Fahrbericht Honda VFR 1200 F - Satt und souverän

22.02.2010  |  Text: Dr. Heinrich Christmann  |   Bilder: Honda
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Fahrbericht Honda VFR 1200 F - Satt und souverän
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Seit mehr als 20 Jahren verkörpern die VFR’s von Honda feingeschliffene Technik-Ikonen für Leute, denen der Reihenvierer-Mainstream viel zu profan ist. Hinsichtlich des Designs passt die neue VFR 1200 perfekt in ihre nonkonformistische Ahnengalerie.
Kinder berühmter Eltern haben es meist nicht leicht. Die Erwartungshaltung an sie ist oft immens hoch, nicht wenige zerbrechen an diesem Druck, der ihnen von außen auferlegt wird. Nicht unähnlich ist das mit Nachfolgemodellen bei Fahrzeugen. Und wenn die ­Ahnen dann auch noch mit technischen Vorzeigelösungen wie Zahnradkaskaden als Nockenwellenantrieb (VFR 750) oder variabler Ventilabschaltung (VFR 800) auftrumpfen konnten, ist der Anspruch der potentiellen Kunden-Klientel an eine Neuentwicklung entsprechend hoch. Honda muss sich zudem gefallen lassen, dass man ganz Besonderes von der Firma erwartet. Der weltgrößte Zweiradhersteller ist der Viertaktspezialist schlechthin, seit Jahrzehnten zeigt Honda der zweirädrigen Viertakt-Welt, wo der Hammer hängt. 

Neu entwickelter V4
Umso gespannter war die gesamte Branche deshalb auf die gänzlich neu konstruierte VFR 1200. Motorisiert ist die Neue nicht etwa mit einem aufgebohrten Aggregat der 800 ccm-Schwester, vielmehr entwickelten die Japaner diesen großen V4 total neu. Der kompakten Bauweise wegen schrumpfte der Zylinderwinkel von 90 auf 76 Grad, und um eine besonders schlanke Taille verwirk­lichen zu können, ersannen die Ingenieure eine ungewöhnliche Zylinderkonfiguration: Der erste und vierte Zylinder liegen vorne, Zylinder zwei und drei ­liegen hinten. Entsprechend schmal baut die hintere Zylinderbank, was einen angenehm schmalen Knieschluss ermög­licht. Der Fahrersitzplatz ist perfekt ­konturiert und ausreichend dimensioniert. Leider ist er nicht höhenverstellbar und seine recht straffe Polsterung ist ­etwas gewöhnungsbedürftig.



Auch der Sozius muss ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft mitbringen, denn dessen Platz zeigt sich weder besonders üppig noch besonders weich abgestimmt. Wie kommt’s? Nun, Honda versucht mit diesem Modell den schwer zu vollführenden Spagat zwischen Tourer und Sportler, bezeichnet die VFR 1200 auch entsprechend als „Tourensportler“. Einen sportlichen Antrieb hat die Maschine denn auch ohne Zweifel: Mit ihrer Motorleistung von 173 PS spielt die große VFR ganz weit oben im Konzert der ­Superbikes mit. 

Zusammen mit dem satten Drehmoment von knapp 130 Nm ist die VFR damit wahrlich opulent ausstaffiert, ein wenig Kritik indes ist der Leistungs­entfaltung geschuldet. Unter 3.000/min geht für ein solches Trumm von Motor enttäuschend wenig, bei 4.000/min geht’s adäquat voran, doch bei zirka 5.000/min explodiert die Leistung förmlich. Geradeaus mag das noch ganz witzig sein, aber in Schräglage kann die Art, wie brachial der Motor bei 5.000 plötzlich anreißt, zu dem einen oder anderen ­ungewollten Powerslide führen. Ein verfeinertes Mapping oder eine Trak­tionskontrolle wären da sinnvoll.



Kerniger Geselle
So gar nicht Honda-typisch ist auch der vergleichsweise kernig raue Motorlauf des V4 über das gesamte Drehzahlband hinweg, ein Kribbeln ganz so, wie das die rollengelagerten Kurbelwellen der alten Z1 900 Kawas in den 70er Jahren produziert haben. In Verbindung mit dem aggressiven V4-Sound mag das so manchem Fahrer vielleicht durchaus gefallen, doch auf langen Reisen werden diese „good ­vibrations“ Finger und Zehen einschlafen lassen. Apropos lange Reisen: Mit 18,5 Litern Fassungsvermögen ist der Tankinhalt für einen Tourensportler – die Betonung liegt hier auf Touren – zu knapp bemessen.

Die Bremsen mit Teilintegral-ABS zeigten sich bei unseren ersten Fahreindrücken im gebirgigen Süden Spaniens allen Situationen gewachsen. So gar nicht sportlich kommt dagegen der riesige Radstand von 1.545 Millimetern rüber. Was die Fahrwerksentwickler da geritten hat, bleibt schleierhaft, denn selbst der hauseigene Touren-Brummi „Pan European“ hat deutlich weniger Radstand. Rechnet man dann bei der VFR noch das fahrfertige Gewicht von 267 Kilogramm hinzu, verwundert es nicht wirklich, dass hier kein neuer Handling-Überflieger entstanden ist. Die VFR 1200 ist kein unhandliches Motorrad, aber ganz besonders handlich ist sie auch wiederum nicht. Kleine, wuselige Wechselkurven sind nicht die Domäne der VFR, sie braucht das großzügig geschwungene Geläuf.



Durchaus möglich, dass sie sich mit anderen Reifen deutlich wendiger erweist. Der aufgezogene Dunlop Roadsmart schlug sich gut, ein Michelin Pilot Power könnte es aber wahrscheinlich besser; wir bleiben in dieser Sache am Ball. Doch der immense Radstand hat auch Vorteile. Ganz selten saßen wir auf einem Motorrad, das auch auf allerschlechtesten Straßenoberflächen so souverän und ungerührt seine Bahn zog. Wie auf den sprichwörtlichen Schienen schnürte die große VFR über übelste Längsrillen-Fräsungen in Autobahnbaustellen – kein Zucken, kein ­Wackeln, kein Versatz. Das ist wirklich ganz großes Stabilo-Kino.

Fazit
Der erwartete Technik-Overkill blieb bei der VFR 1200 aus – leider. Der Motor ist überaus kräftig, hat aber in der unteren Mitte ein „Turboloch“, aus dem er sich zu vehement befreit. Für einen Tourer ist der Tank zu klein, für einen Sportler ist der Radstand zu groß. Weder Verkleidungsscheibe noch Sitzbank oder Lenker sind ergonomisch einstellbar. Nicht mal eine Restkilometer-Anzeige im Cockpit gönn­ten die Kostendrücker dem edlen Teil. Demgegenüber steht die pure Kraft und Herrlichkeit des ungewöhnlichen V4- Motors, die beispielhaft satte Straßen­lage, die Unerschütterlichkeit von Fahrwerk und Bremsen und die Gewissheit, ein so­wohl stilistisch wie auch technisch sehr avantgardistisches Motorrad zu fahren.
 

Technische Daten Honda VFR1200F

Kaufpreis: 14.900 Euro zzgl. NK
Motor: 76°-V4-Motor, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 1.237 ccm
Bohrung x Hub: 81 x 60 mm
Verdichtung: 12:1
Gemischaufbereitung:PGM-FI  Einspritzung
Leistung: 173 PS bei 10.000/min
max. Drehmoment: 129 Nm bei 8.750/min
Getriebe: 6-Gang
Sekundärtrieb: Kardan
Länge: 2.250 mm
Radstand: 1.545 mm
Sitzhöhe: 815 mm
Gewicht vollgetankt: 267 kg
Tank: 18,5 Liter
Vorderradaufhängung: 43 mm USD-Gabel
Hinterradaufhängung: Pro-Link-Schwinge, Zentral­federbein
Federweg vorn: 120 mm
Federweg hinten: 130 mm
Bremsen vorn: 2 x 320 mm Scheibe, Combined ABS, Sechskolbenzangen 
Bremsen hinten: 276 mm-Scheibe, Combined ABS, Zweikolbenzange
Vorderrad: 3.50 x 17”
Hinterrad: 6.00 x 17”
Vorderreifen: 120/70 ZR 17
Hinterreifen: 190/55 ZR 17 
Farben: Weiß-/ Silber-/ oder Rot-Metallic
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Stand:08 July 2020 09:16:16/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/satt+und+souveraen_175.html Warning: fopen(cache/b2e5cdc62f42aae1203380375df62288.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163