Fahrbericht Moto Guzzi V7 - Reizend rudimentär

06.06.2012  |  Text: Dirk Mangartz  |   Bilder: Werk
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Fahrbericht Moto Guzzi V7 - Reizend rudimentär
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Moto Guzzi hat die V7-Modellreihe fit für die Zukunft gemacht.
Was hat uns Motorradfahren damals für einen Spaß gemacht, als wir mit unseren XJ 650, R 75/5, CB 550 Four oder 850 T3 über die Alpen in den Süden ­geschraddelt sind. Elefantenboy und Krauser-Koffer prallvoll mit Musik­kassetten und Dosenbier. Luftmatratze, Schlafsack, fertig. Schon bald wurden die Motorräder schneller, schöne Sache. Ausgeklügelte Technik machte das ­Fahren komfortabler, sicherer. Moderne Tourenmotorräder finden heute nur dann volle Beachtung, wenn sie über ABS, Bordcomputer und elektrische Windschild-Verstellung an der praktischen Vollverschalung verfügen. Wer es wirklich drauf hat, der verlangt Drive-by-Wire, Tempomat und Navigations­system. Doch ist unser Hobby damit auch wirklich spannender geworden?



Wer sich nach all den Jahren auf ­immer besseren Motorrädern mal wieder auf eine Maschine der 70er- oder frühen 80er-Jahre setzt, der wird erschreckt feststellen, dass die Federelemente auf Unebenheiten pumpen, die Bremsen zahnlos, manchmal gar hilflos zubeißen und keinerlei Komfort-Ausstattung den verwöhnten Piloten umschmeichelt. Und dennoch ist es ­wieder da. Dieses Prickeln.
Für alle, die den Reiz puristischer Fortbewegung wiederentdeckt haben, die aber weder an Oldtimern schrauben noch am Bremshebel zerren wollen, gibt es eine einfache Lösung.

Mit aktuellen Retro-­Bikes vom Schlage einer Moto Guzzi V7 lässt sich der rudimentäre Fahrspaß vergangener Zeiten erleben, ohne dabei auf die Erkenntnisse von 2012 bei Fahrwerk, Reifen, Bremsen, Abgasverhalten usw. verzichten zu müssen. Schwer tun wird sich jedoch jeder, der von dem ­unverkleideten Italo-Bike mehr als ein ­Motorrad erwartet. 



Eine Moto Guzzi V7 muss man ­verstehen. Schließlich ist die 750er ein echt klassisches Motorrad und noch dazu weit mehr retro als die versammelten Mitbewerber – etwa Triumph Bonneville oder Kawasaki W 800. Im Gegensatz zu diesen ist die Guzzi nämlich keine Neuentwicklung, sondern basiert auf der „kleinen“ V50 von 1977. Wie ihr Urahn kommt sie dann auch mit ­Kardanantrieb, Stereo-Federbeinen und Fünfgang-Getriebe daher. Nun hat die Marke vom Comer See ihren Bestseller kon­sequent weiterentwickelt und für 2012 zudem modellgepflegt.

70 Prozent ­aller Teile seien neu entwickelt, was man dem Klassiker jedoch zum Glück kaum ansieht: eine 40-mm-Marzocchi-Gabel etwa, ein 22 Liter fassender Stahltank (bislang war der Behälter aus Kunststoff) oder neue Alufelgen. Zudem hat Moto Guzzi den 90°-V2 überarbeitet. Neue Zylinderköpfe, eine verbesserte Marelli-Einspritzung und eine höhere Verdichtung kennzeichnen das Upgrade. Mit 50 PS darf der Zweiventiler jetzt zwei Pferde mehr leisten, er hat ein ­höheres Drehmoment bei niedrigeren Drehzahlen und erfreut das Auge mit abgerundeten Kühlrippen an den Zylindern sowie neu geformten Ventildeckeln.



Na klar, 50 PS sind im Vergleich zu 130 und mehr Pferden modi­scher High-Tech-Bikes nicht die Welt. Doch trotz der nominell recht bescheidenen Motorleistung darf es auch mal zügig zur Sache gehen. Ging es doch ­damals mit der CB auch, oder? Bereits bei 2.000 Touren schiebt der überarbeitete V-Twin kräftig an. Vor allem auf kleinen Nebenstraßen spielt die 750er ihre Handlingvorteile gnadenlos aus. Der Fahrer wird erwartungsgemäß nie überfordert. Doch wer hätte erwartet, wie viel Spaß ein aus­gewogenes, unter 200 Kilogramm leichtes Bike auf engen Landstraßen machen kann? 

Drei Modellvarianten bietet Moto Guzzi an, die V7 in der mattschwarzen Standardversion „Stone“, die zweifarbige „V7 Special“, die wir bereits gefahren sind, und die „V7 Racer“, eine chromglänzende Café-Racer-Version. Die relativ kompakte V7 Special überrascht mit einer gelungenen Ergonomie. Nicht einmal Zwei-Meter-Fahrern wird ein un­angenehm enger Kniewinkel abverlangt. Insgesamt fühlt man sich bestens auf­gehoben im Sattel der sympathischen V7. Auch auf langen Strecken punktet das klassische Naked Bike, zumal eine Komfortsitzbank und drei verschiedene Koffer als originales Zubehör erhältlich sind, darunter übrigens auch bestens zum Konzept passende Ledertaschen. Mit dem großen Tank ist eine Reichweite von fast 500 Kilometern realistisch.



Die hinteren Federbeine arbeiten allerdings auf unebener Strecke eher hart und mit kurzen Wegen, so wie es eben früher an Kardan-Motorrädern ohne Momentabstützung üblich war. Doch was soll’s. Das Gefühl, mit einem ­einfachen, problemlosen und leichten Motorrad unterwegs zu sein, entschädigt für so manche Komforteinbuße. Irgendwie ist es verdammt wohltuend, eine ­solche zweirädrige Oase der Ruhe unter den aufgeregten High-Tech-Bikes von 2012 zu finden.
 

Fazit V7

Trotz ihres klassischen Auftritts ­bietet die Moto Guzzi V7 zeitgemäßen, ja modernen Fahrspaß. Somit haben sowohl Gelegenheitsfahrer, die das Unkomplizierte suchen, als auch anspruchsvollere Könner ihren Spaß mit ihr. Agiles Fahrverhalten trifft auf brauchbaren Komfort und optionales Touren-Zubehör direkt ab Vertragshändler. In den Städten Italiens ist die V7 daher schon heute Kult. Und jetzt das ­Beste: Das alles gibt’s zu einem wirklich fairen Preis!

Plus
  • Gelungene Klassik-Optik
  • Handlich-agiles Fahrverhalten 
  • Harmonisch abgestimmter V 2-Motor
  • Geringes Gewicht
  • Fairer Preis
  • Jede Menge Werks-Zubehör erhältlich
Minus
  • Kein ABS verfügbar
  • Mittelmäßige Verarbeitung
 

TECHNISCHE DATEN Moto Guzzi V7

Bauart: 90°-V-Zweizylinder-Viertakt, ­ohv-Zweiventiler
Hubraum: 774 ccm
Bohrung x Hub: 80,0 x 74,0 mm
Verdichtung: 10 :1
Leistung: 37 kW / 50 PS bei 6.200 U/min
Drehmoment: 60 Nm bei 2.800 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
Getriebe: 5-Gang
Rahmenart: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Sekundärtrieb: Kardan
Radstand: 1.435 mm
Federung vorn: Hydraulische Teleskopgabel 40 mm, Marzocchi
Federung hinten: Schwinge Leichtmetallspritzguss, 2 Stoßdämpfer mit regulierbarer Federvorspannung
Bremsen vorn: 320 mm Scheibe, Vierkolbenbremssattel 
Bremsen hinten: 260 mm Scheibe, Zweikolbenbremssattel
Bereifung vorn: 100/90 R 18,
Bereifung hinten: 130/80 R 17
Sitzhöhe: 805 mm (optional 785 mm)
Gewicht fahrfertig: 198 kg
Tank: 22 Liter (4 l Reserve)
Preis: ab 7.990 Euro
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Stand:24 June 2019 10:59:23/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/fahrbericht+moto+guzzi+v7+-+reizend+rudimentaer_18117.html