Motorradreise Spanien Ostküste - Weites Land

27.01.2017  |  Text: Heinz E. Studt  |   Bilder: Heinz E. Studt
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Motorradreise Spanien Ostküste - Weites Land
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Falls Sie am Jahresanfang immer aufgefordert werden, endlich Ihren Resturlaub anzutreten, bevor er verfällt, dann hätte unser Autor einen Vorschlag für Sie: die Region Murcia im Süden der spanischen Levante. So unscheinbar wie unbekannt, so winzig wie auch wichtig. Und ausgestattet mit über 300 Sonnentagen im Jahr sowie tadellosen Pisten. On- wie offroad.
Mal ehrlich: Wenn ich im schmuddeligen Februar mit Moped, Sozia, Camper und Gedöns zwei autobahngraue Tage lang in Richtung Südostspanien brettere, kann ich dann am Ziel nicht mindestens blühende Landschaften in gleißendem Sonnenlicht erwarten?  Na ja, das mit der Sonne immerhin­ funktioniert, als Kirsten und ich uns am Morgen nach der Ankunft in den Sattel unserer GS schwingen. Was das Out­back von Murcia allerdings landschaftlich bietet, ist an Kargheit kaum zu toppen: staubtrockene Kalkböden, entlaubte Bäume; eine Natur, die sich nur durch das Fehlen von Schnee und Eis von dem unterscheidet, was wir nördlich der Alpen hinter uns gelassen haben. Und die im Meer der horizontweiten Gewächshaus-Batterien beinahe unterzugehen droht. Verzweifelt klammern sich unsere Augen ans wellenschlagende Meer. »Der letzte Winter war einer der trockensten in der Geschichte Murcias«, erklärt unser Campingplatzbetreiber am Abend, als wir unsere Brötchen für den kommenden Morgen ordern. Und das in einer Region, die eh schon zu den trockensten Europas zählt. »Unsere Speicher sind leer, selbst die Stauseen im Hinterland haben kaum noch Wasser«, seufzt er. Ich nehme mir vor, mich beim abendlichen Duschen kurz zu fassen. 

Tour Nr. 1
Länge: 255 Kilometer
Reine Fahrtzeit: 5 Stunden
Anspruch: leicht
Sehenswert: Mazarrón, Bolnuevo, Aguilas, Küstenlinie der Costa Calida.
Einkehr: Taperia El Castillo im Zentrum von Cuevas del Almanzona mit den wohl besten Tapas der Region.

Natur hin oder her, es sind andere Gründe, die mich hierhergeführt haben: Meine Abenteuer-GS braucht nach fast vier Monaten Garage dringend streusalzfreien Auslauf. Und von dem gibt’s hier mehr als genug. Im Weiler Isla Plana an der Levante-Küste südlich von Murcia haben wir unser Camping-Basislager aufgeschlagen und am Abend bei einer Flasche spanischem Roten eine Handvoll Touren aufs Navi geschaufelt. Gleich die ersten Kilometer der Tour Nr. 1 bergen eine echte Überraschung: die »Erosiones de Bolnuevo« nahe Mazarrón. Jahrhunderte an Erosion haben diese einzigartigen Pilzfelsen erschaffen. Bis zu zehn Meter hoch ragen die bizarren Sandmonster in den beinahe unnatürlich blauen Himmel. Mazarrón selbst ist ein beschaulicher Ort mit Fischerei- und Jachthafen sowie einem 35-Kilometer-Sandstrand, der zu den schönsten der Region gehört.

Die Erosiones de Bolnuevo bei Mazarrón bestehen aus heftig bröckelndem Sandstein

In weitem Bogen umfahren wir den Golf de Mazarrón und folgen der Küstenlinie mit ihren versteckten Buchten. »Costa Calida« oder auch »Costa de Murcia« nennen die Spanier diesen Abschnitt, wobei »calida«, also »warm«, deutlich besser passt. Die schönsten Küstenabschnitte sind von Naturschutzzonen umschlossen und oft nur zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar. Bis auf die Ruinensiedlung, deren Zufahrt gleich hinter El Cantar gen Osten abzweigt. Auf manchen Karten ist die Bucht ist als »Cala Blanca« bezeichnet und in meinem GPS-Download metergenau markiert. Kurzerhand entledige ich mich meiner Sozia und der Koffer und  gehe eine Runde im Dreck ackern. Herrlich und harmlos!

Kurz vor Aguilas führt uns die Straße wieder offiziell zurück ans Meer und folgt der Küste auf Sichtweite. Der Ort markiert den südlichsten Zipfel der Costa Calida und grenzt direkt an die Region Andalusien. Nach einem leckeren Boxenstopp in Cuevas del Almanzona treten wir über das Hinterland rund um den fast ausgetrockneten Stausee von Almanzona den Rückweg an. Eine einsame Landschaft aus strahlendweißen Kalkböden und sauber gezirkelten Obst- und Olivenplantagen saugt uns auf. Rund um die ­Bäume sind tiefe Furchen gezogen; jeder Tropfen Regen soll – so er denn fällt – direkt zu den durstigen Wurzeln gelangen. Über Pulpi und das Outback von Mazarrón erreichen wir am Abend das Basislager. Weg von der Küste einmal rund um die Sierra Espuña, die grüne Lunge der Region Murcia, soll unsere Tour Nr. 2 am nächsten Tag führen.

Tour Nr. 2
Länge: 250 Kilometer
Reine Fahrtzeit: 5 Stunden
Anspruch: leicht
Sehenswert: Sierra-Espuña-Gebirge, Totana, Bullas, Parque Regional Carrascoy.
Einkehr: La Tasca del Adolfo in der Avenida Libertad in Bullas, ein wenig teurer, aber echt spanisch und lecker. 

In Mazarrón besorgen wir Proviant für den Tag und werfen einen Blick auf die historischen Erzminen am Nordrand des Ortes. Schon die Römer sollen hier Erze gefördert haben, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Hügel mit großem Aufwand auf links gedreht, um ihre wertvollen Inhalte zu plündern. Übrig blieben gewaltige rotbraune Abraumhalden, verziert mit Ruinen alter Förderschächte und Unterkünfte. Bei Sonnenauf- und -untergang tatsächlich ein ganz besonderes Farbenspiel – und ein prächtiges Offroadgelände mit freier Zufahrt. Das gesamte Areal steht übrigens zum Verkauf, nur falls jemand Lust auf einen Abenteuerspielplatz à la Erzberg haben sollte.



Unmittelbar nach dem quirligen Städtchen Totana türmen sich bereits die ersten Berge vor dem Windschild. Als Alpenvorländer sollte ich den Begriff »Berge« vielleicht weniger inflationär einsetzen; in Wirklichkeit sind es eher Hügellandschaften. Bis auf immerhin knapp 1 600 Höhenmeter reicht die Sierra Espuña, deren Klima sich deutlich vom Rest der Region Murcia unterscheidet: Im Schnitt fünf Grad weniger Hitze, dafür aber spürbar mehr Regen lassen die Natur erblühen. Das Rot der Erde bildet in Kombination mit dem satten Grün der Bäume und dem überwältigenden Blau des Himmels herrliche Kontraste,  die uns ebenso begeistern wie das perfekt asphaltierte Netz der kurvigen Straßen, die uns schwungvoll Richtung Westen führen. Irgendwann liegt die Baumgrenze hinter uns und wir genießen freie Sicht auf Höhenstraßen, deren Ideallinie an diesem Tag uns ganz allein gehört. Die Sierra Espuña und ihr Umland zählen zweifelsohne zu den schönsten Motorradregionen der spanischen Levante.

Eher zufällig stoßen wir Punkt 12 Uhr im Städtchen Bullas auf das Lokal La Tasca del Adolfo, das ich ausdrücklich empfehlen möchte. Nachmittags geht es über weite Hochebenen zerfurcht von knochentrockenen Barrancos wieder gen Osten. Durch menschenleere Ortschaften wie Mulla und Librilla sowie über den Südwestrand des Regionalparks »Carrascoy y El Valle« treibe ich die BMW genüsslich retour nach Isla Plana. 

Tour Nr. 3
Länge: 170 Kilometer
Reine Fahrtzeit: 4 Stunden
Anspruch: leicht
Sehenswert: Parque Regional Carrascoy, Murcia (sicherlich!), Cartagena.
Einkehr: Café El Hombre Tranquillo in der Calle Honda 29 in Cartagena. 

Es ist Sonntagmorgen und keine Wolke am Himmel. Heute steht der Besuch Murcias auf unserem Tourenplan, hoffentlich frei von Stau und Berufsverkehr. Das weite Hügel­land mit seinen Zitronenplantagen und dem Hauch von Grün und reifen gelben Früchten nimmt uns in sich auf. Wenige Kilometer vor dem historischen Zentrum Murcias staut sich plötzlich der Verkehr. Jede Menge »Policia Local« ist unterwegs und je näher wir dem Zentrum kommen, desto mehr schwerbewaffnete Kampfmaschinen der spanischen »Guardia Civil« beäugen uns mit argwöhnischen Blicken. Irgendwann geht es gar nicht mehr weiter. Besuch der Königsfamilie? Autogrammstunde von Christiano Ronaldo? Nein: Ganz Murcia ist wegen eines Marathonlaufes abgeriegelt, nur zu Fuß oder mit Anwohner­ausweis ist das Vordringen in den historischen Kern überhaupt noch möglich.

Was dem Bronzemann die Stimmung verhagelt hat, ist nicht bekannt. Am herrlichen Zentrum von Cartagena kann es definitiv nicht liegen

Uns reicht’s. Nach kurzer Diskussion entscheiden wir uns für Cartagena als Alternativprogramm. Eine weise Entscheidung, denn die zweitgrößte Stadt der Region Murcia präsentiert sich uns von ihrer Schokoladenseite: mit freier Zufahrt und Motorradparkplatz direkt am Hafen sowie prächtigen Gelegenheiten, sich die Beine zu vertreten. Der bedeutendste Seehafen Spaniens liegt strategisch günstig direkt an einer der tiefsten Buchten der Costa Calida. So sonnenverwöhnt und klimatisch günstig, dass hier vor 50 000 Jahren sogar schon Neandertaler Muscheln gesammelt und hübsch bemalt haben sollen. Julius Cäsar wertete das damals noch Cartago Nova genannte Städtchen dann zu einem der wichtigsten römischen Militärhäfen auf, später kamen zwei Festungen sowie eine mächtige Burganlage dazu. Cartagenas pralle Geschichte ist allerorten in Museen und Ausgrabungen präsent. Sehr sehenswert. Tour Nr. 4 bringt uns zurück ans Meer: an den nördlichen und landschaftlich vielleicht schönsten Abschnitt der Costa Calida. 

Tour Nr. 4
Länge: 285 Kilometer
Reine Fahrtzeit: 6 Stunden
Anspruch: leicht
Sehenswert: Cartagena
Einkehr: Café Cielo – die kulinarische Entdeckung direkt am Hafen von San Pedro del Pinatar. 

Dazu müssen wir aber erst  Cartagenas Berufsverkehr im Süden umfahren. In der zauberhaften Bucht von El Portus südlich der Stadt lassen wir unter südlicher Sonne nochmal die Seele baumeln, während sich daheim, wie wir hören, der Winter mit Regen und Kälte nochmals aufbäumt. Der Süden Cartagenas ist ein Konglomerat aus Industriearealen, Raffinerien und haushohen Mineralöltanks, da sind Pfadfinderqualitäten gefragt. Im Fischerdorf Portman liegt dieser Moloch schließlich hinter uns. Bereits die Römer verluden hier Erze auf Schiffe, bis weit ins 19. Jahrhundert wurde rund um den Ort nach Metallen gegraben und der Abraum, das sogenannte »taube Gestein« einfach ins Meer geschüttet. Das wehrte sich und beförderte das schwarze Gestein bei jeder Sturmflut zurück an Land. Noch heute ist der Strand von Portman mit schwarzem Sand bedeckt, die Bucht des Ortes mit Schwermetallen belastet.

Östlich von Cartagena gibt es nicht nur Raffinerien und alte Erzminen, sondern auch diesen verträumten Hafen von Portman

Playa Honda, einer dieser mittelmeertypischen Ansammlungen Zigtausender Ferienwohnungen, Hotels, Spiel- und Restaurantstraßen – allesamt mit Strandzugang – ist um diese Zeit im Jahr ganz Geisterstadt, unwillkürlich gebe ich Gas und treibe den Bajuwarenboxer am Strand entlang gen Norden. Und dann liegt er vor uns: »La Manga del Mar Menor« – lassen Sie den Namen der vor uns liegenden Landzunge einmal auf Ihrer Zunge zergehen. Rund 22 Kilometer lang ist die natürliche Nehrung, die an ihrer schmalsten Stelle gerade einmal 100 Meter Breite misst. Nahezu komplett überbaut mit Straßen, Hotel- und Ferienanlagen ist sie einer der wichtigsten touristischen Hot-Spots der Levante. Sie umschließt den Salzsee Mar Menor und lässt nur an vier natürlichen Kanälen Frischwasser einströmen. Rund um den See wird  auch heute noch versucht, in Meerwasserbecken das »Gold des Mittelalters« durch simple Verdunstung zu gewinnen. 

Als ich die Kamera einpacke und Gas gebe, hat die Sonne den Zenit bereits deutlich überschritten. Ein Schwenk über San Pedro del Pinatar und das Hinterland der Costa Calida ist geplant, vom Mittelmeer heißt es nun erst einmal Abschied nehmen. Über Via Fuente Alamo und ungezählte namenlose Weiler geht es schwungvoll auf tadellos asphaltierten Pisten dahin. Nicht leicht, sich stets an das allerorten plakativ ausgeschilderte 90er-Limit zu halten. Fast so schwer wie der Abschied von der Costa Calida – nach einem letzten ausgiebigen Sonnentag am Strand von Mazarrón und trüben Gedanken an die Kälte zuhause. 

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Stand:24 June 2019 11:50:49/reiseberichte/motorradreise+spanien+ostkueste+-+weites+land_174.html