BMW R 1200 RS – Fahrbericht

14.08.2018  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Carsten Heil
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BMW R 1200 RS – Fahrbericht
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Die BMW R 1200 RS ist ein Sporttourer, ein Halbblut also. Attribute eines komfortablen Reisemotorrades gepaart mit denen eines reduzierten, aggressiven Sportgerätes. Halb Couch, halb Kraftstation – perfekt für die sportliche Couchpotato von heute. Oder?
Meine Skepsis an der Grundidee einer solchen Maschine ist groß. Zu weit klaffen mir die Eigenschaften und ursprünglichen Einsatzbereiche der beiden Motorradarten auseinander. Wikipedia sagt im ersten Satz über Supersportler: „Ein Supersportler ist ein ohne Rücksicht auf andere Ausstattungsmerkmale, wie Komfort oder Zuladung, auf sportliches Fahren gebautes Motorrad.“ Nun ist Wiki sicherlich nicht die aussagekräftigste Quelle, aber dieser Satz stimmt mit meinen Vorstellungen überein. Was macht also ein Hersteller, um diese Diskrepanz zu vermeiden? Fußrasten steil montieren oder doch lieber reise- und kniefreundlich weit unten? Damit sie dann beim sportlichen Kurvenschrubben viel zu früh aufsetzen? Ein straffes Fahrwerk oder doch etwas weicher, um ein großes Spektrum an Untergründen beackern zu können?

Wer darauf eine Lösung will, sollte die R 1200 RS fahren. Ich weiß nicht genau, wie sie es gemacht haben, aber die RS ist tatsächlich ein Sporttourer mit einem herrlichen Kompromiss aus Sport- und Tourentauglichkeit. Leider ging das auf den Charakter, denn den suche ich vergebens. Nicht Fisch, nicht Fleisch, eher so das Tofu-Würstchen. Aber bevor man das nicht probiert hat, weiß man auch nicht, dass das sogar schmecken kann. Ähnlich geht’s mir mit der RS. Das Cockpit ist etwas unübersichtlich und die Spiegel zeigen einen zu kleinen Ausschnitt deiner Vergangenheit. Aber trotz aller Zweifel merke ich während der Testfahrt, dass sie einfach gut ist.



Nur eben, dass da kein klarer Charakter ist. Amüsant ist dabei, dass die Bayern sich wirklich Mühe gegeben haben, der RS einen solchen zu verpassen. Beispiel: Wer liebt nicht das süße Gesprotzel von Fehlzündungen im Schiebebetrieb? BMW wohl auch und schaffte es, einen eigentlich ungeplanten Vorgang gewollt zu imitieren. Will heißen, dass die RS im Schiebebetrieb bei exakt gleicher Drehzahl anfängt Fehlzündungen zu imitieren. Komischerweise klingen die immer gleich – und erscheinen verrückterweise nur im Road-Modus.

Zugegeben, hätte mich ein Kollege nicht explizit darauf hingewiesen, hätte ich es überhaupt nicht bemerkt. Und damit haben sie ihre Aufgabe auch nicht verfehlt. Verglichen werden darf aber nicht: Was BMW auf Teufel komm raus macht, schütteln die Italiener fast versehentlich und zuhauf aus ihren talentierten Handgelenken. Stil hat man, oder eben nicht. Dafür funzen die Italobikes aber auch selten so zuverlässig wie dieser Sporttourer von BMW. Über Stock und Stein arbeitet das Fahrwerk genau so, wie es soll, und lässt dabei auch sportliche Runden zu. Hervorragend ausbalanciert und trotz der dezenten Lenkerstummel schwingt sich der 236 Kilo schwere Bock einwandfrei in jede Kurve. Das und die Tatsache, dass die RS mit 820 Millimetern nicht allzu hochbeinig ist, macht sie für mich nebenbei zu einem geeigneten Motorrad für Frauen. Außerdem können in den großzügigen Koffern und dem Topcase jede Menge Wechselschuhe verstaut werden.



Auf einer typisch westdeutschen Holperstraße greift in der Kurve die Traktionskontrolle ein. Überrascht gehe ich vom Gas und freue mich über das zuverlässige Feedback der verbauten Technik. Allgemein ist das Technikpaket in der Sonderausstattung umfangreich und es bedarf etwas Muße und Zeit sich da reinzufuchsen. Wenn das allerdings erledigt ist, können Fahrmodi individuell konfiguriert werden, der Reifendruck kann am Display abgelesen werden, Datum, Zeit und Temperatur werden angezeigt, ein Tempomat kann eingestellt sowie Heizgriffe in zwei verschiedenen Stärken angeschaltet werden und, und, und. Der Schaltassistent Pro für 420 Euro ist optional und definitiv sein Geld wert. Hoch und runter können die Gänge ohne zu kuppeln gewechselt werden. Die Antihoppingkupplung arbeitet hervorragend zusammen mit dem Schaltassi. Diese Kombi macht den Tourer eine ordentliche Portion sportlicher – vor allem für jene, die die 125 PS gern aus dem Krad quetschen. „Paaatsch“, der Gang ist drin, Gas bleibt während dessen stehen und der Punch kommt unmittelbar. Aufwärts ist nur der Wechsel zwischen erstem und zweitem Gang ruppig, alle weiteren Gänge lassen sich kaum spürbar reinhauen. Abwärts ist der Assistent eine noch größere Bereicherung: Alle, die ihre Linie schulen wollen, müssen kaum noch bremsen. Selbst bei knapp hundert Sachen tippe ich auf den Schalthebel, der zweite Gang rastet ein und sanft (dank der Antihoppingkupplung), aber zügig reduziert die RS vor der Kurve ihre Geschwindigkeit.



Wer schon eine perfekte Linie beherrscht, kann die RS voll ausfahren. Die Bremsen packen saftig zu, ein gutes Gefühl bei so einem leistungsstarken Motorrad. Mit 7750 U/minauf der Uhr ziehen die 125 PS beim Beschleunigen aus der Kurve beeindruckend an. Bei 6500 U/min entfalten sich die 125 Nm des Zweizylinder-Boxermotors. Eine satte Mitte, aber auch untertourig lässt sich die RS ruckelfrei fahren. Bevor sie nicht warm gelaufen ist, zeigt der Drehzahlmesser den roten Bereich – hier schwarz – bereits bei 7000 U/min an. Finde ich super, so kann der Motor geschont werden und sagt dir an, wann du am Hahn drehen kannst. Wie gesagt: Funktional ist die 1200er RS absolute Klasse.

Zu erwähnen ist jedoch, dass unsere Testmaschine das komplette Zusatzpaket verpasst bekommen hat. Da steigt natürlich der Preis von regulären 13.750 Euro (ohne Überführungskosten, aber inklusive Mehrwertsteuer) noch mal deutlich in die Höhe. Empfehlenswert ist es, die Unterschiede der verschiedenen Pakete selbst zu erfahren. Falls also beim Händler in der Nähe verschieden ausgestattete Modelle stehen: Fahren, vergleichen und nach Gusto entscheiden. Ich bin sicher, dass nicht jede Zusatzfunktion überhaupt notwendig ist.

Fazit BMW R 1200 RS

Bei allem anfänglichen Zynismus: Die BMW R 1200 RS ist ein erstaunlich gutes Motorrad. Sie ist vielleicht nicht das stylische, charaktervolle Custombike mit besonderen Eigenheiten. Dafür aber wirkt es auf mich sehr zuverlässig, wunderbar durchdacht und noch viel besser abgestimmt. Draufsetzen und wohlfühlen ist hier angesagt – Fahrspaß garantiert. Und irgendwie wird dadurch doch ein Schuh aus der ganzen Sache, Halbblut hin oder her. BMW, du hast es geschafft, einen erstaunlich guten Kompromiss aus zwei grundverschiedenen Motorradarten auf die Räder zu stellen – Respekt.

Technische Daten BMW R 1200 RS



Basispreis: 13.750 €
Motor: Luft-/ Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Boxer
Hubraum: 1170 ccm
Leistung: 125 PS (92 kW) bei 7750/min
max. Drehmoment: 125 Nm bei 6500/min
Bohrung x Hub: 101 x 73 mm
Verdichtung: 12,5 : 1
Gemischaufbereitung: elektronische Einspritzung
Kupplung: Mehrscheiben Ölbad
Anzahl Gänge: 6
Endantrieb: Kardan
Rahmen: Hauptrahmen mit mittragendem Motor und angeschraubtem Heckrahmen
Federung vorn: Upside-Down-Gabel 45 mm
Federweg vorn: 140 mm
Federung hinten: Einarmschwinge mit BMW Motorrad Paralever
Federweg hinten: 140 mm
Reifen vorn: 120/70 ZR17
Reifen hinten: 180/55 ZR17
Bremse vorne: Doppelscheiben 320 mm, Vierkolben-Radialbremssattel
Bremse hinten: Scheibe 276 mm, Zweikolben-Schwimmsattel
Länge: 2202 mm
Breite: 925 mm
Höhe: 1250 mm
Sitzhöhe 820 mm
Radstand: 1527 mm
Nachlauf: 114,8 mm
Leergewicht: 236 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 450 kg
Tankinhalt: 18 Liter

BMW R 1200 RS – Serienausstattung



Elektrik
  • Dauerlichtschaltung
  • Höheneinstellbares Abblendlicht
  • TFT-Display mit Nachtmodus
  • Bordcomputer: Digitaluhr, Gang- und Benzinstandanzeige, Kilometer- und Tageskilometerzähler (Trip 1, 2), Restreichweite, Durchschnittsverbrauch, Durchschnittsgeschwindigkeit, Motortemperatur, Ölstand, Außentemperatur, Service-Intervall-Anzeige, Fahrmodi-Anzeige
  • Steckdose
  • CAN-Bus mit Single-Wire-System
  • Elektronische Wegfahrsperre
  • Diagnoseschnittstelle
  • Warnblinkanlage
  • Generator 508 W
  • Blinkleuchten weiß und LED-Rücklicht

Ausstattung
  • Halbverkleidung
  • Mehrfach manuell einstellbarer Windschild
  • Zweiteilige Sitzbank
  • Einschlüsselsystem für Zünd-, Lenk-, Tank und Sitzbankschloss
  • Integriertes Zünd- und Lenkschloss
  • Soziushaltegriffe und -fußrasten
  • Einstellbare Handbrems- und Kupplungshebel
  • Bordliteratur und Bordwerkzeug

Fahrmodi (jeweils mit Automatic Stability Control)
  • Rain
  • Road

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Stand:14 November 2018 12:58:48/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/bmw+r+1200+rs+-+fahrtest_18814.html