Wo sich Horizonte kreuzen

10.10.2019  |  Text: Tobias Kircher  |   Bilder: Tobias Kircher
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Wo sich Horizonte kreuzen
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Sippersfeld. Schließt einmal die Augen und denkt an Sippersfeld. Und? Nix? Wenn ihr diesen Artikel gelesen habt, bin ich sicher, dass wir uns demnächst dort begegnen. Beim Horizons Unlimited Reisemotorradtreffen.
Sippersfeld im Naturpark Pfälzerwald. Tief im Pfälzerwald. Sehr tief. Zugegeben, der Kulturschock Pfälzer Wildnis könnte kaum größer sein. Aber hier, am Rande des Nordpfälzer Berglandes, trifft sich seit Jahren eine stetig wachsende Zahl von Motorrad- und Reise-Enthusiasten aus aller Herren Länder zum geselligen Benzingespräch. Und ganz so verkehrt scheint das hier nicht zu sein. Ausgehend von Susan und Grant Johnson, einem kanadischen Pärchen, das seit Ende der Achtziger Jahre mit dem Motorrad die Welt durchkreuzt, und Ihrer Webseite „Horizons Unlimited“ , entwickelte sich eine der größten Internetcommunities und erste Anlaufstelle für Motoradreisende weltweit. Ob Reisebericht oder Ausrüstungsreview, Routenplanung oder Regionalforum, keine Frage bleibt hier lange unbeantwortet. Die Fährzeiten von Assuan nach Wadi Halfa? Ein Kettenritzel in Irkutsk? Vergaserbedüsung für die Anden? Gestrandet in Deadhorse? »The HUBB« und die angeschlossene Schwarmintelligenz findet für alles eine Lösung. Nicht lange, und die ersten Motorradtreffen wurden organisiert. Heute gibt es Horizons-Events von Australien bis Argentinien, von Kirgisien bis Kapstadt. Oder eben auf dem Campingplatz Pfrimmtal bei Sippersfeld. 



Kommen kann jeder. Und das tun sie. Immer wieder. Von überall her. So hartnäckig und enthusiastisch, dass es gleich zwei Treffen im Jahr gibt in Sippersfeld, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Kein Wunder, denn es ist ein Treffen ohne Blasiertheiten, von Gleichgesinnten auf Augenhöhe, von Reisenden, die ihre Vorurteile irgendwo auf der Straße verloren haben. Man öffnet sich, verstummt und hört zu, quatscht und tauscht sich aus, lernt und lehrt. In den Workshops, die tagsüber stattfinden, oder bei den Reisevorträgen am Abend. Bei Benzingesprächen oder am abendlichen Lagerfeuer. Jeder ist willkommen, Assimilation garantiert. Alleine bleibt hier keiner, egal welche Sprache er spricht, egal, welches Bike er fährt. Der stetig wachsende Kreis von bekannten Gesichtern und Wiederholungstätern trifft in der Regel auf die gleiche Anzahl von Neulingen. Man duzt sich, seinen Namen klebt man sich kurzerhand per Aufkleber auf die Jacke. Und seit 17 Treffen ist das Wetter schön. Auch das gehört zum Wunder von Sippersfeld.



Weit haben wir´s nicht bis hierher, die Anfahrt ist schnell erledigt. Meine zwei ebenso reiseverrückten Motorradfreunde aus Mannheim und ich treffen uns für diese kleine Flucht aus dem Alltag, um neue Ideen für unsere nächsten Unternehmungen zu finden. Am Abend vorher noch eben die frosttauglichen Schlafsäcke auf die Moppeten geschnallt und die Alu-Rettungsdecke aus dem KFZ-Erste-Hilfe Kasten gemopst, der Wetterbericht verheißt kalte Nächte. In Verbindung mit dem allabendlichen Lagerfeuer und dem in Aussicht gestellten Alkoholpegel hat die übrige Reisegruppe jedoch keine weiteren Einwände. Gedankliche Notiz an mich: einen neuen Verbandskasten für meine Frau besorgen.



Die Strecke bis Bad Dürkheim bringen wir zügig hinter uns, entscheiden uns dann aber für die relaxte „Kupplungshand-auf-Oberschenkel“-Fahrhaltung und werfen einige Blicke in die Runde. Das Kleinod der Pfalz steht komplett im Zeichen des Weines, und kann gleich mit zwei Superlativen punkten: nicht verpassen sollte man Mitte September den Bad Dürkheimer »Wurstmarkt«, das größte Weinfest der Welt, das sich 2017 bereits zum 600ten Mal jährt. Das sollte reichlich Zeit gewesen sein, um zu lernen, wie man ein erstklassiges Fest schmeißt. Dazu gibt’s gleich noch das größte Weinfass der Welt und ein Spielcasino. Ah ja. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das Visier klappt runter, der Seitenständer hoch, für mehr Kultur sind wir heute nicht zu haben, der nächste Gang flutscht auch ohne Kupplungshand.



Weiter geht es durchs Jägerthal, vorbei an den mittelalterlichen Ruinen Limburg und Hardenburg. Ich will den Tross nicht schon wieder zügeln und merke mir die Bauten für den Rückweg. Wir wollen weiter, heute ist nicht der Weg das Ziel. In Frankenstein biegen wir auf die Deutsche Alleenstrasse, die Nähe zum Johanniskreuz verspricht einige nette Kehren. Irgendwann haben wir das mit dem Ziel statt dem Weg dann doch durcheinander gebracht, und viele, viele Kurven später rumpeln wir beglückt auf den Campingplatz Pfrimmtal. Der Helm ploppt vom Kopf wie ein Sektkorken aus der Flasche. Wir brauchen Abkühlung. Bischoffsbräu in der Halb-Liter-Flasche. Mit Schraubverschluss. Der wird erstmal zerdrückt, um die Ernsthaftigkeit unserer Absichten zu untermauern. Ein Grinsen in die Runde. Wir sind hier. Life´s good.



Die üblichen Verdächtigen schleichen schon über den Platz, als auch wir unsere Begrüßungsrunde drehen. Bekannte Gesichter, bekannte Motorräder. Auf dem ein oder anderen Seitenkoffer prangt ein neuer Länderaufkleber, ein paar Falten im Gesicht hat der Fahrtwind tiefer gegerbt, einige Schrammen mehr hier und da, viele Kilometer, noch mehr Geschichten. Ein paar davon werden wir in den nächsten Tagen hören. »Jeder Sturz ist eine Schande…« – mit solchen Sprüchen erntet man hier nicht mal ein müdes Grinsen. Die meisten hier hatten persönlichen Kontakt mit dem Dreck der halben Welt, haben ins Gras der Mongolei gebissen oder sich das Salz der Atacama aus der Fresse gespült. Hier gibt es Alukoffer, die ein Dorfschmied auf dem Karakorum-Highway zusammengedengelt hat, im äthiopischen Hochland geschweißte Rahmen und Fahrerkombis, die von alleine stehen bleiben, wenn man sie auszieht.



Wir melden uns bei Jens an, Organisator des Treffens und Mastermind von mehr Projekten gleichzeitig, als es hier Schaffelle auf Motorradsitzen gibt. Der ehemalige Edelweiß-Tourguide besticht durch gnadenlose Gechilltheit und einer noch größeren Herzlichkeit. Wie nebenbei managt er unser Fahrercamp, Neuankommende, Feuerholz, Rettungshubschrauber und die sich ständig ändernde „Timetable“ der Workshops und Berichte, die Biervorräte, Laptop- und Beamerprobleme, tausenderlei Anfragen von Teilnehmern und schafft es wie selbstverständlich, noch mit allen und jedem ein nettes Schwätzchen zu führen.



Wir haben noch etwas Zeit, bevor die ersten Vorträge anfangen, und nach einer kleinen Stärkung aus dem Benzinkocher setzen wir unsere Platzrunde fort, amüsieren uns über Sinn und Preis des neuesten Anschraub-Zubehörs und bewundern Self-Made-Lösungen.



Roman und Angelus geben gleich mehrere ihrer berühmt-berüchtigten Workshops, diesmal wird es Gulasch-Kochen am offenen Feuer und Vergaser-Reinigung mit dem extra mitgebrachten Ultraschall-Gerät. Das geht noch. Wir hatten auch schon Nahkampf-Techniken mit halblegalen Waffen und wo man diese am Motorrad versteckt, die nützlichsten Psychopharmaka für die lange Reise, eine Gleitschirm-Flugvorführung mit Nahtod-Erlebnis und eine See-Überquerung im faltbaren Militärschlauchboot zum Mitmachen. Ja, man kann auch unnötige Sachen aufs Motorrad packen, aber nur wenige.



Allmählich erwacht das Camp zum Leben. Die Nacht war tatsächlich empfindlich kalt, der Frost auf den Sitzbänken und Windschilden zeugt noch davon. Nur langsam schiebt sich die Sonne über den Waldrand, wer auf den oberen Terrassen sein Zelt stehen hat, wird früher warm.



Überall vor den Zelten brodeln jetzt die Kocher den ersten heißen Kaffee des Tages, Jens hat 300 knackfrische Brötchen vom örtlichen Bäcker organisiert, aber eine Wechselgeldkasse vergessen. Wer nicht passend bezahlen kann, muss so viele Brötchen nehmen, bis es stimmt. Ich hab nur ein 2-Euro-Stück und teile meine 6 Brötchen mit Ray aus Schottland.



Im knallbunten Zirkuszelt, Mittel- und Sammelpunkt unserer illustren Gesellschaft, gibt es einen beliebten elektrischen Wasserkocher, und die kurze Ansteh- und Wartezeit kann schon wieder mit dem nächsten Benzingespräch überbrückt werden. Andy aus dem Schwarzwald sucht eine günstige Möglichkeit, sich und sein Motorrad nach Kanada zu verfrachten. Ich rufe Wolfgang dazu, der eben Duschen gehen will. Der will von einer Verbindung über Island gehört haben. Joachim wird ins Boot geholt, der irgendwann mal seinen Truck nach Brunswick verschifft hat. Eifrige Diskussionen entstehen. Am Abend treffe ich Andy und Wolfgang am Lagerfeuer wieder, die kurzerhand beschlossen haben, die Tour zusammen zu fahren und bereits eifrig am Austüfteln der Reiseroute sind. Die Verschiffung ist geklärt, mit Seabridge geht es direkt von Hamburg nach Halifax, der Tipp kam von Jose und Margitta. Das Paar aus Holland kennt die Verbindung von Ihrer letzten Reise und war mehr als zufrieden.



So vergehen die wenigen kurzen Tage, und Zelt um Zelt, Motorrad um Motorrad verschwindet wieder vom Rasen in Sippersfeld. Die mit den längsten Heimreisen zuerst. Im Gepäck jede Menge neue Reiseziele, neue Bekannte, neuen Gesprächsstoff, vielleicht ein paar Email-Kontakte oder Handy-Nummern. Jede Menge Träume. Fernweh. Und das Gefühl, mitten im Pfälzer Wald ein Stück Familie gefunden zu haben.
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Stand:13 November 2019 03:13:32/reiseberichte/wo+sich+horizonte+kreuzen_191010.html Warning: fopen(cache/3f78bbbb4167cc93db9b2489684ac966.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163