Harley-Davidson Ultra Limited vs Indian Roadmaster - Heavy Metal ohne Gitarren

25.07.2018  |  Text: Matthias Hirsch  |   Bilder: Tobias Kircher
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Harley-Davidson Ultra Limited vs Indian Roadmaster - Heavy Metal ohne Gitarren
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Mit den aktuellen Versionen der amerikanischen Tourer-Dickschiffe kann man sehr wohl mehr als nur geradeaus fahren. Vorbei die Zeiten als man in hiesigen Gefilden durch die Kurven wankte, sowohl Ultra Limited als auch Roadmaster lassen sich mit viel Fahrspaß und hoher Tourentauglichkeit bewegen – auf eine immer noch ganz amerikanische und gewichtsträchtige Art und Weise.
Meine erste Begegnung mit einer Electra Glide liegt schon einige Jahre zurück. Bequem aber nur bedingt fahrtauglich blieb mir die Harley in Erinnerung. Polteriges Fahrwerk, nicht vorhandene Schräglagenfreiheit und ein mit dem hohen Gewicht etwas überforderter Motor verlangten ein hohes Maß an Begeisterung des American Way of Drive – was mir tatsächlich abging. Aber die Amis haben die letzten Jahre nicht geschlafen. Owohl die Ultra Limited sich rein optisch wenig verändert hat, ist aus technischer Sicht kräftig nachgelegt worden. Stichwort kräftig passt vor allem zu dem Milwaukee-Eight genannten Antrieb. Auch hier: Äußerlich wenig Veränderung und doch endlich ein mächtiges Kraftwerk. 1745 Kubik, teilweise flüssigkeitsgekühlt, sorgen für beachtliche 90 Pferde bei 5450 Umdrehungen. Viel wichtiger: Das mächtige Drehmoment von 153 Nm bei sehr niedrigen 3250 Umdrehungen.



Und als amtlicher Fulldresser glänzt die Ultra Limited natürlich auch bei der Ausstattung. Koffer und Topcase sorgen für viel aber nicht mannigfaltigen Stauraum. Die Bedienung der Koffer verdient endlich das Prädikat gelungen, die Form kostet noch immer Schluckvermögen. Das Boom!Box 6,5GT genannte Infotainment kann Navigieren, lässt sich per Bluetooth und USB mit allerlei Gerät verbinden, spielt Musik von diesen und ist ungefähr so einfach zu bedienen wie die Kanzel eines Überschallfliegers. Ich kann gerne darauf verzichten, zumal man ab 80 km/h sowieso nichts mehr hört. Ein Tempomat ist natürlich auch an Bord und für den braucht es nicht einmal eine Bedienungsanleitung. Etwas unverständlich ist der noch immer nicht einstellbare Windschild, hier wäre eine höhenverstellbare Scheibe bei dem Preis mehr als gerechtfertigt. Ach ja, der Preis. Die Welt der Ultra Limited beginnt bei 29.595 Euro in Schwarz, eine andere Farbe kostet 240 Euro Aufpreis, zwei Farben 770 und Jubiläumslackierung 1.440 Euro. Macht bei einem Gewicht von 413 kg einen Preis von 71,66 Euro pro Kilo.

Ob die Indian Roadmaster mit 72,51 Euro wirklich teurer ist, darf zu Recht angezweifelt werden. Die Standardversion kostet 30.600 Euro und bringt 422 kg auf die Waage. Der Preis gilt übrigens für die einfarbigen Varianten, zweifarbig kostet 1.050 Euro Aufpreis. Grundsätzlich gleichen sich die Harley und Indian in Machart und Ausstattung, aber die Roadmaster setzt in vielen Dingen noch einen drauf. Das Koffersystem ist ähnlich praktisch (oder auch unpraktisch) wie das der Harley, das Topcase hat aber etwas mehr Volumen. Das Infotainment kann die gleichen Dinge wie die Boom!Box, ist aber intuitiv zu bedienen. Die Sitzmöbel beider kommen so manchem Ohrensessel verdammt nahe, aber die der Indian ist zusätzlich mit einem Rautenmuster gesteppt. Und der Windschild lässt der Roadmaster lässt sich per Knopfdruck in der Höhe verstellen.



Der Indian-V2 ist zweifelsohne das schönere Aggregat, alleine die Gestaltung der Zylinderköpfe ist eine Augenweide. Er stemmt stramme 84 PS und beeindruckende 150 Nm bei extrem niedrigen 2500 Umdrehungen, Insgesamt wirkt die Roadmaster wertiger, schmeichelt dem Auge aber auch den Fingerspitzen. Die Kunststoffe fassen sich angenehmer an, bei den Bedienelementen ist die Indian eine Klasse vor der Harley. Die ist insgesamt gut verarbeitet und alles andere als mit billigen Kunststoffen behängt. Aber sie ist weniger detailverliebt, wirkt mehr nach Großserie als die Indian. Doch auch die Roadmaster kann in diesem Fach enttäuschen. So kratzte sie auf den ersten Metern in jeder Kurve. Der Übeltäter war schnell gefunden: Das überstehende (lange) Ende eine simplen Schlauchschelle stand nach unten und schliff sich nach und nach ab.

Aufsitzen und losfahren. Der Fahrer sitzt komplett aufrecht und recht niedrig, im Fall der Indian richtig niedrig. Die Roadmaster bettet den Fahrer gerade einmal 673 Millimeter über der Fahrbahn. Der Harley-Pilot sitzt mit 740 Millimetern also knappe 70 höher. Das erhöht die Standfestigkeit des Fahrers bei der Indian und hilft die Fuhre etwas sicherer zu rangieren. Und über 400 Kilo Motorrad wollen sehr bewusst rangiert sein, der Abstellplatz sollte wohl überlegt ausgewählt werden. Denn diese Wuchtbrummen rückwärts gegen eine noch so geringe Steigung zu manövrieren, ist ein absolut kräftezehrender und unter Umständen schweißtreibender Vorgang. Gut dass man sich anschließend entspannt in die üppigen Polster fallen lassen kann. Die Roadmaster bietet dabei dem unteren Rücken etwas mehr Stütze in Form des Soziusplatzes, betoniert den Fahrer dadurch aber fest in die Sitzkuhle. Auf langen Strecken zwickt der Sitzplatz der Indian schneller, es fehlt an Bewegungsfreiheit für den Allerwertesten.



Hier punktet die Ultra Limited. Zwar ist der Fahrer auch hier fest in das Dreieck aus Lenker, Trittbretter und Ohrensessel integriert, aber die Kontur der Sitzbank lässt einen mal nach links oder rechts rutschen. So ermüdet der Hintern weniger und hält länger durch. Doch diesen Vorsprung verliert die Harley-Davidson schnell durch das nicht verstellbare Windschild. Zwar lässt sich die Scheibe mittlerweile hinterströmen und vermeidet lästige Verwirbelungen, aber die Höhe des Windschilds ist nicht gut gewählt. Zwerge und Hühnen kommen damit klar, der eine sitzt unter dem Luftstrom, der andere darüber. Dazwischen trifft der Fahrtwind mit voller Wucht auf den Fahrerkopf und sorgt ab 100 km/h für unangenehmen Zug auf den Augen oder unerträglichen Lärm am Helm. Im schlimmsten Fall sogar für beides.

Das kann die Roadmaster besser, aber auch nicht perfekt. Die Verstellung des Windschilds erweitert  zwar den Wohlfühlbereich, aber spätestens ab 140 km/h wird es auch hier unangenehm. Dafür schützt die Indian den Fahrer sehr effektiv, vom Oberkörper bis hin zu den Händen bleibt der Pilot vom Fahrtwind verschont. Bei hohen Temperaturen kann dies schnell zum Nachteil werden, zumal der dicke V2 ordentlich Hitze zum Fahrer drückt. Eine lange Autobahnetappe bei über 30 Grad wurde so zur echten Hitzeschlacht, im Stau jeder LKW als Schattenspender genutzt.



Aber wer will schon auf der Autobahn mehr Strecke machen als man unbedingt muss – egal mit welchem Moped. Die ersten Meter verlangen sowohl mit der Roadmaster als auch der Ultra Limited nach einigem Respekt. Langsamfahrt mit dem Gewicht und der etwas ungünstigen Verteilung dessen will geübt sein. Die schweren und hoch angebrachten Topcases sorgen für eine hohe Hecklast. Mit zunehmender Fahrt wird das Handling einfacher, handlich sind beide jedoch in keinem Fall. Sie lassen sich dennoch recht einfach durch kurviges Geläuf bewegen, mit geübter Hand sogar flotter als so mancher glauben mag. Denn die Amerikaner haben mittlerweile etwas von Dämpfung und Schräglagenfreiheit gehört. 

Die Ultra Limited ist kein Vergleich zu meinen Erinnerungen. Der Motor schiebt in allen Lagen satt an, zeigt eine spontane Gasannahme und ist so überhaupt nicht phlegmatisch. Das Fahrwerk ist ausreichend straff gedämpft und lässt bei gutem Fahrbahnzustand eine flotte Gangart zu. Kleine Unebenheiten verkraftet die Harley dann noch, wird es gröber hilft nur vom Gas zu gehen. Ein ähnliches Bild zeigen die Bremsen. Bei beherztem Griff und Tritt in die Eisen, lässt sich die Ultra Limited gut einbremsen. Von einer Zweifinger-Bremse mit Wurfanker-Wirkung ist dies jedoch meilenweit entfernt. Aber wer will das bei dieser Fahrzeuggattung schon? Hier ist Cruising angesagt, der V2 bollert und schiebt kräftig an, die Kurve will bewusst angebremst und -gesteuert werden und dann geht es mit viel Schwung (und Massenträgheit) durch. Alleine der Sound beim Rausbeschleunigen entschädigt für eventuell nicht vorhandene Sporttalente. 



Das gilt in hohem Maß auch für die Indian Roadmaster und wieder schafft sie es etwas mehr zu begeistern. Was Power und Performance betrifft, kann sie der Harley-Davidson nicht ganz das Wasser reichen. Zwar geht sie weich ans Gas und zieht sauber durch, allerdings nicht mit der Vehemenz der Harley. Sie braucht etwas mehr Drehzahl, ab 2500 Umdrehungen legt sie sehr spürbar nochmal Kohlen nach. Aber die Wahrnehmung bezieht ja nicht nur auf die reine Beschleunigung sondern ist die Summe aller Lebensäußerungen. Und hier sticht die Roadmaster, denn ihr Antrieb wirkt kerniger und klingt vor allem so. Bereits im Serientrimm klingt die Indian sehr stämmig, bollert tiefer und lauter als die Harley. Und gerade weil sie bei einer bestimmten Drehzahl nochmal spürbar an Power nachlegt, macht es die ganze Sache so unterhaltsam. So fühlt sich die Roadmaster uriger an, hat mehr Kanten als die mittlerweile etwas weichgespülte Harley ohne dabei zickig zu sein.

Fazit Ultra Limited

Ohne Zweifel die beste Electra-Glide die Harley-Davidson je gebaut hat. Der Motor hat für das hohe Gewicht genug Kraft und hängt dazu noch recht direkt am Gas. Das Fahrwerk hat endlich so etwas wie eine funktionierende Dämpfung und ausreichend Schräglagenfreiheit. Allerdings ist mit wachsender Power und Alltagstauglichkeit ein wenig der Harley-Flair auf der Strecke geblieben. No-Go: der (immer noch) nicht verstellbare Windschild.

Fazit Roadmaster

Da es die Roadmaster noch nicht lange gibt, ist sie zwangsläufig die bisher beste. Die Indian pflegt ihren eigenen Style und kann aufgrund des klangvollen Namens der Harley in Sachen Mythos Konkurrenz machen. Dazu ist sie mit viel Liebe zum Detail gebaut und zeigt der Harley damit wie es noch besser geht. Wirklich erstaunlich ist, das die Roadmaster ausgerechnet beim Sound und der Performance in Erinnerung bleibt, obwohl die Harley mehr Power hat. Alles in allem ein sehr stimmiges Gesamtpaket.
 

TECHNISCHE DATEN Harley-Davidson Ultra Limited

Basispreis: 29.595 €
Motor: Luft- und flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-V-Motor
Hubraum: 1745 ccm
Leistung: 91 PS (67 kW) bei 5450/min
max. Drehmoment: 153 Nm bei 3250/min
Bohrung x Hub: 100 x 111,1 mm
Verdichtung: 10 : 1
Gemischaufbereitung: elektronische Einspritzung
Kupplung: Mehrscheiben Ölbad
Anzahl Gänge: 6
Endantrieb: Zahnriemen
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vorn: Telegabel 49 mm
Federweg vorn: 117 mm
Federung hinten: Zwei Federbeine
Federweg hinten: 76 mm
Reifen vorn: 130/80 B17
Reifen hinten: 180/65 B16
Bremse vorne: Doppelscheiben gelocht 300 mm, Vierkolben-Festsattel
Bremse hinten: Scheibe gelocht 300 mm, Vierkolben-Festsattel
Länge: 2600 mm
Breite: 960 mm
Höhe: 1440 mm
Sitzhöhe 740 mm
Radstand: 1625 mm
Lenkkopfwinkel: 26 Grad
Nachlauf: 170 mm
Leergewicht: 413 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 617 kg
Tankinhalt: 22,7 Liter
 

TECHNISCHE DATEN Indian Roadmaster

Basispreis: 30.600 €
Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-V-Motor
Hubraum: 1811 ccm
Leistung: 
max. Drehmoment: 150 Nm bei 2100/min
Bohrung x Hub: 100 x 111,1 mm
Verdichtung: 9,5 : 1
Gemischaufbereitung: elektronische Einspritzung
Kupplung: Mehrscheiben Ölbad
Anzahl Gänge: 6
Endantrieb: Zahnriemen
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vorn: Telegabel 46 mm
Federweg vorn: 119 mm
Federung hinten: Federbein
Federweg hinten: 114 mm
Reifen vorn: 130/90 B16
Reifen hinten: 180/60 R16
Bremse vorne: Doppelscheiben 300 mm, Vierkolben-Bremssattel
Bremse hinten: Scheibe 300 mm, Zweikolben-Bremssattel
Länge: 2656 mm
Breite: 1000 mm
Höhe: 1491 mm
Sitzhöhe 673 mm
Radstand: 1668 mm
Lenkkopfwinkel: 25 Grad
Nachlauf: 150 mm
Leergewicht: 422 kg
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Stand:14 November 2018 12:11:54/test+_und_+technik/motorr%C3%A4der/harley-davidson+ultra+limited+vs+indian+roadmaster+-+vergleich_18704.html