Zero DSR Black Forest – Fahrtest

28.08.2018  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Tobias Kircher
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Zero DSR Black Forest – Fahrtest
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Die Black Forest ist die Reisevariante von Zeros stärkstem E-Motorrad, der Zero DSR. In gut vier Sekunden katapultiert das E-Motorrad den Fahrer mit 146 Nm nach vorn. Das klingt nicht schlecht, aber wo sind die Haken und wie schwerwiegend sind die eigentlich?
Ich fahre an der Tankstelle vorbei, statt wie gewohnt nach meiner Testfahrt einzubiegen. Hier gehört die DSR nicht hin. Mir kommt das Bild in den Kopf, wie kürzlich eine weitere Buchhandlung im Ort schließen musste. Bücher sind nicht mehr so gefragt, es gibt jetzt E-Books: die sparen Platz und sind effizienter. Vielleicht geht es den Verbrennungsmotoren in Zukunft ja ähnlich und die Zapfsäulen werden schon bald gegen Ladesäulen ausgetauscht. Der Gedanke macht mich ein wenig traurig, ich würde die nette Dame aus der Tanke vermissen.  



Genau wie bei den E-Books habe ich zunächst Schwierigkeiten, Leben bei der DSR zu spüren. Da ist kein Motor, der unter dir arbeitet, den du spürst, fühlst und riechst. „Wie bekomme ich sie denn an?“, frage ich den Händler. Er grinst und sagt: „Sie ist schon an.“ Huch! Relativ leidenschaftslos starte ich also die Testfahrt. Und dann kommt der Schlag. Ich überhole ein Auto auf der Landstraße, dreh am Hahn und bevor meine Bauchmuskeln angespannt sind, schnellt die Black Forest schon nach vorn. Eine Schrecksekunde habe ich Angst, mir könnte das Vorderrad unkontrolliert in die Höhe steigen. Aber das passiert nicht – auch nach wiederholten Versuchen nicht. Was ein Drehmoment! Unmittelbarer könnte es nicht sein. Genauer gesagt: 146 Nm bei 3850/min. Das entspricht in etwa der Gewalt einer Ducati 1299 Panigale R mit 142 Nm. Klar, die Panigale peitscht mit 209 PS herum, während der Akku der Zero es nur auf 69 PS schafft. Aber das mindert nicht den Spaß an diesem brachialen Abzug. Tja, leblos ist das auf einmal gar nicht mehr. 



Auch das Fahrwerk kommt ganz klar in meine Spaß- und Wohlfühlecke. Die Black Forest hat einen großen Federweg und ist hervorragend abgestimmt. Für den ein oder anderen vermutlich zu weich – für mich als Fliegengewicht aber hervorragend. Sie rollt gut über jegliche Art von Untergrund, sei es Kopfsteinpflaster, Schotter oder Stein. Genauso multitaskingfähig ist die Bereifung: Pirellis MT60 sind Allrounder und auch auf dem Asphalt arbeitet das Gummi zuverlässig. Das geländetaugliche Profil produziert keine Pfeifgeräusche auf der schnellen Geraden und nervt auch in Kurven nicht. Genau hier kommt auch das nächste Plus der DSR zu Geltung. Vorderradorientiert prescht das Motorrad um die Ecken und wird durch den breiten Lenker nur noch handlicher. Die Vorderradbremse packt etwas knackiger zu als die des Hinterrads, wobei auch die absolut funktional sind. Die Liste der Freude wird immer länger: tolles Fahrwerk und klasse Bereifung, gute Bremsen und das Handling einer Supermoto. 

Ein Fakt, der bei vielen einen akuten „Haben-will-Effekt“ auslösen könnte: Es gibt keine Inspektionen – keine Intervall-Check-ups, keine Kilometerinspektionen, nichts. Die Garantie des Akkus läuft fünf Jahre bei freier Kilometeranzahl. Nicht schlecht.



Und wird die Black Forest doch nicht zum Pendeln oder zum Ritt zum Lieblingsitaliener genutzt, sollte sie wunderbar für die Reise gerüstet sein – so schaut sie jedenfalls aus. Es gibt jede Menge Stauraum, dank der drei Givi-Alu-Koffer, die serienmäßig dabei sind. Außerdem im Programm: ein großer Windschild, große Sturzbügel, Handschützer, Nebelleuchten und geländetaugliche Fußrasten. Auf Letzteren ist der Stand sicher und da kein heißer Motor an den Beinen anliegt, kann das Motorrad im Gelände sehr gut über die Knie geführt werden. Der Windschild ist mir leider ab 150 Sachen eingeklappt – das muss aber längst nicht die Regel sein. Jeder der drei Koffer hat seinen eigenen Schlüssel, eine absolute Katastrophe für Schlüsselverleger. Und auch für alle anderen eine nervige Sache. Eine Sozia ist bei der Black Forest nicht sehr willkommen, denn die entsprechenden Fußrasten liegen nur wenige Zentimeter vor den Seitenkoffern. Das kommt mir sehr knapp vor.



Bei Volldampf auf der Autobahn erreiche ich 170 bis 180 Sachen. Das ist schon eine Hausnummer, bedenkt man, dass das Fahrzeug von Strom angetrieben wird. Lange hält es diese Geschwindigkeit aber nicht durch. Mehr als hundert Kilometer würde ich bis zum nächsten Laden nicht einkalkulieren. Fürs Strecke machen also ungeeignet und damit schlecht für Fernreisen. Hundertzwanzig Kilometer Reichweite auf Autobahnen gibt Zero selbst an. Das wird sogar in etwa zutreffen, aber die Restkapazität wollte ich nicht ausreizen – zumal nicht an jeder Ausfahrt eine Ladesäule wartet. 

Auf der Landstraße oder beim Ausritt mit Freunden, kann mit hundertfünfzig Kilometer Reichweite gerechnet werden. Spätestens dann wird eine Kaffeepause erzwungen. Die sollte wiederum vorher durchdacht werden, sodass die Black Forest nicht irgendwo im Wald steht, fernab jeder Stromstation. 



Im Stadtbetrieb kommt die DSR gut 220 Kilometer weit. Das muss allerdings überhaupt nicht ausgereizt werden, denn wenn es irgendwo Ladesäulen gibt, dann hier. Kosten pro Ladung gibt der Hersteller mit geschätzten 3,70 Euro an. Tatsächlich gibt es aber wohl noch eine Menge kostenfreie Ladestationen. Warum? Die Berechnungssysteme dahinter sind zum Teil so teuer, dass es sich für die Anbieter kaum rechnet. Also Augen offen halten und kostenlos „tanken“. Verschiedene Apps zeigen an, wo es welche Art der Ladestation gibt und was die Kilowattstunde dort kostet – oder ob überhaupt.

Durch die etwas erfolgreicheren E-Autos gibt es mittlerweile einige Typ2-Stationen, die per Schnellladekabel genutzt werden können. Sie laden mit sechs Kilowattstunden innerhalb von zweieinhalb Stunden, von null auf hundert Prozent. Das Kabel wird von der Ladesäule automatisch verriegelt und so kann der Fahrer das Motorrad beim Laden verlassen. Diese Option hat sich aber im Preis gewaschen: 24.670 Euro, statt mit regulärem Kabel 21.980 Euro. Mit dem normalen Kabel kann jede Standard-Steckdose genutzt werden. Von null auf fünfundneunzig Prozent lädt das Motorrad zehn Stunden. Hinweis dazu: Die Geschwindigkeit des Ladens hängt auch vom Akkustand ab. Muss nur von siebzig auf hundert Prozent geladen werden, geht es deutlich schneller. Zu beachten ist jedoch, dass der Besitzer eines E-Mopeds im besten Falle eine Garage besitzen oder im Erdgeschoss wohnen sollte. Fünfte Etage eines Mehrfamilienhauses mitten in der Stadt könnte eine Herausforderung für jedes Standardkabel sein. Zumal dieses nicht verriegelt und das Moped damit vor Diebstahl schützt. 



Nach meinem Gefühl ist das Buch noch nicht ganz ausgelesen. Es wird noch eine ganze Weile jene Buchliebhaber geben, die den Geruch bedruckter Seiten nicht gegen ein E-Book tauschen möchten. Und genau da sehe ich aktuell auch die E-Motorräder. Es muss sich noch eine ganze Menge in Sachen Infrastruktur und Technik bewegen, dass sie mit dem Standard der Verbrennungsmotoren mithalten können. Ich denke, dass dann aber die Stunde von Zero schlägt und die Menschen wieder aufatmen können – im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Leute werden darüber lachen, über das lächerliche Drehmoment der alten Gurken aus dem Jahre 2018. 

Technische Daten ZERO DSR Black Forest


Motor: luftgekühlter, bürstenloser Permanentmagnetmotor
Leistung: 69 PS (52 kW) bei 3850 U/min
Drehmoment: 146 Nm
Leergewicht: 200 Kg
Antrieb: Zero-Z-Force-Antriebssystem (kein Kuppeln oder Schalten)
Reichweite: 120–250 Kilometer
Höchstgeschwindigkeit: 160-170 km/h
Ladezeit: 1 Stunde für weitere 150 Kilometer
Ladetyp: Typ 2 oder reguläre Steckdose

Ausstattung
  • Topcase und Seitentaschen aus schwarzem Aluminium von Givi (drei einzelne Schlüssel)
  • Touring-Windschutzscheibe
  • Touring-Sitzbank
  • Dual-Sport-Rennlenker
  • LED-Zusatzbeleuchtung 
  • Scheinwerferschutz 
  • Zero-App: Erlaubt das Nachvollziehen sowie die Konfiguration der Fahrleistung 

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Stand:14 November 2018 12:11:08/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/zero+dsr+black+forest+-+fahrtest_18828.html