Triumph lädt ein nach San Diego, USA. Präsentiert wird der neue Cruiser Speedmaster. Landschaft, Flair und Kultur scheinen prädestiniert für Triumphs neuesten Bonneville-Sprössling. Bis auf die Bobber bin ich so ein Moped noch nie gefahren, mich irritiert das frühe Aufsetzen dieser Gattung. Das aber hat noch keinen Chooper-, Bobber-, oder Cruiserfreund davon abgehalten und genau deshalb bin ich neugierig, was dieses Feeling am Ende ausmacht
Der Tag der Testfahrt startet entspannter, als ich es von den anderen Präsentationen gewohnt bin. Hier ein halbes Stündchen Puffer, dort eine Zwischenpause vor der Pause und eine lockere Tagestour von rund 240 Kilometer. Ich komme also schon am Morgen in den „Schlender-Modus“ beziehungsweise komme erst gar nicht mehr da raus – aber so verkehrt kann der ja für dieses Möppchen gar nicht sein.



Erster Eindruck und Feeling
Platz genommen, wohlgefühlt: Auch die bequeme Doppelsitzbank, auf der ich mich nun für die nächsten Stunden befinde, lädt ein zum Relaxen, Genießen, ja zum „lay back“. Die Doppelsitzbank ist übrigens ruck, zuck in eine Solositzbank verwandelbar. Meine Beine stehen in einem angenehmen Winkel auf dem Grund, mit einer Sitzhöhe von gerade mal 705 Millimetern ist sie tatsächlich etwas höher als die niedrigste Variante der Bobber. Ich drehe den Schlüssel, seitlich unterm Bein. Das ist einfach lässig: so eine kleine Geste und so viel gefühlte Coolness. Irgendwie erinnert das an aufwendig und eigens gebastelte Custombikes.

Meine Hände umfassen die Griffe am Lenker: Was ist da denn los? Während ich den Armwinkel entspannter empfinde als erwartet, muss ich meine Handgelenke nach außen drehen, der Lenker ist zum Fahrer hin gekröpft. Für einen Cruiser-Neuling ungewöhnlich bis unangenehm. Und dann erst die Füße ... Automatisiert strecke ich sie nach dem Losfahren blind Richtung Fußrasten. Mein wildes Fuß-Herumgepaddle muss aussehen wie der klägliche Startversuch eines Albatross-Jungtiers. Aber auch die schaffen es irgendwann in die Luft und so liegen kurze Zeit später meine Watscheln muskelfreundlich weit vorn auf den Rasten.



Meine größte Skepsis aber hatte mit etwas ganz anderem zu tun. Schon die Bobber ist eher schön als überhandlich. Was passiert also, wenn die verrückten Engländer die Bobber- mit der Bonneville-DNA mixen? Tja, das Gegenteil vom Befürchteten: Sie wird handlicher. Die Freude darüber, den ganzen Tag auf einem gut funktionierenden, handlichen und obendrein gemütlichen Hocker zu verbringen, lässt es mich spüren, das California-Cruiser-Feeling. 

Raus aus der Stadt geht es beherzt in eine Rechtskurve und – krrrrcchhh. Da war es, das erste Mal aufsetzen. Und das bei so schönen Kurven. Ernüchterung setzt ein. Ich muss die Kurve nur schräg anschauen und schon kratzen die Nippel der Rasten am Boden der Tatsachen, und das sogar noch früher, als ich es von der Bobber kenne. Wechselkurven gefallen der Speedmaster also gar nicht, es sind die Geraden und langgezogenen Kurven, die sie mag. Nun gut, dann ergötze ich mich eben am Motor des Cruisers.



Motor
Der Antrieb der Speedmaster stammt vom gleichen Motor wie bei der Bobber. Triumph nennt ihn High-Torque-Motor, mit anderen Worten: Der Motor kommt bereits bei sehr geringer Drehzahl ordentlich aus dem Quark. Eine kleine Kennzeichnung seitlich am Motor der Speedmaster mit der Aufschrift „1200 HT“ verrät, was drinsteckt. Dieser Twin hält auch, was er verspricht, und entfaltet sein Drehmoment von 106 Nm bereits bei 4000 U/min. Damit zieht die Speedmaster schon bei 2000 Umdrehungen ordentlich an.

Die verwandte, aber kurventauglichere Thruxton dagegen fährt mit dem sogenannten „High-Power-Motor“. Der Motor ist der gleiche, ausgelegt ist dieser aber auf Leistung. Mit satten 20 PS weniger als die Thruxton entfaltet die Speedmaster ihre 77 PS bei 6100 U/min. Für Feinde von Drehorgeln ist dieser Motor also der absolute Genuss – Freude überkommt mich. Dazu noch der tiefe, voluminöse Sound – selbstverständlich alles im Euro-4-Rahmen – herrlich. Starke Vibrationen bleiben aus, ob bei niedriger oder hoher Drehzahl, der Motor läuft ruhig.



Fahrwerk und Handling
Über die Agilität des 245-Kilogramm-Hobels auf den 16-Zoll-Schlappen habe ich mich ja bereits ausgelassen. Grundsätzlich kommt die Speedmaster mit einem fast identischen Fahrwerk daher wie die Bobber von 2017. Der Lenkkopfwinkel ist lediglich um 0,5 Grad flacher, der Federweg hinten ist von 77 Millimetern auf 73,3 geschrumpft, der Nachlauf von 87,9 auf 91,4 Millimeter gewachsen und die Bremsen packen mit der Doppelscheibe vorn inklusive Brembo-Bremszange sportlich zu.

Hinten allerdings ist die Einscheibe für meinen Geschmack zu soft. Die Cartridge-Gabel sowie das Mono-Federbein erfüllen ihre Aufgaben hervorragend – und das bringt Vertrauen ins Fahrwerk, seine Funktion und somit auch in meine Fahrweise. Auch die Kollegen mit ein paar Kilos mehr auf der Waage sind zufrieden mit der Einstellung ab Werk.

Technik 
Was darf nicht fehlen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Na klar, ein Tempomat am Motorrad. Für Liebhaber der Langstrecken kann das durchaus angenehm sein. Ansonsten lässt Triumph nichts aus, was moderner Standard ist: LED-Beleuchtung, Ride-by-Wire, ABS und Traktionskontrolle, Wegfahrsperre, zwei Modi (Road und Rain) sowie eine „Torque-Assist-Clutch“. Letzteres steht für ein erleichtertes Kuppeln, alles im Sinne der Gemütlichkeit. 



In drei Farben gibt’s die Speedmaster ab Februar 2018 beim Vertragshändler: Jet Black für 13.750 Euro, Cranberry Red für 13.875 Euro und die teuerste Variante Fusion White/Phantom Black für 14.050 Euro. 

Inspiration-Kits und Zubehör
Für die Optimierung nach individuellen Prioritäten kann sich der Fahrer der Speedmaster zwischen zwei Inspiration-Kits entscheiden: „Highway“ und „Maverick“. Wie die Namen schon verraten, ist Ersteres für längere Reisen und noch mehr Komfort konzipiert. Im Kit enthalten sind daher ein Gepäcktaschen-System, eine verstellbare Touring-Windschutzscheibe, eine besonders gemütliche Sitzbank sowie eine Rückenlehne für den Beifahrer, ein Motorschutzbügel, einige Chrom-Elemente und ein polierter und gefräster Öleinfülldeckel.

Das Maverick-Inspiration-Kit spricht reduzierte Vorlieben an: ein flacher, schwarzer Lenker, eine braungesteppte Monositzbank und schwarze Schalldämpfer (Vance & Hines). Außerdem gibt’s ein Set zum Entfernen des Sitzbankbügels inklusive Kotflügelabschluss dazu – Minimalismus rulez. 



Neben den beiden Kits gibt es jede Menge weitere Zubehörteile. Mehr als 130 an der Zahl, darunter mehrere Sitzbankvarianten, Gepäcktaschen, Schalldämpfer, Fußrasten und vieles mehr. Wer Triumph fährt, möchte aber vielleicht auch Triumph aussehen? Im Rahmen der Bonneville-Bekleidungskollektion findet sich jetzt auch die eigens entworfene Speedmaster-Serie. 
 

Fazit Speedmaster

Auf den Geschmack der Cruiser bin ich nur bedingt gekommen. Zu schade finde ich es, dass ich es bei schnellen Wechselkurven nicht mal sportlich laufen lassen kann. Den Winkel der Handgelenke am Lenker finde ich unangenehm, auf Dauer sogar schmerzend. Außerdem ist der Seitenständer etwas unglücklich positioniert und beim Ausklappen musste ich diverse Male etwas füßeln. Das entspannte Cruiser-Feeling ging dafür definitiv auf mich über. Ich würde mich dann aber auch direkt für das Maverick-Kit entscheiden: einfach hot! Zum Cruisen und Genießen ist die Speedmaster absolut geeignet. Und ich bin sehr verliebt in diesen wunderschönen Motor – da steckt Leben und Leidenschaft drin. Cool auch das seitliche Zündschloss, das passt zum Gesamtkonzept. Klassische Triumph-Finesse zeigt sich in den sauber gelösten Details und der Verarbeitung. Da gibt’s absolut nichts zu beanstanden!

MINUS
  • Frühes Aufsetzen
  • Lenkerkröpfung
  • Position des Seitenständers
PLUS
  • Wunderschöner Motor
  • Cruiser-Tauglichkeit
  • Komfort 
  • Details-Lösungen und Verarbeitung
 

Technische Daten Triumph Speedmaster

Motor: Paralleltwin, flüssigkeitsgekühlt, 8 Ventile, SOHC, 270° Hubzapfenversatz
Hubraum: 1200 ccm
Leistung: 77 PS (57 kW) bei 6100/min
max. Drehmoment: 106 Nm bei 4000/min
Bohrung x Hub: 97,6 x 80,0 mm
Verdichtung: 10,0 : 1
Kupplung: drehmomentunterstützte Mehrscheiben-Ölbadkupplung
Anzahl Gänge: 6
Endantrieb: X-Ring-Kette
Rahmen: Stahl-Zentralrohrrahmen mit zwei Unterzügen
Federung vorne: 41 mm KYB Cartridge-Telegabel, 90 mm Federweg
Federung hinten: KYB Zentralfederbein mit Umlenkung, 73,3 mm Federweg 
Reifen vorne: 130/90 B 16
Reifen hinten: 150/80 R 16
Bremse vorne: 310 mm Doppelscheibe, Brembo Doppelkolben-Schwimmsättel, ABS
Bremse hinten: 255mm Bremsscheibe, Nissin Doppelkolben-Schwimmsattel, ABS
Länge: 2195 mm
Breite: 770 mm (mit Griffen)
Sitzhöhe: 705 mm
Radstand: 1510 mm
Lenkkopfwinkel: 64,7 Grad
Nachlauf: 91,4 mm
Trockengewicht: 245,5 kg
Tankinhalt: 12 Liter
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Stand:22 October 2018 21:21:46/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/triumph+speedmaster+-+fahrbericht_18131.html