Test BMW R nineT Urban G/S – Stadt, Land, Fluss

12.03.2018  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Tobias Kircher, Carsten Heil
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Test BMW R nineT Urban G/S – Stadt, Land, Fluss
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Basierend auf der 9T Scrambler, suggeriert die Urban mit dem legendären Zusatz G/S Tauglichkeit auf jedem Terrain. Dagegen aber sprechen nicht nur die ab Werk aufgezogenen Straßenreifen
Legendär ist ihr Namensvorbild. Die 1980 erschienene R 80 G/S war nicht nur der Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte, sie war auch der Pro­to­typ aller Reiseenduros – im Gegensatz zu denen aber wahrhaft geländetauglich. Ein hehrer Anspruch, dem die Neue schon wegen ihrer knappen Federwege nicht ­entsprechen kann.

Den Vorwurf, ein reiner Blender zu sein, kann Münchens bisher letzte 9T-Variante mit ihrem Vornamen „Urban“ allerdings entkräften. Denn hier, in der Stadt, ist sie mit ihrem grundsätzlich sehr leichten Handling, einem großzügigen Lenkeinschlag und einem dank aufrechter Sitzposition guten Überblick ein Genuss. Wie die 9T Scrambler, auf der sie basiert und von der sie lediglich optisch abweicht: durch die schmale Lampenverkleidung, den hochgezogenen Kotflügel, ihren Single-Schalldämpfer und nicht zuletzt die nostalgische Lackierung mit der typischen roten Sitzbank. Als Gesamterscheinung wirkt das ein bisschen knubbelig, etwas aus der Form gekommen – wie ich, gäbe es Weihnachten zweimal hintereinander, und wie das Paris-Dakar-Sondermodell mit seinem riesengroßen Tank, das 1984 als Hommage an BMWs gewonnene Wüstenrallye erschien. Die schlanke G/S verwandelte sich hier in ein leicht moppeliges Rallyeschwein. Ein Zug, den die Urban G/S ­optisch ­herüberrettet.



Mit 850 Millimeter Sitzhöhe thront man auf ihr am höchsten im 9T-Reigen, was neben Federwegen und 19-Zoll-Vorderrad, die sie sich mit der Scrambler teilt, an ihrer höheren Sitzbank liegt. Eine niedrigere Variante senkt sie wieder auf die von der Srcambler gewohnten 820 Millimeter. Für 405 Euro Aufpreis fährt die Urban wie die Scrambler auf eleganten Kreuzspeichenrädern, ein Muss, will man sich optisch einigermaßen ans Vorbild halten. Allerdings beeinflussen die auch die Handlichkeit.  Zwar ist das Vorderrad mit 19-Zoll-Gussfelge nur rund 300 Gramm leichter als die Kreuzspeichen, doch die scheinen kreiselkraftintensiv ganz außen auf dem Felgenring zu sitzen, denn sie beeinflussen das Handling dramatisch. Weniger beim lockeren Rollen, dafür aber umso intensiver, wenn es mit richtig Fahrt durch Wechselkurven geht und es gefühlte Minuten dauert, bis das Rad aus der einen über den Berg in die andere Schräglagenrichtung hineingehievt ist.



Standardmäßig wird die Urban mit Metzelers Straßen­pneu Tourance Next geliefert. Für Abenteurer und Dakarträumer gibt’s die kostenfreie Option auf den Grobstoller Karoo 3 aus gleichem Hause. Die sollten sich aber darüber im Klaren sein, dass auch die Grobstoller nichts an durchschlagenden Federelementen ändern können. Nicht umsonst sprechen auch die Münchner nur von „möglichen Einsätzen im leichten Gelände“. Und wer sich dann gar für die sibirische Wüste ent­scheidet, darf für 215 Euro die obligatorische Griff­heizung ordern. Ansonsten ist die Ausstattungsliste eher mau – wie die Serien­ausstattung auch.

Geschickt weckt BMW mit dem Design der Urban nostalgische Erinnerungen an die guten alten Zeiten ­vieler gereifter Herren. Denke ich zumindest, denn ich bin ja weder das eine noch das andere. Nostalgie ist jedenfalls in, schließlich propagiert sie nicht nur BMW mit der 9T-Reihe. Offenbar triggern diese Bikes positive kollektive Erinnerungen und damit auch Gefühle in uns, unabhängig davon, ob wir sie indivi­duell nachvollziehen können oder eben nicht. Ich jedenfalls bin mir dieser „Ach-wie-schön-das-war“-­Erinnerungen nicht wirklich bewusst. Daher ist mein Blick auf diese Motorräder auch etwas neutraler, distanzierter. Aber auch mich fasziniert  die Vorstellung, von befestigten Straßen durch die Stadt und über Land ohne Zögern auf Schotterpisten einzubiegen. Genau wie die Scrambler ­verströmt die Urban G/S mit dieser Option eine spannende Atmosphäre des Aufbruchs zu neuen Ufern, zu Abenteuern, zu ­größerer Vielfalt. Und der Fluss? Stellt sich dabei von ganz alleine ein.



Je länger ich diese Urban G/S betrachte und fahre, desto mehr wandelt sich mein Blick. An die Sitzhöhe hab ich mich mittlerweile gewöhnt. Und so moppelig ist sie doch eigentlich gar nicht – jedenfalls nicht für eine Stadt-Land-Fluss-Maschine.


BMW 9T Urban G/S
Fahrwerk

Beim langsamen Rollen handlich, ab Stadtspeed braucht’s einen klar gesetzten Impuls ins 14 Kilo schwere 19-Zoll-Kreuzspeichenrad. Liegt die Urban erst mal in ­Schräglage, läuft sie neutral. Ausgesprochen zäh beim Umlegen in schnellen Wechselkurven, bei kurzem Kurvenabstand fordert der nötige Impuls Kraft und bringt Unruhe ins Fahrwerk mit der weich abgestimmten, nicht einstellbaren Gabel. Das alternativ mögliche, rund 300 Gramm leichtere Gussrad ist hier eine klare Empfehlung. Federbein in ­Zugstufe und Vorspannung einstellbar, Dämpfung praxisgerecht, spricht aber ruppig an. Bremsen einfingertaug­lich, gut ­dosierbar. Lenk­einschlag großzügig. Testreifen ­Metzeler Tourance Next.

Praxis
Bequem aufrechtes ­Sitzen am breiten Lenker entspannter Kniewinkel. Soziuser­gonomie akzeptabel, aber karge Sitzfläche. Soziusrahmen demontierbar. Einzelschalldämpfer. Statt Gussfelgen hier aufgezogen: die optionalen Kreuzspeichenräder mit Schlauchlosreifen. Extras: Lampenverkleidung, hoch montierter Kotflügel, Faltenbälge. Ausstattung basic: weder Fahr­modi noch Regelelektronik, ASC und Alutank optional. ABS abschaltbar, Lenkungsdämpfer. Eine Analoguhr, kein Drehzahlmesser, reduzierte Bordcomputerfunktionen, Ganganzeige und Tankuhr fehlen. Handhebel einstellbar. Kein Hauptständer. Ölschauglas, Kardan, 10 000er-Wartungsintervall.

Emotionen
Die Urban ist nur eine optische Reminiszenz an die glorreiche G/S, weil nicht geländetauglich. Wen das nicht stört, darf Style und Unkompliziertheit genießen.
 

Technische Daten BMW 9T Urban G/S

Preis: 13.150 Euro
Leistung: 110 PS bei 7 750/min
Drehmoment: 116 Nm bei 6 000/min
Topspeed: über 200 km/h
Motor: Viertakt-Zweizylinder-Boxermotor, ölgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, dohc, Hubraum 1 170 ccm, Bohrung x Hub 101 x 73 mm
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kardan
Rahmen: dreiteiliger Gitterrohrrahmen aus Stahl
Federung vorn: Telegabel, Standrohr-Ø 43 mm, Federweg 125 mm
Federung hinten: Aluminiumschwinge mit Paralever und Monofederbein, Federweg 140 mm, Vorspannung und Zugstufe einstellbar
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1527 mm Lenkkopfwinkel 61,5°, Nachlauf 110,6 mm
Bremsen: 320-mm-Scheiben vorn, 265-mm-Scheibe hinten, ABS
Bereifung: 120/70ZR19 und 170/60ZR17
Zulässiges Gesamtgewicht: 430 kg
Tankinhalt: 17 Liter
Inspektion: 10 000 km oder 1 x jährlich
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Stand:14 November 2018 12:12:38/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/test+bmw+r+ninet+urban+gs+-+stadt+land+fluss_18312.html