen Freunde haben Honfleur nicht umsonst als „ein Muss“ bezeichnet. In ­weiten Kurvenradien direkt am Meer begeben wir uns anschließend zur nächsten architek­tonischen Attraktion, den Nachbarstädten Deauville und Trouville mit ihren breiten Sandstränden und edlen Anwesen. Fast möchte man vor ­jedem Haus stehen bleiben, um sich die Details anzuschauen, doch da kommt schon die nächste beeindruckende Villa in Sichtweite. Auf dem Fischmarkt von Trouville herrscht reges Treiben. Riesige Langusten, Krebse und Muschelberge türmen sich so weit das Auge reicht. Und die Schalentiere sind sogar teilweise noch lebendig. An einem Stand lässt sich eine Gruppe asiatischer Touristen erklären, wie man Austern schlürft. Fasziniert schaue ich einige Momente zu.

Pont de Normandie: Die Überfahrt ist für ­Motorradfahrer nicht nur kostenlos, sondern auch noch besonders faszinierend

Unser Roadtrip führt uns weiter nach Caen, die Hauptstadt der Basse-Normandie, sowie nach Bayeux, wo ein berühmter Wandteppich in 58 Bildszenen auf 68 Metern die normannische ­Eroberung Englands darstellt. Sogar die Schnellstraße auf dem Weg entpuppt sich dabei als ­sehenswert, obwohl wir von den mäandernden Küstenstraßen der Normandie bereits fahrerisch verwöhnt sind. Am frühen Nachmittag geht es weiter in Richtung D-Day-Strände. Unser Ziel ist der amerikanische Soldatenfriedhof in ­Colleville-sur-Mer mit Blick auf Omaha-Beach. Fast 10.000 Gräber gefallener amerikanischer Soldaten des Zweiten Weltkriegs befinden sich hier. Der Blick auf die endlos wirkenden Reihen ­weißer Marmorkreuze ist bedrückend. Zum ­ersten Mal auf unserer Reise treffen wir hier auch auf mehrere Touristen. Unsere BMW steht endlich einmal in Gesellschaft anderer Bikes – ­natürlich im Regen. Ohnehin haben wir bisher kaum andere Motorradfahrer auf den Straßen getroffen. Die Normandie als Geheimtipp oder wegen des Klimas nur ein Domizil für Hart­gesottene? Beständigkeit zeigt das Wetter hier ­jedenfalls nur in seiner windigen, regnerischen Natur. Die Regenkleidung tragen wir eigentlich nie im Gepäck, sondern meist gleich am Körper.

Uns ist das Nass inzwischen fast egal, so ­fahr­enswert ist die Region. Außerdem haben wir an diesem Abend ein besonderes Ziel: das ­Château de Pont-Rilly. Das Schloss aus dem Jahre 1765 liegt im Landesinneren der Halbinsel Cotentin und schon die Fahrt über die lange, ­heckengesäumte Auffahrt ist ein Erlebnis. Die Räume entsprechen noch immer dem Original des 18. Jahrhunderts mit Versailles-Parkett, geschnitzten Holzvertäfelungen und Marmorkami­nen. Selbst die Toilette müssen wir erst suchen, so dezent ist sie in die Holzvertäfelung einge­lassen. Was man sonst in Museen hinter roten Absperrkordeln bewundern darf, kann man hier anfassen und bewohnen. Schlossbesitzer Jean-Jacques gibt uns am nächsten Tag sogar eine Führung und erzählt in bedächtigem Französisch von der Historie des Châteaus, das er zehn Jahre lang liebevoll selbst restauriert hat.

Bei Sonnenschein brechen wir auf und erleben fahrerisch einen weiteren Höhepunkt, denn die Küstenstraßen der Halbinsel sind wirklich malerisch schön und kurvenreich. Besonders die „Route des Caps“ am nördlichen Zipfel ist ein Highlight für jeden Motorradfahrer. Fahrerisch anspruchsvoll und eine Einladung zur Kurvenhatz. Wir sausen durch eine Landschaft, die sich auch von dem bisher Gesehenen unterscheidet. Bröckelnde Steinmauern, wilde Farnbüsche und felsige Landzungen säumen unseren Weg. Der Vergleich mit Irland, den ich meinem Reise­führer entnehme, ist sicher nicht fehl am Platz. Wann immer wir anhalten, erntet unser Motorrad mit seinem ausländischen Kennzeichen viel ­Anerkennung, und ohnehin fahren die Franzosen sehr zweiradfreundlich.

Erinnert an Irland: Auf der Halbinsel ­Cotentin fahren wir zwischen bröckelnden Mauern, wuchernden Farnen und felsigen Klippen hindurch

Nach einer weiteren Campingplatzübernachtung und schönen Stunden auf unserer BMW, kommen wir schließlich zu der majestätisch aus dem Ärmelkanal ragenden Insel Mont-St-Michel, die über einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Einige Kilometer entfernt nehmen wir uns ein Zimmer auf dem Bauernhof der Familie Gédouin in Servon. Abends genießen wir den Blick auf die Silhouette der Insel, morgens das liebevolle Frühstück mit frischem Gartenobst, selbstgemachten Marmeladen und frischem ­Joghurt; all das serviert in der Wohnküche. Neben uns mampft der Enkel sein Müsli, während sein Großvater uns Tipps zu Mont-St-Michel gibt. Schon aus weiter Ferne sieht man die in den Himmel ragenden Festungsanlagen und die ­Abtei – auch im Dunstschleier des Regens ein faszinierender Anblick. Vor Ort treffen wir trotz früher Stunde auf ­größere Touristengruppen, mit denen wir gemeinsam den Aufstieg durch die ­gewundenen Gassen beginnen. Kirchengebäude und hübsche Fachwerkhäuser, aber auch der ­Ausblick vom Gipfel belohnen uns.

Unsere letzten beiden Tage widmen wir dem Binnenland, der sogenannten Suisse-Normande. Wir fahren wohin uns die Straße führt, jeder ­Abstecher erscheint lohnenswert. Selbst die kleinsten Dörfer haben schöne Kirchen, fahnengesäumte Marktplätze, kleine Brücken und alte Steinhäuser zu ­bieten. Immer wieder passieren wir auch feudale Herrenhäuser mit Springbrunnen in barocken Parkanlagen. Unser Motorrad trägt uns an zahlreichen Schildern vorbei, auf denen Produkte der Region angeboten werden – vom Käse bis zum Apfelwein. Und sobald es einmal trocken ist, legen wir ein kurzes Mahl an den ausgeschilderten „Pique-nique“-Plätzen ein. Lässt sich die Sonne einmal blicken, ist es mit bis zu 20° C richtig warm. An anderen Tagen hat der BMW-Bordcomputer auch schon 11° C angezeigt.

Über mehrere Treppen und enge Gassen führen verschiedene Wege zur Spitze der felsigen Insel Mont-St-Michel

Über die gewundenen Waldwege der tollen Route „Contre-Attaque“ geht es in den Wassersportort Clécy am Fluss Orne und durch das ­Ante-Tal in die Kleinstadt Falaise, wo wir Überreste einer mittelalterlichen Burg anschauen. Wieder einmal betreten wir ein Café und ernten in unserer nassen Motorradkluft einige mitfühlende Blicke. Ob das Wetter in der Normandie immer so ist, möchte ich von unserer Tischnachbarin wissen. „Ach“, meint sie gutmütig, „im Sommer kommt nach dem Regen auch mal die Sonne heraus.“ Und so ist es wenig später dann auch und es zieht uns wieder hinaus in die ländliche Region, die mit vielen Kurven und geringem Verkehr zum entspannten Cruisen einlädt.

Den Endpunkt unserer Reise bildet die Hauptstadt der Haute-Normandie, die eindrucksvolle Stadt Rouen mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern. Rund 2.000 Fachwerkhäuser, gotische Bauwerke und Kirchen tragen zu dem stimmungsvollen Stadtbild bei. Ein würdiger Ort, um unsere einwöchige Reise ausklingen zu lassen. Über 1.400 Kilometer haben wir zurückgelegt und fahrerisch hätte die Strecke kaum schöner sein können. Ein bisschen wehmütig ­stecken wir die Normandie-Karte ein und zeichnen ein letztes Mal die Tagesroute nach. Weniger wehmütig hängen wir ein letztes Mal unsere ­Motorradkleidung zum Trocknen auf. Irgendwann wollen wir wiederkommen – in der ­Hoffnung auf besseres Wetter. Vielleicht ist es eine Lebensaufgabe, diese wunderschöne Landschaft einmal an durchgehend sonnigen Tagen zu bereisen. Ähnlich der Suche nach dem Goldtopf am Ende des Regenbogens. Vielleicht nimmt man die Normandie aber auch einfach so wie sie ist und macht das Beste daraus.
 

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Stand:22 October 2018 21:08:57/reiseberichte/motorradreise+frankreichnormandie+-+perle+im+regen_171109.html