Fahrbericht BMW R nineT Scrambler - Familienzuwachs

13.08.2016  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: BMW
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Fahrbericht BMW R nineT Scrambler - Familienzuwachs
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BMWs erfolgreiche R nineT soll in den nächsten Jahren zu einer großen Heritage-Familie ausgebaut werden. Wir durften das erste neue Mitglied, die Scrambler, durch Oberbayern treiben. Die neue Scrambler soll die Erfolgsgeschichte der nineT mit ­ihren derzeit 23 000 verkauften Einheiten mit- und weiterschreiben. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu brav geraten, denn gerade dieses von der nineT bekannte Rotzige und Unverschämte wurde dem Motor wegerzogen.
Die neue Scrambler soll die Erfolgsgeschichte der nineT mit ­ihren derzeit 23 000 verkauften Einheiten mit- und weiterschreiben. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu brav geraten, denn gerade dieses von der nineT bekannte Rotzige und Unverschämte wurde dem Motor wegerzogen. Sämig, sanft, fast schläfrig reagiert er auf den Dreh am Griff. Harald Mischke, Moto­renchef bei BMW-Motorrad, erklärt, dass es kein großes Problem war, den bald zwanzig Jahre alten Motor sauberer und leiser zu kriegen. Anderes Mapping und ein größerer Kat, das war’s im Grunde. Warum beim neuen Mapping die bei der nineT geliebte sportliche Drehfreude merklich auf der Strecke verkümmert, bleibt Münchner Geheimnis.

Der 1200er ist trotzdem weit weg von schwach oder lahm, in Sachen Leis­tung ist er genau auf dem Niveau der Schwester und die fehlenden drei Newtonmeter sind nicht erfahrbar. Nein, es fehlt ihm die letzte Bereitschaft zur willkürlichen Eskalation im oberen Drittel des Drehzahlbandes, für die ich den ­älteren Motor so liebe. Da fehlt einfach der Boxer-Punch nach dem Zucken im Handgelenk. Auch ist die Scrambler leiser als die ältere Schwester, doch von schlechtem Sound kann nicht die Rede sein. Schön ballernd und mit heiserem Unterton pröttelt es aus dem höher montierten Doppelauspuff, der auch von Akrapović gebaut wird.


Musterbeispiel für Qualität und Güte, nur das ­Design dürfte ­etwas frecher sein. Doch dafür gibt es schließlich Customizer ...

Die spürbarste Problemzone ist das Fahrwerk. Zwar wurden Gabel und Federbein mit mehr Federweg die Möglichkeit zum kurzen Ritt über Schotter gegeben und auch die Rad-Reifen-Kombination der GS mit 19-Zoll-Vorderrad lässt hoffen, doch die Standardbereifung mit Metzeler Tourance Next gewährt für derartige Ausritte keinen Vertrauensvorschuss. Hier hätte der optionale erhältliche Karoo 3 aus gleichem Hause überhaupt erst die Möglichkeit zum Scramblern gegeben. Mit den neuen ­Federelementen von Kayaba und Sachs ­sowie der großen Felge vorn wächst die Sitzhöhe um 45 Millimeter. BMW spricht von einem neuen Motorrad, denn entscheidende Punkte wurden geändert: ein um 3,5 Grad auf 64,5 Grad flacher gestellter Lenkkopf, ein um 13,6 auf 116,1 Millimeter verlängerter Nachlauf, ein neues Fahrwerk und eine andere Felgengrößen.

Der Nachteil des 48 Millimeter längeren Radstands ist, dass das ganze Fahrverhalten irgendwie teigig wirkt. In langsamen Kurven zieht das große Vorderrad fast kippelig in den ­Radius, schnelle Kurven sind nur mit Untersteuern zu nehmen und flotte Wechselkurven mag die BMW in dieser Konfiguration auch nicht besonders. Das liegt weniger an der einfacheren Gabel in der Front, sondern eher im längeren und deutlich weicheren Federbein. Mir persönlich half da die Öffnung der Zugstufe und das Vorspannen der Feder. Die Scrambler wird dann zwar immer noch kein Racer, aber eine sehr brauchbare Landstraßenräuberin mit sehr ordentlichem Bremswerk. In einem anderen Setting wäre BMW bei der Präsentation besser davongekommen.



Trotz aller Meckerei gibt es nichts wirklich Schlechtes an der neuen Scrambler. Sie ist BMW-typisch hervorragend verarbeitet und mit netten Details wie den gelabelten Schraubenköpfen und dem nüchtern-sinnlichen Kombiinstrument versehen. Die Fahrleistungen sind durchgehend solide bis sehr gut und mit all den Änderungen und Neuerungen ist die Scrambler nicht ein schnöder Abklatsch der nineT, sondern ein eigenes Motorrad im BMW-Katalog. Der ist ­übrigens prall gefüllt mit Optionen zum Anklicken und kann auch die letzten Taler aus der Kriegskasse zutzeln. Fette Kreuzspeichenfelgen für schlauchlose Bereifung, ein optionaler Drehzahlmesser mit ein paar Optionen mehr und nicht weniger als vier Sitzbankoptionen laden ein, den Einstandspreis deutlich über den der 14.900 Euro teuren nineT zu hieven. Vom LED-Blinkerchen und allerlei Alu-Gefuddel ganz zu schweigen. Für den engagierten Heimschrauber ­legen die Entwickler auch einiges im Motorrad bereit: ein abnehmbarer So­ziusrahmen oder der dreiteilige Kabelbaum fürs einfachere Umbauen. Den hat die nineT zwar auch, es weiß nur kaum jemand.

Fazit
Die BWM R nineT Scrambler ist ein hochsolides Motorrad des Zeitgeis­tes, punktet mit dem bärigen Motor, der ultragenauen Verarbeitung und der hohen Güte. Der Preis von 13.000 Euro geht in Ordnung, für die Qualität und Anmutung müssen sich die japanischen und italieni­schen Mitbewerber sehr lange strecken und kommen trotzdem nicht ran. Dafür punkten die mit Design und Charakter. Außerdem verkauft man eine BMW in fünf Jahren immer noch für über die Hälfte des Neupreises. Natürlich leistet sie sich budgetierte Schwächen. 1900 Euro Preis­unterschied zur nineT müssen irgendwo herkommen. Final bleibt zu sagen: Die Kiste funktioniert auf der Straße und wird auch in den Läden funktionieren. Ich wage vorauszuschauen, dass die Scrambler der nineT den Rang ablaufen wird. Cooler ist die Karre mit ihren Gussrädern allemal.
 

TECHNISCHE DATEN // BMW R nine T Scrambler

Motor: 2-Zylinder-Boxermotor, luft-/ölgekühlt
Hubraum: 1170 ccm
Bohrung x Hub: 101 x 73 mm
Leistung: 110 PS (81 kW) bei 7750 U/min
Drehmoment: 116 Nm bei 6000 U/min
Getriebe: 6-Gang
Sekundärtrieb: Kardan
Rahmenart: dreiteiliges Rahmenkonzept, Motor mittragend
Radstand: 1522 mm 
Federung vorn: Telegabel, x 43 mm, 125 mm Federweg
Federung hinten: Einarmschw., Zentralfederb., 140 mm Federweg
Bremsen vorn: Doppelscheibenbremse, x 320 mm
Bremsen hinten: Einscheibenbremse, x 265 mm
Bereifung vorn: 120/70 R 19
Bereifung hinten: 170/60 R 17
Sitzhöhe: 830 mm
Gewicht : 220 kg fahrfertig
Tankinhalt: 17 l, davon 3,5 l Reserve
Preis: 13.000,– Euro zzgl. Nebenkosten
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Wunderlich BMW Zubehör
Stand:17 June 2019 21:13:09/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/familienzuwachs_175.html