Motorradtour Ostfriesland

15.06.2016  |  Text: Heinz E. Studt  |   Bilder: Heinz E. Studt
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Motorradtour Ostfriesland
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Wer am Motorradstammtisch Ostfriesland als Tourenziel vorschlägt, riskiert zumindest verständnislose Blicke, wenn nicht sogar die Kostenübernahme der nächsten Runde. Dabei hat die Heimat des Windes so viel mehr zu bieten als nur Weite und Wasser, Schafe und Krabben. Dies ist der Versuch einer Liebeserklärung …
Der Blick von meinem Bürofenster direkt auf die Alpen ist sehr reizvoll, birgt aber auch die Gefahr, zum Gewöhnlichen und Alltäglichen zu werden. Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, meine Sinne neu kalibrieren, neu schärfen zu müssen, zieht es mich in den Norden unserer Republik. Dorthin, wo alles so anders ist als daheim. So flach, so weit, so windig, so geradeaus und so salzig. Dorthin, wo Himmel und Horizont zu einer Einheit verschmelzen, in der Kontraste selten sind. 

Spielplatz hinterm Deich
Auf einem Campingplatz in Dornumersiel haben Sozia Kirsten und ich unser erstes Basislager aufgeschlagen. Nur ein mannshoher grüner Wall trennt uns vom Meer, von weißem Sand und bunten Strandkörben. Die gesamte Küstenlinie bis hinüber nach Krummhörn ­wollen wir von hier aus erkunden. Ich schaufle kurzerhand noch zwei Touren für die nächsten beiden Tage aufs Navi, dann geht’s zum Sonnenuntergang ans Meer; den Blick einnorden.

Die Güterwege gleich hinterm Deich sind ein Traum für den touren­den Entdecker, im Hochsommer aber auch voller E-Biker

Das Brausen des Windes und das hungrige Schreien unzähliger Möwen locken uns anderntags früh aus den ­Federn. Rasch sind ein Becher Kaffee eingeflößt und das Triebwerk der quirligen BMW gestartet. Über Neßmersiel und Ostermarsch flitzen wir auf winzi­gen Landstraßen und Güterwegen nach Norden, die älteste Stadt Ostfrieslands und unser heutiges Tor in die Landschaft der Krummhörn, der Wahlheimat des nach Otto Waalkes wohl zweitberühmtesten Ostfriesen Klaus Störtebeker. 

Der auch heute noch in Form von Plakaten, Figuren und Straßennamen präsente Freibeuter zog unter anderem von Marienhafe hinaus zu seinen Raubzügen auf dem Meer. Damals lag der Ort noch direkt am Wasser, heute trennen beide gute fünfzehn Kilometer Marschland. Durch dieses dem Meer abgerungene Land lassen wir uns einmal um Krummhörn treiben. Riesige Windkraft­anlagen schießen allerorten wie Pilze aus dem Boden, echte Windmühlen sind deutlich seltener geworden. 
Greetsiel gönnt sich gleich zwei davon, die perfekt restaurierten „Greetsieler Zwillinge“ sind eine Augenweide. Die so genannten Holländerwindmühlen stam­men aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die jüngere kann besichtigt werden, ebenso der einzigartige Pilsumer Leuchtturm wenige Kilometer weiter.

Otto, der „Blödelbarde“ Ostfrieslands, machte den Leuchtturm von Pilsum berühmt

Seit zentrale Szenen der Komödie „Otto – der Außerfriesische“ hier gedreht wurden, kennt man das rot-gelb geringelte Leucht­feuer inmitten grüner Deichlandschaften über alle Landesgrenzen hinaus. Ja, der 1890 in Betrieb genommene Leuchtturm ist heute sogar eines der offiziellen Wahrzeichen Ostfrieslands. Sein Turmzimmer kann übrigens für Trauungen gebucht werden, man muss dazu seine Hochzeit nur in der Gemeinde Krummhörn halten.

Emden ist Ostfrieslands größte Stadt und überredet uns pünktlich zur Mittagszeit zu einem Hafenrundgang samt äußerst leckeren Fischbrötchen. Tipp: Bittner’s Fischspezialitäten, der wohl bekannteste Stehimbiss Emdens direkt am alten Hafen. Schlange stehen am Mittag lohnt sich hier auf jeden Fall! Nach einem Blick auf die breite Ems suchen wir uns den Heimweg nochmals durch die Landschaften der Krummhörn. Über Pewsum und Marienhafe, über Münkeboe und sein sehenswertes „Dörpmuseum“ erreichen wir schließlich Aurich. Einst Residenz der ostfriesischen Fürsten, heute Zentrum der „Ostfriesischen Landschaft“, einer der sieben historischen Landschaften Niedersachsens. Im letzten Licht des ­Tages geht es dann retour zu unserem Lager am Nordseestrand. 

Zwischen Wiesen und Watt
Noch eine Portion Weite und Meer haben wir für Tag zwei eingeplant. Dazu gesellen sich die wohl schönsten Fischereihäfen der ostfriesischen Küste. Benser­siel macht gleich am Morgen den Anfang mit einer Mixtur aus Geschichte und Moderne, aus Alt und Neu. Das geht noch ansehnlicher, wie uns bald ­darauf das prächtige Neuharlingersiel beweist. Unzählige Male stand ich als Kind schon an dieser Hafenmauer, Hand in Hand mit meinem kleinen Bruder und abgelichtet vom stolzen Papa. Wie damals riecht alles nach Meer und frisch gekochten Krabben, der Wind pfeift um die Ecken der Häuser, lässt die Wellen schlagen, die Kutter am Ankertau schun­keln und legt eine salzige Kruste auf meine Lippen. Unwillkürlich sickern die Worte von Mona Harry, der berühm­testen Poetry-Slammerin des Nordens, durch meine Gedanken: „Wer immer beschloss dieses Land zuzubereiten, dieser Koch war so verliebt, sogar die Luft ist versalzen.“

Emdens historischer Kern scheint ganz aus rotem Klinker erbaut worden zu sein

Einen Katzensprung östlich erwartet uns dann die Perle der Nordseeküste, das Städtchen Carolinensiel mit dem vorgelagerten Hafen und Badeort Harlesiel. Auch dieses Land wurde einst dem Meer entrungen, ab 1930 begann die mühsame 22 Jahre andauernde Trocken­legung der Harlebucht. 1953 wurden Hafen und Schöpfwerk gebaut, jenes mächtige Konstrukt, das mit seinen Turbinen auch heute noch dafür sorgt, dass das Meer sein Eigentum nicht zurück­erobern kann. 
Legal befahrbare Pisten gleich hinter der Deichkrone locken uns anschließend gen Osten. Über Horumersiel geht es nach Hooksiel, dann erneut gegen den Wind durch nie enden wollende Landschaften umsäumt von hohen Hecken und noch höheren Baumreihen, die dafür sorgen, dass Äcker nicht erodieren und die Menschen in ihren penibel gezirkelten Vorgärten auch einmal von Windstille träumen können. 

In weitem Bogen umfahren wir zunächst den Pflichtstopp in Ostfriesland, das Städtchen Jever. Das kommt morgen dran, wenn wir ins Landesinnere wechseln. Rund um Wiesmoor gönnen wir uns noch einen Vorgeschmack auf das Fehnland des Nordens, jene so eigentüm­lich modellierte Landschaft aus schnurgeraden Kanälen, Straßen und Wegen, verziert mit schneeweißen Klappbrücken. Da sage noch einer, Ostfriesland sei langweilig!
 


Friesenbier und Tiefwasserhäfen
Natürlich gehört ein Besuch Jevers mit seiner weltberühmten Brautradition zu jeder Ostfrieslandreise, gleichwohl „friesisch-herb“ zumindest in Form einer Hopfenkaltschale jetzt nicht mein Geschmack ist. Freunden jener Gerstensäfte sei die Führung durch das „Friesi­sche Brauhaus zu Jever“ ans Herz gelegt, in deren Anschluss man im Brauereishop all das erwerben kann, was die Stadt berühmt gemacht hat. 

Wir schlendern durch das belebte Zentrum Jevers, ordern im Altstadt-Café am Kirchplatz ein fast schon opulentes zweites Frühstück und huschen dann zu einem Kurzbesuch nach Wilhelmshaven, dem Wirtschaftszentrum und gleichzeitig mit achtzehn Metern tiefsten Tiefwasserhafen Deutschlands. 1869 von Kaiser Wilhelm I. als preußischer Militärhafen in Auftrag gegeben, ist die Stadt bis heute Deutschlands wichtigster Militärstützpunkt, dessen Charme geduldig entdeckt werden will.



Mit dem mahnenden Satz „Du weißt, wir brauchen einen Campingplatz oder ein Zimmer!“ erinnert mich Kirsten anschließend via Helmfunk daran, dass wir noch kein Basislager im Herzen Ostfrieslands ausgespäht haben. Ich gebe Gas und treibe unsere BMW F 800 GS Adventure über Varel und Westerstede nach Barßel. Mein dort favorisierter Camping­platz liegt ziemlich versteckt in der waldreichen Landschaft, doch nach einiger Sucherei haben wir ihn schließlich entdeckt. Rasch noch die Koordinaten unter den Favoriten abgespeichert sowie eine letzte Tour geplant, dann machen wir Feierabend für heute. 

Kurvensurf im Fehnland
Unzählige künstliche Kanäle haben den Süden Ostfrieslands einstmals entwässert, sodass der Mensch hier siedeln konnte. Heute bilden sie gemeinsam mit den anmutig einsamen Fehndörfern und ihren historischen Klappbrücken eine Bilderbuchlandschaft. Über Barßel und seinen bildhübsch hergerichteten Bootshafen, über Harkebrügge und Kamperfehn stoßen wir direkt hinein in dieses Fehnland. Gemütlich rollen wir am ­Elisabethfehnkanal entlang, bestaunen die auch heute noch handbetriebenen Schleusen und können uns gar nicht sattsehen an all der schon historischen Andersartigkeit. 

Im 17. Jahrhundert begann der Mensch damit, die „Fehn“, also das Moor, nach einer exakt festgelegten Methode zu ­kultivieren. Zuerst wurden schiffbare Kanäle angelegt, in die sich die angrenzenden Moore entwässern konnten. Der dadurch gewonnene Torf wurde gestochen, auf Segelschiffen sowie getreidelten Lastkähnen über eben jene Kanäle in die Städte transportiert und dort als Brennmaterial verkauft. Für den Rückweg luden die Schiffe dann Schlick, den die Bauern mit dem unter der Torfschicht liegenden Naturboden vermisch­ten, um das Land dauerhaft fruchtbar zu machen. Eine mühsame, aber erfolgreiche Methode der Landgewinnung, die der ostfriesischen Landwirtschaft heute noch zugutekommt. 



Obwohl viele Kanäle heute kaum noch schiffbar oder aber durch dort vor Anker 
gegangene mächtig breite Segelschiffe blockiert sind, erinnert man sich nicht nur rund um Rhauderfehn gerne an diese längst vergangenen Zeiten. Via ­Papenburg erreichen wir schließlich das Ufer der Ems, die uns zielstrebig hinein nach Leer geleitet, dem südlichen Tor Ostfrieslands. Direkt am alten Hafen, nur einen Steinwurf vom vornehmen Rathaus entfernt, laden Bänke im prallen Sonnenschein zu einer Rast, bevor es zu einer ausgiebigen Erkundung in die Fußgängerzone mit ihren Geschäften, Cafés und Kneipen geht. In der Ostfriesischen Teestube am Hafen bekommt Kirsten dann endlich ihre langersehnte Teezeremonie und ich ein riesiges Stück Admiralstorte – lecker, stilvoll und echt. Kalorien zählen? Ab morgen wieder ... 

Auch rund um Moormerland, einer Samtgemeinde aus zehn eigenständigen Dörfern, werden diese typischen Klappbrücken liebevoll gepflegt und zur Querung der Fehnkanäle benutzt. Herrliche Fotomotive, die nicht nur unseren Nach­mittag heimwärts zum Basislager in Nordloh füllen. Motive, die auch meine Eindrücke und Erinnerungen an Ostfriesland perfekt abrunden. Erinnerun­gen an dieses eigenartige Land ganz oben im Norden, wo Himmel und Horizont eins und Kontraste selten, dann aber heftig sind. Oder, um mit jener erlebenswert wortgewaltigen Mona Harry zu schließen: dieses „... Land zwischen den Meeren, vor dem sich im Wind sogar die Bäume verneigen. Du bist der wahre Grund, warum Kompassnadeln nach Norden zeigen.“

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Stand:23 February 2020 14:23:08/reiseberichte/motorradtour+ostfriesland_173.html Warning: fopen(cache/065d76f26a8de151638c2822c443e7d4.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163