Moto Guzzi California 1400 – Fahrbericht

18.02.2013  |  Text: Dirk Mangartz  |   Bilder: Hersteller
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Moto Guzzi California 1400 – Fahrbericht
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Die neue Moto Guzzi California 1400 fährt nicht nur den größten europäischen Serien-V2 spazieren, sie stellt endlich eine zeitgenössische Interpretation des Themas California dar.

Moto Guzzi hat es getan. Endlich, möchte man rufen. Endlich haben die Italiener ihren Dauerbrenner California völlig neu entwickelt, und endlich ist man von dem Konzept der bisherigen 1100-ccm-California abgewichen, das in seinen Grundzügen wie dem Rahmenlayout auf die selige V7 Sport von 1972 zurückgreift. Eine gefühlte Ewigkeit hatte man es ­versäumt, den Dauerbrenner auf aktuelles Niveau zu bringen. Seit der ersten 850 GT California von 1972 und erst recht mit deren Nachfolgern T3 und California 2 wandelt das Italo-Bike auf dem schmalen Grat zwischen Tourer und Cruiser. Diesen Spagat erledigte die California stets gekonnt, ließ sich von jeher sportlicher bewegen als die Mitbewerber aus den USA oder aus ­Japan und verband soliden Reisekomfort mit klassischem Auftritt. Eine Neuentwicklung der California bedeutete für Moto Guzzi sicher nicht nur reines Vergnügen, ist es doch denkbar schwierig, eine solche Ikone neu zu zeichnen.



Auf den ersten Blick scheint es den Designern gelungen zu sein, die Seele der großen Guzzi mit der Neuzeit zu vereinen. Deutlich größer steht sie da, mit zehn Zentimetern mehr Radstand als die Vorgängerin und prallem 200er-Reifen im Heck. Der hügelige Tank mit den Ausbuchtungen für die beiden Zylinder, die weit abstehenden Auspuffrohre, der monströse (Kunststoff-)Scheinwerfer und die Kathedral-Rückleuchten entsprechen zwar nicht unbedingt dem typischen Bild vom elegant-italienischen Design, aber unterm Strich überzeugt die Neue mit klassischem Stil und ist auf den ersten Blick als California zu er­kennen. Die Formgestalter haben es sich verkniffen, ein simples Retro-Zitat zu zeichnen, sondern schufen eine moderne Interpretation des Themas California.

Bei unserer Testfahrt in Südfrankreich offenbart die Neue wie erwartet ihre grandiosen Tourenqualitäten. Der Fahrer sitzt auf dem zweifarbigen Sattel bequem wie in einem Stressless-Sessel, streckt die Beine zu den Trittbrettern ohne mit den voluminösen Zylindern in Kontakt zu geraten und fühlt sich hinter der Scheibe perfekt geschützt. Unter ihm pocht sanft der gummigelagerte Motor, der keine störenden Vibrationen bis zum Lenker durchdringen lässt, und das Sechsganggetriebe schaltet präzise. Auch als es mit kratzenden Trittbrettern um die Ecken geht, ist auf die Guzzi Verlass. Zwar gibt sich die 337-Kilo-Ramme nicht so leichtfüßig wie der ­schmal bereifte Vorgänger, aber für ­einen Cruiser geht es flott voran. Mit ­tadellosem Handling und sattem Ge­rade­auslauf scheut das Dickschiff keine Kurvenstrecken.



Mit dem stattlichen, luftgekühlten 1.382-ccm-Vierventiler hat Guzzi übrigens den größten Serien-V2 aus Europa im Progamm. Dieser 96-PS-V2 ist dann auch das Sahnestück der California. Kaum ein anderer Cruiser-Motor geht mit solchem Elan nach vorne, ohne ­Rucken reicht er sein souveränes Drehmoment zum Kardan weiter und be­schleunigt auf Abruf bei jeder Drehzahl mit Macht. Über 5.000 braucht praktisch nicht gedreht zu werden, was jede Ausfahrt zur echten Entspannung macht. Außerdem wärmen die dicken Zylinder und vor allem die Ansaugrohre der Einspritzanlage die Beine des Fahrers bei niedrigen Temperaturen. Im Sommer dürfte die punktuelle Hitze ­allerdings eher stören. Über das Elek­tronenhirn, über das die Motorcha­rakteristiken „Turismo“, „Veloce“ und ­„Pioggia“ – also Reisen, Rasen, Regen – abgerufen werden können, lässt sich die Guzzi bei Gasannahme und Leistungsentfaltung individuell abstimmen, was auch ganz gut funktioniert. Bei Regen etwa stellt man am Lenker kurz auf ­„Pioggia“ und kappt so rund 25 Prozent des mit 120 Nm bei 2.750 Umdrehungen sehr üppigen Drehmoments.

Die kräftige Brembo-Doppelscheibe im Vorderrad, ein serienmäßiges ABS und Antischlupf sprengen den üblichen Standard in der Cruiser-Klasse bei weitem. Dazu kommt, dass jede Menge praktisches Tourenzubehör serienmäßig an Bord ist, etwa Scheibe, Koffer, Trittbretter oder Zusatzscheinwerfer. Wer weitere Extras wie Heizgriffe oder Topcase wünscht, für den hält Guzzi eine umfangreiche Palette an Werks-Accessoires bereit. Uns hat die ausgewogene 1400er jedenfalls zu einer größeren Runde animiert. Bei einem Verbrauch von rund sieben Litern kommt man mit dem 20,5 Liter fassenden Benzintank auf eine Reichweite von knapp 300 Kilometern. Und die lassen sich auf der ­bequemen Cali locker an einem Stück abreißen. Neben der getesteten Touring-Variante für stramme 19.600,– Euro kommt im Februar 2013 die muskulöse und nackte „Custom“ zu den Händlern. Für die Custom stehen 17.900,– Euro in der Preisliste.

Fazit
Endlich hat Moto Guzzi nicht mehr nur ein jahrzehntealtes Thema neu aufgebrüht, sondern die California vollständig neu entwickelt: schwerer, tourentauglicher, besser verarbeitet, zeitgemäß ausgestattet, aber weniger fahr­dynamisch. Dennoch ist sie ganz die Alte.


PLUS

  • Grandioser V2-Motor mit Druck und Kultur
  • Feinstes Brembo-Bremsenmaterial
  • Hoher Fahrkomfort für Fahrer und Sozius
  • Wartungsarmer Kardan
  • Präzise schaltbares Sechsganggetriebe


MINUS

  • Begrenzte Schräglagenfreiheit
  • Klassenüblich hohes Gewicht
  • Lampen und Schutzbleche aus Kunststoff

Technische Daten Moto Guzzi California 1400

Bauart: öl-/luftgekühlter ­90°-V2-Vierventilmotor
Hubraum: 1.380 ccm
Bohrung x Hub: 104 x 81.2 mm
Verdichtung: 10,5 : 1
Leistung: 71 kW (96 PS) bei 6.500 U/min
Drehmoment: 120 Nm bei 2.750 U/min
Getriebe: 6-Gang
Sekundärtrieb: Kardan
Rahmenart: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Radstand: 1.685 mm
Federung vorn: konventionelle Gabel 46 mm, ­Federweg 120 mm
Federung hinten : Schwinge mit doppeltem über die ­Federvorspannung einstellbaren ­Stoßdämpfer
Bremsen vorn: 320-mm-Brembo-Doppelscheibe, ­Vierkolben-Bremssattel, ABS
Bremsen hinten: 282-mm-Brembo-Scheibe, ­Zweikolben-Bremssattel, ABS
Bereifung vorn: 130/70 R 18
Bereifung hinten: 200/60 R 16  
Sitzhöhe: 740 mm
Leergewicht: 322 kg
Bodenfreiheit: 165 mm
Tankinhalt: 20,5 l, davon 5 l Reserve
Preis: 19.600,– Euro zzgl. Nebenkosten


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Stand:17 June 2019 21:04:48/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/lunga+vita+california+-+die+neue+moto+guzzi+california+1400_175.html