Electra Glide Ultra Limited vs Road King Classic - Is bigger really better?

14.04.2010  |  Text: Dr. Heinrich Christmann  |   Bilder: Carsten Heil
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Electra Glide Ultra Limited vs Road King Classic - Is bigger really better?
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Neu in Harleys Touring-Segment ist im Modelljahr 2010 die E-Glide Ultra Limited. Kann ihr serienmäßig größerer Motor sich entsprechend in Szene setzen? Wir vergleichen „die Neue mit dem großen Herzen“ gegen die Road King Classic des Modelljahres 2010.
Gleich vorweg: Nein, wir sind nicht auf dem Weight Watchers-Trip! Aber es gibt durchaus frappierende Parallelen zwischen übergewichtigen Menschen und riesigen Motorrädern oder großen Autos. In allen Fällen tragen die reichlich vorhandenen Pfunde nicht gerade dazu bei, das jewei­lige Subjekt oder Objekt spritziger oder handlicher zu machen. Im Gegenteil. Je größer eine Masse, desto träger reagiert sie auf gewünschte Änderungen. Das ist kein ideologisches Geschwätz, sondern reine Physik, nachzugooglen unter dem Begriff „Massenträgheitsgesetze“.

Aber weshalb bauen dann Menschen Autos und Motorräder, die eigentlich viel zu schwer sind? Die Antwort: Weil es einen Markt dafür gibt. Bei den Autos juckt es inzwischen keine Seele mehr, dass ein Golf I in der Grundversion gerade mal 720 Kilo wog, ein vergleichbarer Golf VI heutzutage glatt das Doppelte auf die Waage bringt. Die unglaublich gestiegenen Leergewichte sind der Grund dafür, dass ein modernes Auto mit einem 1600er Motor heute noch das gleiche verbraucht wie ein Fahrzeug vor vierzig Jahren. Und zumindest in den USA, dem Mutterland der Super-Cruiser, interessiert es die wenigsten Harley-Biker, wieviel ihr Gerät wiegt.



Die Straßen sind meistens breit dort, die Distanzen weit, da will man Komfort – möglichst wie in einem Auto. Beheizte Lenkergriffe, Gepäckträger aus verchromten Stahlrohren, die edle HiFi-Anlage mit CD-Laufwerk, MP3-Anschluss und zig Lautsprecherboxen, Tempomat, Hartschalenkoffersystem mit ­Innentaschen, belüftbare Beinschilde mit Zusatzstaufächern, Windabweiser hier und voluminöse Sozia-Rückenlehne da – all das bringt neben den ohnehin großzügig gehaltenen Aufbauten der 
E-Glide zusätzliches Gewicht mit sich. 413 Kilogramm wiegt die neue Ultra Limited fahrfertig. Ebenfalls nicht gerade ein Leichtgewicht, aber immerhin mit 45 Kilogramm annähernd einen vollen Zentner leichter ist die Road King Classic (zur Info: die Standard-Road King wird im Modelljahrgang 2010 vom deutschen Importeur nicht mehr angeboten).

Beide hier betrachteten Tourer verfügen seit dem Modelljahr 2009 über das gleiche, völlig neue Fahrwerk, das wirklich richtig gut taugt. Die Tourer früherer Baujahre wackelten ab Geschwindigkeiten oberhalb der 150 km/h wie Lämmerschwänze. Das ist Vergangenheit. Das neue, deutlich steifere Fahrwerk samt kräftig dimensionierter Kastenschwinge hält die Spur tadellos bis hin zur recht übersichtlichen Höchstgeschwindigkeit von 175 Stundenkilometern. In kurvigem Geläuf erfreut die mittels optimierter Hauptbremszylinder nochmals verbesserte Bremsanlage vom italienischen Hersteller Brembo, Kritik lässt sich aber trotzdem nicht vermeiden. Nach wie vor regelt das serienmäßige, hauseigene ABS viel zu grobschlächtig. Da pulst es einem im Regelbereich fast den Hebel aus der Hand oder den Fuß vom Pedal. Unschick fanden wir auch, dass der Testfahrer einmal unfreiwillig nicht mehr vor einer glücklicherweise leeren Kreuzung zum Stehen kam, weil die Intervalle, in denen der Regelkreis des Harley-ABS die Zangen aufmacht, viel zu lange andauern. Andere Hersteller können das deutlich besser. 

Überbordend volles Ensemble bei der E-Glide

Kommen wir zur unterschiedlichen Motorisierung, denn die war der eigentliche Aufhänger für diesen Vergleich. In der Road King Classic werkelt der bereits seit dem Modelljahr 2007 bekannte Twin Cam 96. Aus 1584 Kubikzentimetern Hubraum holt die Company 82 Nominal-PS heraus, eine vergleichsweise bescheidene Leistung. Die 127 Newtonmeter Drehmoment sind allerdings ein sehr feiner Wert. Mit diesem ordentlichen Bumms bei niedrigen 3.500 Umdrehungen lassen sich im Alltag die meisten Fahrsituationen gut meistern. Die neue Ultra Limited trägt als einziger Serien-Tourer den 103 Kubikinch-Motor, der bislang denjenigen Exemplaren vorbehalten war, die an die US-Polizei ausgeliefert wurden.

Dieses Hubraum-Plus von sieben Kubikinch (oder 106 Kubikzentimetern) gegenüber dem Twin Cam 96 wurde durch die Vergrößerung der Bohrung erreicht, was ­andererseits bedeutet, dass man keine drastische Drehmoment-Explosion erwarten darf. Käme das Hubraum-Plus von einem vergrößerten Hub, sähe die Sache anders – nämlich besser aus. Und so leistet der größere 103er Motor in der für Deutschland homologierten Version nur zwei enttäuschende PS mehr als der Twin Cam 96. In der Fahrpraxis reißen die neun Newtonmeter mehr Dreh­moment der U-Limited angesichts ihres Mehrgewichts von 45 Kilogramm nicht gerade vom Hocker. Und genau so fährt sich das dann auch auf der Straße. 

Lediglich eine analoge Uhr bei der Road King

Diese E-Glide sieht fahrdynamisch kein Land gegen die Road King. Die bescheidene Mehrleistung des 103ers kann das Mehrgewicht und die Nachteile der ungünstiger, weil hoch verteilten Aufbauten nicht wettmachen. Im Gegensatz zu dem behäbigen Dampfer U-Limited wirkt die Road King auf gewundenen Straßen fast wie ein Rennerle. Dabei hilft ihr nicht nur ihre schlankere Gestalt und das niedrigere Gewicht, sondern auch die Tatsache, dass sie eine größere Bodenfreiheit und damit größere Schräglagenfreiheit besitzt – und darauf kommt es beim Motorradfahren ja schließlich an, zumindest hier im herrlich abwechslungsreichen, gebirgigen Mitteleuropa.

Fazit
Es ist, wie so vieles im Leben, Geschmacksache. Aber zum reinen Motorradfahren ist die Road King unserer Meinung nach die bessere Wahl. Sie ist agiler, handlicher, kommt allenthalben besser aus dem Quark und bremst auch schneller ab. Die überbordend ausgestattete E-Glide mag als kommoder Reise-Riese für die unendlichen Weiten der USA durchaus ihre Daseinsberech­tigung haben, im engen Europa mutet solch ein 413-Kilo-Ungetüm eher wie ein obsoleter Dinosaurier an. Zudem hat Harley es leider unterlassen, die neue Ultra Limited motorenseitig viel deutlicher nach oben von den anderen Touring-Geschwistern abzuheben. Schlaffe zwei PS aus 106 ccm Zusatzhubraum sind nicht genug.

Und die Sonderausstattungen wie Chrom-Reling auf dem Topcase, Innentaschen oder beheizte Griffe gibt es schließlich auch im P&A-Programm nachzukaufen. Insofern ist unsere Frage, die in der Überschrift steckt, ganz klar beantwortet: „Bigger“ ist nicht grundsätzlich „better“. Den Vergleich gewinnt klar die Road King, die zudem auch noch sagenhafte 6.740 Euro billiger ist. Na, wenn das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kein Argument ist!

Eindruck E-Glide Ultra Limited
+ Komfortabler Reisedampfer durch allerlei elektronische Helferlein
+ Serienmäßiges Stauraumangebot genügt auch für die größere Tour
- Fahrfertiges Gewicht mit 413 kg immens hoch 
- 103 cui-Motor in der deutschen Version erbarmungswürdig heruntergedrosselt

Eindruck Road King Classic
+ Klassisch zeitlose Optik kombiniert mit jetztzeitlicher Fahrwerkstechnik
+ Vergleichweise große Boden- und somit große Schräglagenfreiheit
- Windschild für groß gewachsene Fahrer zu kurz, Verwirbelungen im Kopfbereich  
- Soziusplatz ist ausreichend, jedoch nicht fürstlich bemessen
 
Der verchromte Gepäckträger gehört ebenso wie der hubraumstärkere Motor zur Serienausstattung der E-Glide Ultra Limited.

Technische Daten Harley-Davidson Electra Glide Ultra Limited

Preis: 27.995 Euro
Bauart: 2-Zylinder 45°-V-Motor, luftgekühlt, ohv
Hubraum: 1.690 ccm
Bohrung x Hub: 98,4 x 111,1 mm
Verdichtung: 9,6 : 1
Gemischaufbereitung: Einspritzung
Leistung: 84 PS bei 5.010 U/min
Drehmoment: 136 Nm bei 3.500 U/min
Getriebe: 6-Gang
Höchstgeschwindigkeit: 170 km / h
Lenkkopfwinkel: 26 °
Gabelwinkel: 29 °
Nachlauf: 170 mm
Radstand: 1.635 mm
Federung vorn: Telegabel, 41 mm
Federung hinten: zwei Federbeine, luftunterstützt
Vorderrad: 28-Speichen-Gussrad, 17”
Hinterrad: 28-Speichen-Gussrad, 16”
Vorderreifen: 130/80-17
Hinterreifen: 180/65-16
Bremsen vorn: 2 Scheibenbremsen, Vierkolben-Festsattel, x 300 mm
Bremsen hinten: Scheibenbremse, Vierkolben-Festsattel, x 300 mm
Sitzhöhe: 745 mm
Leergewicht: 413 kg
Zuladung: 204 kg
Zul. Gesamtgewicht: 617 kg
Tank: 22,7 l
 
Für die Hausstrecke die bessere Wahl: Mit der Road King Classic kann man bei Bedarf auch mal zügig Motorrad fahren.

Technische Daten Harley-Davidson Road King Classic

Preis: 21.525 Euro 
Bauart: 2-Zylinder 45°-V-Motor, luftgekühlt, ohv
Hubraum: 1.584 ccm
Bohrung x Hub: 95,3 x 111,1 mm
Verdichtung: 9,2 : 1
Gemischaufbereitung: Einspritzung
Leistung: 82 PS bei 5.010 U/min
Drehmoment: 127 Nm bei 3.500 U/min
Getriebe: 6-Gang
Höchstgeschwindigkeit: 175 km / h
Lenkkopfwinkel: 26 ° 
Gabelwinkel: 29 ° 
Nachlauf: 170 mm
Radstand: 1.625 mm
Federung vorn: Telegabel, 41 mm
Federung hinten: zwei Federbeine, luftunterstützt
Vorderrad: Speichenrad, 16”
Hinterrad: Speichenrad, 16”
Vorderreifen: 130/90-16
Hinterreifen: 180/65-16 
Bremsen vorn: 2 Scheibenbremsen, Vierkolben-Festsattel, 300 mm
Bremsen hinten: Scheibenbremse, Vierkolben-Festsattel, x 300 mm
Sitzhöhe: 735 mm
Leergewicht: 368 kg
Zuladung: 249 kg
Zul. Gesamtgewicht: 617 kg
Tank: 22,7 l
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Stand:22 March 2019 05:20:06/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/is+bigger+really+better_175.html