Fahrbericht Triumph Tiger Explorer - Überholversuch

13.04.2016  |  Text: Ulf Böhringer  |   Bilder: Bassham, Cavadini, fbn, Kirn
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Fahrbericht Triumph Tiger Explorer - Überholversuch
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Triumph hat seine Reiseenduro Tiger Explorer gründlich überarbeitet und schickt sich gleich mit fünf Varianten an, die Überlegenheit der BMW R 1200 GS anzugreifen.
Knapp 20 000 Tiger Explorer konnte Triumph in den vergangenen vier Jahren absetzen – weltweit. Die Zahl relativiert sich stark, wenn man weiß, dass BMW alljährlich deutlich mehr als 30 000 GSen vom Band rollen lässt. Triumph hat sich die Kritik von Händlern, Kunden und Journalisten zu Herzen genommen und dem großen Tiger ein umfangreiches Update verpasst, um ihn in seiner zweiten Auflage endlich richtig wettbewerbsfähig zu machen. Die neue Explorer kommt ab Mitte März gleich in fünf Ausstattungsversionen zu den Händlern. Die sollten sich freuen, denn nie waren die Chancen größer, dem Dauermarktführer R 1200 GS Kunden wegzuschnappen und auch die Konkurrenzmodelle von Aprilia, Honda und Yamaha die Krallen spüren zu lassen. Das jedenfalls erwarten wir nach dem ersten Fahrtest der Topversion namens Tiger Explorer XCA im Süden Portugals.

Auch zehn oder zwanzig Kilometer Offroadstrecke zu Stränden wie diesem an der ­Algarve stellen für die Explorer XCA im Offroadmodus nicht das geringste Problem dar.

Selten hat ein Motorradhersteller sein bisheriges Produkt so gründlich seziert und in der Folge Schwächen so gründlich ausgemerzt, wie es jetzt Triumph bei der Tiger Explorer gemacht hat. Herausgekommen ist ein fernreisetaugliches Motorrad, das in den meisten Kriterien überzeugen kann: Der Dreizylinder-Reihenmotor mit 139 PS Leistung ist ein Sahnestück und das mit semiaktiv angesteuerten Komponenten ausge­stattete Fahrwerk macht in Verbindung mit einer verbesserten Ergonomie die schwergewichtige Engländerin (270 Kilo­gramm zuzüglich Gepäcksystem) erstaunlich gut fahrbar. Die topaktuelle Bremsanlage samt Kurven-ABS ist höchst ausgeklügelt konfiguriert und setzt dadurch im Offroadbereich einen neuen Maßstab. Auch in puncto Ausstattung ist Triumph nun ganz vorn: Einen elektrisch verstellbaren Windschild kann kein anderer Reiseendurohersteller bieten. Er ist Serie bei allen fünf Explorer-Versionen. 

In vielen Punkten vermag die Tiger Explorer jetzt also zu punkten: Der Motor steht voll im Saft, nimmt perfekt Gas an und goutiert jede Drehzahl zwischen 2000 und 10 000 Touren. Ein Super­antrieb! Das neue Sechsganggetriebe schaltet sich gut, ist bestens abgestimmt. Überraschend ist, wie viel die kleinen Fahrwerksmodifikationen (steilerer Lenk­kopf, weniger Nachlauf, neue Gewichtsverteilung vorn/hinten) bewirken: Die Mutation vom unhandlichen, schwer­fälligen Schlegel zum erfreulich handlichen Großmotorrad ist gelungen, auch wenn eine GS diesbezüglich nach wie vor das Maß der Dinge darstellt.

Die Armaturen und das BC-Menü können rundum überzeugen

Intelligent gelöst und bedienungsfreundlich zugleich sind die vielen Möglichkeiten, den Großtiger optimal an die Einsatzbedingungen anzupassen: Vier vordefinierte Fahrprogramme – Rain (auf 100 PS limitiert), Road, Sport und Offroad – stehen zur Verfügung, wobei die drei Fahrwerksgrundangebote (Comfort, Normal, Sport) in insgesamt neun Stufen variiert werden können. Sehr pfiffig ist, dass sich das Federbein automatisch ­nivelliert. Zusätzlich lässt sich auch noch ein „Rider“ genanntes Programm definieren, bei dem alle Parameter – Traktionskontrolle, ABS-Eigenschaften, Gasannahme, Fahrwerksabstimmung  – individuell hinterlegt werden können. 

Eine besondere Betrachtung verdient das Offroadprogramm, für ein echtes Fernreisemotorrad von beträchtlicher Be­deutung. Bei ihm wird zugunsten stets vorhandenen Vortriebs nicht alleine die Traktionskontrolle ausgeschaltet, sondern auch der ABS-Eingriff modifiziert – und zwar besonders intelligent: Wer am Handhebel zieht, aktiviert Front- und Hinterradbremse, beide perfekt ABS-
beaufsichtigt. Wer das Bremspedal tritt, deaktiviert das Hinterrad-ABS und kann sich das blockierende Rad fürs gewünschte Fahrmanöver nutzbar machen. Auf Asphalt bewährt sich diese Einstellung im Fall einer Notbremsung übrigens nicht – der Fehler liegt in diesem Fall aber nicht bei Triumph, sondern beim Fahrer. Pfiffig ist auch, dass die Fahrzeugelektronik innerhalb von sechs Sekunden auf den Wechsel von Asphalt- zu Naturstraße ­reagiert und sich automatisch den veränderten Fahrbedingungen anpasst (Traktionskontrolle, ABS, nicht jedoch die Federung). 

Zum Fahrwerk ist noch zu sagen, dass Triumph auf die semiaktive Ansteuerung der Gabel verzichtet hat; der österreichische Hersteller vermochte die kritischen Engländer bei diesem Bauteil – anders als beim Federbein – noch nicht zu überzeugen. Die Gabel ist deshalb nur elektronisch einstellbar. Vermutlich eine gute Entscheidung. Dass die Tiger Explorer XCA trotz ihrer klar verbesser­ten Fahrbarkeit ein richtig schwerer und großer Brocken mit vergleichsweise hohem Schwerpunkt ist, kann sie bei steiler Offroadbergabfahrt und schon gar nicht beim Rangieren verbergen.

Mit der Position fürs Stehendfahren kann man durchaus leben.

Ein ausdrückliches Lob muss man den Triumph-Entwicklern für die Bedienlogik des Bordcomputers aussprechen: Wenige Tastendrucke genügen, um wichtige Parameter auch in Fahrt zu verstellen. Die Ablenkung vom Verkehrsgeschehen ist deshalb geringer als bei vielen anderen Hightech-Bikes. Sehr vorteilhaft ist auch, dass man endlich eine automatische Blinkerrückstellung entwickelt hat und dass es den großen Tiger auch in Low-Version gibt; ein tiefergeleg­tes Fahrwerk mit reduzierten Federwegen und dünner gepolsterten Sitzen macht eine minimale Sitzhöhe von bemerkenswerten 785 Millimetern möglich. 

Trotz der vielen Positiva: Auch die Tiger Explorer in der für 18.600 Euro bis hin zur Sitzheizung supervoll ausgestatteten XCA-Version ist vom perfekt gemachten Motorrad noch ein Stückchen entfernt. So gibt es auch gegen Mehrpreis weder LED-Tagfahrlicht noch LED-Vollscheinwerfer, ein Schaltassistent ist ebenfalls nicht im Angebot. Die Mühe, ein Navigationsgerät werksseitig in die Fahrzeugkonzeption einzubinden, hat sich Triumph ebenfalls nicht gemacht, weshalb ein Zubehörnavi an ungünsti­ger Stelle, nämlich am Lenker, befestigt werden muss. Bei einem Fernreisemotorrad, das inklusive der ordentlich gemachten Alu-Seitenkoffer an die 20.000 Euro kostet, darf man diesbezüglich mehr erwarten.

Fazit
Die Überarbeitung der Tiger Explorer ist rundum gelungen: Das Lob gilt für Motor, Fahrwerk, Ausstattung und Elektronik gleichermaßen. Schade, dass man die technischen Fortschritte nicht auch optisch in Szene gesetzt hat – die Explorer hätte ein fesches Styling-Update verdient gehabt.

PLUS
  • sämiger, kraftvoller und kultivierter Motor
  • gute Fahreigenschaften on- wie offroad
  • sehr gutes Bremssystem (aber indifferenter Druckpunkt)
  • sehr gute Ausstattung und Ergonomie

MINUS
  • ziemlich schwergewichtig
  • keine Navi-Vorbereitung im Sichtbereich
  • hohe Preise von 14.300 bis 18.600 Euro


TECHNISCHE DATEN Triumph Tiger Explorer XCA

Motor: 3-Zylinder-Reihenmotor, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 1215 ccm
Bohrung x Hub: 85 x 71,4 mm
Leistung: 139 PS bei 9300 U/min
Drehmoment: 123 Nm bei 6200 U/min
Getriebe: 6-Gang
Sekundärtrieb: Kardan
Rahmenart: Stahl-Gitterrohrrahmen
Radstand: 1520 mm 
Federung vorn: Upside-down-Gabel, 48 mm, 190 mm Federweg
Federung hinten: Zentralfederbein, semiaktiv, 190 mm Federweg
Bremsen vorn: Doppelscheibenbremse, 305 mm
Bremsen hinten: Einscheibenbremse, 282 mm
Bereifung vorn: 120/70 R 19
Bereifung hinten: 150/70 R 17
Sitzhöhe: 837/857 mm
Gewicht : 270 kg fahrfertig
Tankinhalt: 20 l
Preise: 18.600,– Euro zzgl. Nebenkosten
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Stand:22 March 2019 05:19:16/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/fahrbericht+triumph+tiger+explorer+-+ueberholversuch_175.html