Motorradreise Italien – Kurvenparadies Basilicata

21.12.2017  |  Text: Heinz E. Studt  |   Bilder: Heinz E. Studt
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Motorradreise Italien – Kurvenparadies Basilicata
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Zwischen Kalabrien und Apulien liegt eine Region, die einst zum Armenhaus Italiens gehörte. Und auch heute noch abseits des touristischen Rummels ein eher beschauliches Dasein zelebriert. Basilicata – einem Kurventraum für den Entdecker ...
Um hier gleich einmal eine durchaus berechtigte Frage aufzugreifen und zu beantworten: Nein, die Basilicata ist nicht die ursprüngliche, ja sogar namensgebende Heimat des Basilikums. Die Gewürzpflanze stammt aus Afrika respektive Asien und hat mit dieser Region Süditaliens absolut nichts gemein. Der Name Basilicata tauchte erstmals im 10. Jahrhundert auf, als ganz Süditalien von den Normannen erobert worden war. Seine einstige Bedeutung bleibt allerdings bis heute im Dunkel der Geschichte verborgen. 

Eine Tatsache, die mich nach recht kurzweiliger Anreise über das gut ausgebaute Autobahnnetz Italiens aber erst einmal gar nicht weiter juckt. Seit drei Stunden kreisen wir nun schon entlang der Küstenlinie auf der Suche nach einem schön gelegenen und vor allem bereits geöffneten Campingplatz. Diese Suche erweist sich jetzt Mitte Mai deutlich schwieriger, als von daheim aus recherchiert. Zwar dominieren horizontweite Appartementanlagen die Küste, komplettiert mit Hotels, Restaurants und auch Campingplätzen, doch das touristische Leben beginnt hier augenscheinlich erst ab Mitte Juni. In Metaponto Lido werden wir schließlich fündig und quartieren uns auf einem schnuckeligen Campingplatz ein, den nur eine Häuserreihe vom ewig wellenschlagenden Mittelmeer trennt. Fazit: passt schon!

Eine Küstenlinie aus Stichstraßen, Sackgassen, Ferienanlagen und Sandstränden, ein hügel- und panoramareiches Hinterland samt UNESCO-Welterbe und mächtig viel Einsamkeit sowie der Nordzipfel eines Nationalparks – die Erkundung der Region Basilicata lässt sich perfekt in drei höchst abwechslungsreiche Tagesetappen unterteilen. Höchst abwechslungs- und vor allem kurvenreich.
 
Tour-Telegramm 1
Länge: 365 km
Reine Fahrtzeit: 7 h
Anspruch: mittelschwer
Einkehrtipp am Mittag: Trattoria Zi Mingo in der Via Pierre de Coubertin No. 43 in Potenza. 

Kaum haben die Schranken unseres Campingplatzes am Morgen geöffnet, sitzen Kirsten und ich auch schon im Sattel der R1200 GS Adventure, bereit für den ersten Tourentag. Die Küstenschnellstraße SS106 ist rasch gekreuzt und schon lockt uns das Städtchen Bernalda zu einem kurzen Rundgang aus dem Sattel. Bis auf das Mittelalter geht die Geschichte Bernaldas zurück, heute dominiert plakativ zur Schau getragene Gemütlichkeit das Leben im 12 000-Seelen-Ort. Ein rascher Dreh am Gasgriff und schon nimmt uns das Basento-Tal in sich auf. Vor allem die Kurvenpisten am östlichen Talrand über Pomarico, Grottole und Grassano stimmen mich perfekt ein auf den vor uns liegenden Tourentag.



Über 32 waschechte Kehren auf gut achtzig Kilometer Strecke geht es hurtig Richtung Grassano. Wie viele Orte in der Basilicata drapiert sich auch Grassano rund um eine Hügelspitze, nahezu jedes Haus lockt mit unverbaubarer Aussicht auf das Umland. Weitere sieben Kehren und einige Kurven später erreichen wir wieder den Boden des Basento-Tales und huschen auf der SS407 am weitgehend ausgetrockneten Flussbett Richtung Westen. Der Wegweiser Richtung Campomaggiore und Albano di Lucania lockt uns erneut tief in die Hügelwelt der Basilicata. Die übrigens in diesem Teil einstmals Lukanien hieß. 

Über Trivigno, den Lago di Ponte Fontanelle und die Weiler San Donate und Rifreddo erreichen wir zur Mittagszeit schließlich Potenza, die Hauptstadt der Basilicata. Deren Verkehrsgewühl trifft uns wie ein Faustschlag, rund um die Kirche San Michele drapieren sich einige historische Sehenswürdigkeiten sowie ungezählte Hochhäuser für die immerhin knapp 70 000 Einwohner. Hätten wir nicht eher zufällig die Trattoria Zi Mingo in der Via Pierre de Coubertin No. 43 entdeckt – meine Empfehlung für einen Einkehrschwung in Potenza –, ich hätte bereits nach der zweiten roten Ampel das Weite gesucht. 

Frisch gestärkt geht es anschließend wieder hinaus in die Einsamkeit der nördlichen Basilicata. Über Vaglio Basilicata und Tolve am gleichnamigen Fluss, über Irsina und ungezählte herrliche Kurvengemenge erreichen wir nachmittags dann den touristischen Höhepunkt der Region: das UNESCO-Welterbe Matera. Ein legaler Parkplatz für das Motorrad ist rasch gefunden – mein Tipp: Via Don Minzoni nahe der Piazza del Mulino – und schon streifen wir zu Fuß durch die atemberaubenden Reste des spannenden süditalienischen Mittelalters.



Wie im Flug vergeht der Nachmittag in Matera, natürlich samt Boxenstopp. Mein Tipp dazu: das Fiocchi di Latte in der Via delle Beccherie No. 93 mit einer Eisauswahl, in der ich täglich schwelgen könnte. Wie gut, dass unser Campingplatz gar nicht mehr so weit ist und dort bequeme Shorts auf mich warten. 

Tagestour Nr. 2 führt uns noch einmal ganz besonders intensiv in das Hügelland Lukaniens rund um das mächtige Tal des Salandrella, einem auch Cavone genannten Fluss, der im Umfeld Materas entspringt und im Golf von Tarent schließlich im Mittelmeer mündet. Bevor wir allerdings in die Berge abzweigen, gönnen wir uns ein paar Abstecher hinab an den Golf von Tarent. Zum Beispiel nach Marina di Pisticci, einer künstlichen Appartementsiedlung mit eigenem Bootshafen und weiten Stränden. Na ja, wer so etwas mag ...
 
Tour-Telegramm 2
Länge: 405 km
Reine Fahrtzeit: 8 h
Anspruch: mittelschwer
Einkehrtipp am Mittag: Osteria Il Cielo in Una Stanza in der Via Gioberti 9 in Anzi. 

Kurz vor dem quirligen Policoro setze ich den Blinker rechts und treibe die GS am Ostufer des Agri-Flusses über Peschiere hinauf nach Craco, einer Geisterstadt in atemberaubender Aussichtslage. Von griechischen Kolonisten irgendwann in grauer Vorzeit gegründet und bis ins 6. Jahrhundert von ihnen Montedoro genannt, taucht der Name Craco erstmals um das Jahr 1060 unserer Zeitrechnung auf. »Wenig gepflügtes Feld« soll er bedeuten und auf die eher unwirtliche Landschaft hindeuten. Um das Jahr 1800 besetzte Napoleon die prosperierende Stadt, die im weiteren Verlauf der Zeit mehrmals überfallen und geplündert wurde, so dass viele Einwohner – übrigens Crachesi genannt – Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderten. Arbeiten an der Kanalisation führten 1963 zu verheerenden Erdrutschen, so dass Craco wegen Unbewohnbarkeit und Lebensgefahr endgültig aufgegeben werden musste. Seit 2010 stehen Cracos immer noch sehr imposante Reste auf der Liste der gefährdeten Kulturdenkmäler Italiens und können nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden. 

Unterwegs am Rand des Sandrella-Tales

Eine Gruppe griechischer Biker brettert plötzlich fröhlich hupend auf ihren KTMs an Craco und uns vorbei und zeigt die wohl immer noch existierende Verbundenheit mit dieser einst griechischen Enklave. Wir düsen weiter. Am Westrand des Salandrella-Flusstales geht es nach San Mauro Forte hoch auf einem Hügel, über dessen Dächern sich gerade mächtig viel Gewölk zusammenbraut. Ob das Wetter halten wird? 

So manche Straße hier im Hinterland allerdings nicht. Immer wieder sind große Teile der eh schon recht schmalen Pisten vor dem Windschild unterspült und weggebrochen, nur an wenigen Stellen wird aktiv und vor allem rechtzeitig davor gewarnt. Geld für die Sanierung scheint im ehemaligen Armenhaus Italiens auch heute nicht vorhanden zu sein. Mit voller Konzentration zirkle ich die BMW um die Ecken in den Val d’Agri Nationalpark – oder exakt gesagt: dem Parco Nazionale dell’ Appennino Lucano Val d’Agri Lagonegrese (welch ein sperriger Name!) – einem der jüngsten Naturschutzgebiete Italiens. Über Stiglione, Cirigliano und hinüber ins Tal des Flüsschens Sauro geht es auf der garantiert von Bikern geplanten, weil extrem kurven- und kehrenreichen SS103 weiter durch den mit 800 Quadratkilometern eher winzigen Nationalpark. Weite Hügellandschaften wechseln mit waldreichen Etappen, landwirtschaftliche Hochflächen mit nahezu ausgetrockneten Flusstälern.

Mit Abriola, Anzi und Grassano streifen wir kurz unsere gestrige Tourenstrecke, zu der es im Hinterland von Grassano dann noch zahlreiche Alternativen zu entdecken gilt. Und so manch verlockende, gemäßigte Offroadpiste, die ich mir kofferbefreit und trotz Straßenbereifung immer wieder mal gönne. Offroad-Erfahrungen sind auch hier im Kernland der Basilicata immens hilfreich. Über Montagnola, Ferrandina und Pisticci erreichen wir spätabends wieder unser Basislager am Golf von Tarent.  

Alles klar? Diese Übersichtskarte im Pollino-Nationalpark nützt nur noch den Holzwürmern

Der 193 000 Hektar große Parco Nazionale del Pollino ist der größte aller italienischen Nationalparks. Errichtet 1993 wurde er 2015 sogar mit dem Label UNESCO-Global-Geopark ausgezeichnet und zählt heute zu den größten Naturschutzgebieten Europas. Die Basilicata und die Region Kalabrien teilen sich die landschaftlichen Schönheiten und Schätze des Nationalpark, ein wahrlich guter Grund für mich, unsere dritte Tour in den Pollino-Nationalpark zu führen. 
 
Tour-Telegramm 3
Länge: 300 km
Reine Fahrtzeit: 5–6 h
Anspruch: leicht, wenige Abschnitte mittelschwer
Einkehrtipp am Mittag: Panificio Villone in der Via Isabella Morra No. 54 in Sant’Arcangelo. 

Dazu müssen wir frühmorgens aber erst einmal auf der vierspurigen SS106 über Policoro und Lazio nach Südwesten schwingen. Auch die Kleinstadt Policoro geht auf eine griechische Siedlung zurück, Spuren der antiken Stadt Heraclea sind heutzutage im ausgeschilderten Archäologischen Park sowie vor allem den Geschichtsbüchern zu finden.

Mit antiken Fakten wollen wir uns am letzten Tag unserer Reise durch die Region Basilicata weniger aufhalten, denn es warten unzählige landschaftliche und fahrerische Genüsse auf uns. Wenige Kilometer südlich von Lazio setze ich den Blinker rechts und dirigiere das Motorrad hinauf in die Bergwelt rund um Montegiordano und Oriolo. Allerorten blüht der Ginster leuchtendgelb und bildet das i-Tüpfelchen auf dem Frühling in der Basilicata – zusammen mit dem Herbst eine der schönsten Reisezeiten für diese Region.

Alt und Neu strikt getrennt: Blick auf die Altstadt von Oriolo

Malerisch drapieren sich in Oriolo Alt- und Neustadt nebeneinander an einem Berghang, doch auch in diesen Altstadtgassen lautet mein Tipp: nur mit ordentlich Erfahrung im Mopedsattel und möglichst gepäckbefreit hineinfahren. Es wird ohne Vorwarnung teuflisch eng und kaum mehr lenkerbreit. In herrlichen Rechts-Links-Kombinationen führt uns die SS481 dann über die grüne Grenze hinein in den Nordrand des höhlenreichen Pollino-Nationalparks. Allein 35 waschechte Kehren plus ungezählte Kurven schenkt uns die Piste von Oriolo über Cersosimo nach Senise. Und das auf gerade einmal vierzig Kilometern Streckenlänge. Das nenn ich Fahrspaß pur.

Da macht es auch nichts, dass viele Übersichtskarten am Straßenrand im Nationalpark inzwischen von der heißen Sonne Süditaliens ausgebleicht wurden und unleserlich sind. Erstens habe ich mein Navi samt tadellosem GPS-Empfang, zweitens können wir bei der Streckenauswahl hier im Nationalpark eigentlich keine falsche Entscheidung treffen. So wie über die Serra Salice, eine Sammlung schöner Panoramastrecken nördlich von Oriolo. Jede Piste hier lohnt eine ausführliche Erkundung, allerdings auch heute wieder mit einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit, da so manche Straße plötzlich einspurig und mächtig brüchig wird.

Ausweichen wird schwierig: das Rindvieh besitzt ganz schön spitze Hörner

Pausenlos muss Onkel Garmin unsere Route heute neu berechnen, da ich immer wieder ganz spontan den schönsten Ausblicken folge. In einer erinnerungswürdigen Kurvenhatz geht es durch den Nordteil des Naturparks, erst der Weiler Sant’Arcangelo an der SS598 kann unseren Vorwärtsdrang stoppen. Oder vielmehr mein heftiges Magenknurren beim Anblick der Panificio Villone mit ihrer Auswahl an Köstlichkeiten. In der Via Isabella Morra No. 54 zu finden, falls Sie auch der Hunger quält.

Eine Sammlung unterschiedlichster »strada statale« respektive »strada provinciali« habe ich für den Nachmittag eingeplant. Und gleichwohl heftiges Gewölk mit dunkelgrauen Unterkanten anzudeuten scheint, dass sich das schöne Wetter verabschieden möchte, lassen wir uns den Fahrspaß nicht verderben. Über Tursi erreichen wir schließlich wieder Policoro, schauen kurz auf dem Gemüsemarkt vorbei und gönnen uns einen abschließenden Einkehrschwung, der unsere Tourentage in der Basilicata perfekt abrundet. Mein Tipp dazu: die Trattoria L’Altro Impero in der Via Salerno No. 82 mit einem Meeresfrüchte-Schmaus zu absolut fairen Preisen. Und einer Gastfreundlichkeit, die typisch ist für die touristisch so herrlich im Dornröschenschlaf liegende Basilicata. Lassen Sie es sich schmecken ...
 

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Stand:23 September 2018 00:57:03/reiseberichte/motorradreise+italien+-+kurvenparadies+basilicata_171016.html