Rückblick Honda Gold Wing – Der Franz erinnert sich

13.04.2017  |  Text: Franz Josef Schermer  |   Fotos: Honda-Deutschland
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Rückblick Honda Gold Wing – Der Franz erinnert sich
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Die Gold Wing - wie alles begann!
Auf der IFMA 1974 in Köln, damals die größte Motorrad- und Fahrradausstellung der Welt, kam die Präsentation der Honda Gold Wing einem Erdbeben gleich, denn sie zeigte BMW und dem Rest der Welt, wie man einen Boxermotor mit Kardanantrieb baut: Mit einem Liter Hubraum, vier Zylindern, Wasserkühlung, obenliegenden Nockenwellen, 82 PS Leistung und gegenläufig zur Kurbelwelle drehender Lichtmaschine (vermindert Rückdrehmoment). Die Maschine hatte zwei Scheibenbremsen am Vorderrad und wog knapp 300 Kilogramm.

Die GL 1100 von 1980 hatte ComStar-Räder. Wegen zu erwartender Fahrwerksprobleme gab es sie in Deutschland nicht mit Koffern und Topcase

Der Protopyp entstand 1970, hatte sechs Zylinder und der Rahmen stammte von der CB 750, während Hinterbau mit Schwinge und Kardanantrieb einer BMW R 75/5 entliehen wurde. 1973 war die Maschine mit dem Entwicklungscode »M1/AOK« serienreif. Doch wegen der weltweiten Ölkrise und der Kaufzurückhaltung wurde sie beiseite gestellt. Ein Jahr später kam sie mit »nur« vier Zylindern und wurde im September 1974 präsentiert. Übrigens musste damals die Messehalle zeitweise wegen Überfüllung gesperrt werden. Die Massen schoben dicht an dicht durch die Gänge und die meisten Besucher standen wie angewurzelt mit offenen Mund vor dem Objekt ihrer Begierde, das leicht erhöht auf einem Podium dargeboten wurde.

Schnappatmung hatte auch ich im Februar 1975: Ich war Testchef bei der Zeitschrift »Motorrad« und hatte einen wunderbar trinkfesten und diskussionsfreudigen Kollegen namens Peter Limmert, der ein Jahr zuvor von Honda Deutschland zu uns nach Stuttgart gekommen war. Wir wussten, dass es eine Vorserien-Gold-Wing bei Honda gab und wollten diese natürlich sofort fahren, aber der damalige PR-Chef Dilip Kuma Roychowdhury, ein überaus listiger Inder, hielt uns hin. Volker Rauch, damals GP-Berichterstatter und mit den Bossen von Honda in Japan bestens vertraut, rief daraufhin mitten in der Nacht den allerobersten Honda-Chef Kiyoshi Kawashima in Tokio an, der wiederum ein Telefax an Roychowdhury schickte: »Sofort die Gold Wing an die Zeitschrift Motorrad geben!« und so stand ich also am Morgen des 24. Februar 1975 bei Honda auf der Matte, startete die Gold Wing und fuhr auf ihr gen Hockenheim.
 
Die GL 1200 von 1985 gab es in Deutschland nur mit kurzer Scheibe und ohne Topcase

Dort warteten die Kollegen zusammen mit Volker Rauch, der seine Leica dabei hatte und fotografierte, wie wir mit schleifenden Fußrasten den Teer im Motodrom umpflügten. Dabei wäre ich um ein Haar fast gar nicht angekommen in Hockenheim: Auf dem Weg dahin schob ich die Gold Wing in der Nähe von Darmstadt mit Vollgas (knapp 190 km/h) durch eine lange Autobahnkurve, die nach einer kleinen Steigung in eine Links überging. Plötzlich kamen Bodenwellen und von einem Moment auf den anderen schüttelte und verwand sich die Gold Wing furchterregend. Ich benötigte die komplette Fahrbahn, um die Maschine auf der Straße zu halten und nicht über Leitplanke und Geländer abzufliegen.
Mitte 1975 war sie dann bei den Händlern. Sie kostete 10.000 D-Mark und es gab auch offizielle Testmaschinen. Die Gold Wing begeisterte durch einen starken, leise dahinsäuselnden Motor, ein leicht und lautlos zu schaltendes Fünfganggetriebe und bequeme Sitzpositionen, aber das Fahrwerk war so miserabel, wie wir das bei der ersten Testfahrt ein halbes Jahr zuvor schon festgestellt hatten.

In dem Bericht nach der 14-tägigen Testfahrt, bei der wir knapp 10.000 Kilometer zurückgelegt haben, sprach der Kollege Peter Limmert dem Fahrwerk ein vernichtendes Urteil aus: Bei höheren Geschwindigkeiten als sie damals in den USA gesetzlich erlaubt waren (55 mph = 88 km/h) pendelte die Gold Wing grauenhaft, rührte um die Hochachse, verwand sich längs und quer und manchmal warf sie ihren Fahrer ab. Honda Deutschland führte umfangreiche Fahrversuche durch, fuhr tagelang im Renntempo um die Nordschleife und gab bei der TU Darmstadt aufwendige Rahmenmessungen in Auftrag. Sogar ein Egli-Rahmen wurde als Vergleichsfahrwerk angeschafft, aber es gab keine greifbaren Negativ-Ergebnisse. Der im Verbund mit dem Motor fest verschraubte Rahmen war steif und verbog sich nicht. Heute weiß man, woran es lag: Der Schwerpunkt der Gold Wing war zu tief, was zur frappierenden Handlichkeit beigetragen hat. Wenn aber von außen Störeinflüsse wie etwa Querrillen auf das Fahrwerk einwirkten, dann begann die Maschine in sich zu schwingen und schaukelte sich auf.
 
Blick in den Sechszylinder, der ab 1988 gebaut wurde und zuerst mit 1520 cm3 hatte, später mit 1830 cm3 kam

Die negative Pendelneigung wurde erst dann besser, als die Gold Wing im Zuge der Modellpflege mit einer rahmenfesten Verkleidung inklusive Koffern und Topcase ausgestattet wurde, weil diese zusätzliche Masse den Schwerpunkt nach oben verschob. Das gab ein wenig Ruhe, aber wirklich vollgasfest war die Honda noch immer nicht. Über die Jahre wurde der Hubraum von 1100 (1979 bis 1983 mit 82 PS) auf 1200 cm3 (ab 1984 mit 94 PS) angehoben und eine wuchtige Verkleidung in verschiedenen Varianten montiert. Ab 1988 gab es die Gold Wing mit 1520 cm3 Sechszylinder (98 PS) und als große Besonderheit bekam sie einen Rückwärtsgang. 2001 kam eine radikal runderneuerte Gold Wing mit 1830 cm3 großem Sechszylinder und  119 PS in einem Alu-Fahrwerk. Radio, CD-Wechsler und Soundsystem hat sie an Bord, Seitenkoffer und Topcase mit Schminkspiegel, Zentralverriegelung und Navigationssystem – und seit 2006 sogar einen Airbag. Das Trockengewicht ist auf nahezu 400 Kilogramm angestiegen.

Hinzu kommen noch Fahrer, Beifahrer(in), Gepäck – da kommen mal schnell über 600 Kilogramm zusammen. Aber all dieser Schnickschnack hilft nichts, wenn das Fahrwerk hauptsächlich zum Langsamfahren taugt. »Gleiten« nennen es die Gold Winger. Mein Fahreindruck ist ähnlich einem vierrädrigen Cabrio mit heruntergelassenen Seitenscheiben. Von wegen »Wind im Gesicht«, fehlt nur noch das beheizte Windschott, damit es nicht von hinten zieht.
 
Eine Power-Studie im Stil der Yamaha Vmax

Das sind meine großflächigen Erinnerungen an die Honda Gold Wing von 1974 bis heute, von 980 bis 1830 cm3 Hubraum und von 82 bis jetzt 119 PS. Von knapp 10.000 D-Mark 1974 bis auf 32.000 Euro heute. Und immer Wackelpudding. Sorry, Honda, bei allem Respekt, aber da ist irgendetwas dauerhaft aus dem Ruder gelaufen. Übrigens ist die Gold Wing in diesem Jahr nicht mehr offiziell im Honda-Verkaufsprogramm – es gibt nur noch Restbestände zu kaufen. Für 2018 ist allerdings eine neue Gold Wing geplant. Man spricht von einem Achtzylinder im 120-Grad-V-Layout mit 2,5 Liter Hubraum. Auch der Begriff »Modulbauweise« wird in diesem Zusammenhang genannt, was so viel bedeutet wie: Es wird eine nackte Basismaschine geben und stufenweise aufgerüstete Modelle bis hin zum Super-Luxustourer. Ob dieser dann auch Flügel hat, mit denen man abheben und sich der Fahrwerksunruhen entledigen kann, werden wir dann sehen.

Tja, was sagt man dazu? »Majestätisch«, »Schrankwand« oder »Bisschen viel Pastik«? Für rund 30.000 Euro sind die letzten Maschinen aus dem Baujahr 2016 noch zu haben
 


Zum Autor
Franz Josef Schermer war ab 1972 »Motorrad«-Testchef und dann 1978 Mitbegründer sowie bis 1997 Chefredakteur und Verleger des Motorrad-Magazins MO. Er hat alle Motorräder der letzten Dekade gefahren. Für RIDE ON erinnert er sich an herausragende Exemplare - in welcher Hinsicht auch immer. Hier sind 43 Jahre Honda Gold Wing von 1974 bis 2017.
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Stand:18 February 2020 17:26:24/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/rueckblick+honda+gold+wing+-+der+franz+erinnert+sich_173.html Warning: fopen(cache/57fa9b081fd61f2db862bb3ccd5e923e.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163